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Yami wo & Jiyuue

Cassis

yami (wo) alias Jasmin
NAMONAKI JIYUUE alias Mandy

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4.Kapitel
5.Kapitel
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Snowwhite-Innocence

Kapitel 4

Warum haust du denn ab? Warte doch mal., rief Kai, welcher sich mühevoll an der beigefarbig gestrichenen Wand des Hotelflures in der zweiten Etage entlang tastete.

Ja, ohne diese würde er wohlmöglich in seinem momentanen Zustand wie ein nasser Sack zu Boden fallen. Kai war mit seinen Bandkollegen und dem Team vom Staff relativ spät im Hotel angekommen. Es hatten wohl alle auf der After - Show - Party von MTV-Japan etwas zu viel getrunken, vor allem Kai, der ja eigentlich überhaupt nicht der Typ für so etwas war.

Und auch Jasmin, die ja um einiges mehr vertragen konnte, hatte an diesem Abend wohl zu viel getrunken. Allerdings sah man es ihr nicht unbedingt auf dem ersten Blick an, denn sie brauchte keine Wand, an welcher sie sich abstützen musste - im Gegenteil. Sie tanzte und hüpfte lachend auf dem Gang herum. Dass in der selben Etage sich auch Leute befanden, die um 4.00 Uhr morgens schlafen wollten, ignorierte sie, während sie sich zu Kai umdrehte, der noch einige Meter von ihr entfernt an der Wand gelehnt stand und einen Eindruck hinterließ, als wollte er keinen einzigen Schritt mehr gehen.

Machst du schon schlapp?, kicherte Jasmin, die sich ihr dunkles, langes Haar, mit schwarzpink gefärbten Strähnen über die Schultern nach hinten strich.

Im gedämpften Licht, welches von den Kronleuchter ähnlichen Wandleuchten ausging, wirkten ihre pinkfarbigen Haarsträhnen fast schon rötlich, während sie gerade einige Schritte auf Kai zugegangen war, bevor dieser plötzlich mit erheblichen Anlauf auf sie zugestürmt kam, wie ein kleiner Junge kicherte und sie zu allem Überfluss auch noch mit zu Boden riss.

Er konnte nicht rechtzeitig bremsen und lag somit auch auf Jasmin, die ihn im selben Augenblick anstarrte, als wäre er nicht von dieser Welt.

Ich und schlapp machen?, kicherte er, bevor er dann einfach seinen Kopf auf ihrem Brustkorb sinken ließ und deutlich das Heben und Senken ihrer Brust, sowie ihren Herzschlag wahrnehmen konnte.

Er atmete ihren süßlich, lieblichen Geruch ein, während ihre angenehme Körperwärme ihn plötzlich müde machte. Allerdings schien er wohl vergessen zu haben, dass sich beide immer noch im Hotelflur aufhielten und im nächsten Moment vielleicht ein anderer Gast aus einem der Zimmer in dieser Etage kommen könnte.

Geh von mir runter. Wie sieht denn das aus? Wenn uns jemand so sieht..., bemerkte Jasmin, die mühevoll versuchte, Kai von sich herunter zu drücken.

Jasmin versuchte bereits schon einige Minuten später Kai an den Händen wieder zum Stehen zu bringen. Er hingegen hinterließ wohl eher weniger den Eindruck, als würde er das wirklich wollen. Im Gegenteil. Er schien sich noch förmlich einen Spaß daraus zu machen, sie erneut zu Boden zu reißen und dabei zu lachen, wie ein kleiner Junge, der Freude an seinem Spielzeug hatte.

Jasmin hingegen fand sein Verhalten mittlerweile eher weniger lustig. Der Grund lag nicht darin, dass jeden Moment irgendwelche Hotelgäste aus ihren Zimmern kommen und sich laut fluchend beschweren könnten. Nein, der Grund dafür war einfach nur der, dass sie sehr müde und abgekämpft war, auch wenn sie eher einen aufgeweckten Eindruck machte.

Sie arbeitete von früh bis spät, oftmals sogar bis in den frühen Morgen hinein, und das ohne ausreichend Schlaf. Permanent musste sie die Jungs von Gazette zu irgendwelchen Interviews, Fernsehauftritten oder Fototerminen begleiten - so war es auch in den letzten Tagen. Und irgendwann würde sicherlich auch die Masse an Kaffee und Energiedrinks keine große Wirkung mehr zeigen. Sie wusste kurze Zeit später gar nicht mehr so wirklich, wie sie es geschafft hatte, Kai ohne weitere Anstalten in sein Zimmer, welches sich unmittelbar neben ihrem in der dritten Etage befand, zu bringen.

Es ähnelte dem Gefühl von Erleichterung, endlich die beruhigende Stille auf dem Flurgang hören zu können, als sie bei Kai an der Zimmertür stand und ihm eine gute Nacht wünschen wollte. Er hatte ihr einen Blick zugeworfen, der verriet, dass er sich wohl damit allein nicht zufrieden geben wollte.

Kannst du nicht..., reagierte er plötzlich jedoch recht verlegen, bevor er seinen Kopf senkte und alles andere als offen erschien. Das war überhaupt nicht Kai´s Art.

Er galt als offen in jeglicher Hinsicht. Nur dieses Mal schien es wohl anders zu sein.

Jasmin spürte deutlich, dass es ihm unangenehm war. Sie sah es ihm an, während er nervös mit den Händen an dem Verschluss seines schwarzen Ledergürtels spielte.

Wohlmöglich wollte er, dass Jasmin über Nacht bei ihm bleibt, aber nicht wirklich hatte er sich getraut, diesen Wunsch auszusprechen.

Das gedämpfte Licht im Flur und ihr Schatten vor ihm warfen eigenartig dunkle Schatten in sein Gesicht, als er daraufhin wieder seinen Kopf hob, um Jasmin anzusehen.

Man konnte deutlich seine leicht angeschwollenen Augen erkennen, genau so, wie die kleinen dunklen Ringe darunter.

Aber nicht nur Kai schien an zu wenig Schlaf zu leiden. Den anderen Jungs erging es genau so. Dagegen schien wohl keine Überdosis Kaffee oder Energiedrinks zu helfen.

Nicht einmal das perfekteste Make - up war auf Dauer eine gute Methode, um all den Stress, welchem die Band in den letzten Wochen standhalten musste, zu verdecken.

Und auch bei Jasmin konnte man schon die ersten Anzeichen von Übermüdung erkennen. Auch wenn sie mental versuchte, ihre Abgespanntheit zu überspielen, war es ihr optisch überhaupt nicht möglich.

Ich bin müde., sagte Jasmin daraufhin leise, bevor sie dann noch ein sanftes Lächeln aufsetzte, während Kai einen fast schon traurigen Blick erwiderte.

Kannst du nicht bei mir bleiben?.

Ja, Kai hatte dann doch geschafft, das auszusprechen, was ihm zuvor wie ein Kloß im Hals stecken geblieben war.

Jasmin war keineswegs überrascht, schließlich wusste sie mittlerweile gut mit seiner offenen Art umzugehen.

Jasmin lehnte allerdings seinen Wunsch ab.

Wieder machte sie ihm deutlich, dass sie doch müde sei und schlafen gehen wolle.

Natürlich war es die Wahrheit. Ihr fehlte der Schlaf.

Aber den Grund dafür verdrängte sie rasch wieder, als Kai sie daraufhin einfach an den Händen an sich gezogen hatte, bevor er einfach seine Arme um ihre Hüften geschlungen hatte. Es war ihr förmlich unmöglich darüber nachzudenken, warum der Grund für ihren fehlenden Schlaf den Namen Uruha tragen musste.

Es waren Gedanken, die niemand sonst hatte. Niemand wusste davon. Niemand schien auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, weshalb Jasmin an diesem Morgen kaum gefrühstückt hatte.

Selbst Kai, dem sie seit kurzem schon sehr nahe stand, erfuhr von all dem nichts. Sie redete an diesem Tag kaum mit Kai, blühte allerdings wieder förmlich auf, als sich der Abend genähert hatte und sie mit den Jungs und dem Rest von der Road Crew wieder im Hotel angekommen war.

Vermutlich fehlte ihr etwas mehr Zeit für sich, allerdings schien wohl niemand vom Stuff oder von den Jungs das Gleiche zu empfinden, wenn sie Jasmin so beobachteten.

Ich möchte nicht alleine schlafen. Das ist blöd..., erwiderte Kai mit einem aufgesetzt frechem Lächeln auf den Lippen, bevor er ihr einfach mit den Händen unter das weiße, weit ausgeschnittene T - Shirt gekrochen war. Jasmin nahm seine warme Berührung mit Gänsehaut wahr. Es war ja nicht so, dass es sich schlecht anfühlte. Nein, im Gegenteil.

Aber musste zwischen Kai und ihr denn das Gleiche passieren, was zwei Nächte zuvor zwischen Uruha und ihr geschah?

Und als ihr plötzlich Uruha wieder ungewollter Weise in den Kopf kam, riss sie sich ruckartig von Kai los und schob ihn von sich weg.

...nein, nicht..

Es war nicht diese Reaktion Kai gegenüber, die sie sich selbst unbedingt gewünscht hatte.

Sie wirkte mit einem Mal so schreckhaft, fast schon ängstlich, dass man wirklich meinen könnte, sie hätte eine schlechte Erfahrung gemacht.

Allerdings war dies für Kai fraglich, denn bislang hatte sie keine Einwände gegen diese Art von Berührung von ihm.

Warum dieses Mal? Was war so anders?

Fragen über Fragen, die sich Kai selbst nicht zu beantworten wusste.

Nicht einmal ansatzweise würde er auf den Gedanken kommen, dass Uruha etwas damit zu tun haben könnte, schließlich steckte sie die Streitereien mit ihm immer ganz gut weg.

Das war leider momentan wohl eher der oberflächliche Eindruck, den alle hatten.

Niemand wusste, wie es tief in ihrem inneren aussah. Niemand wusste, dass diese Angelegenheit Jasmin sehr nahe ging, denn immerhin war Uruha jahrelang wohl der einzige Mann, welcher ihr ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte.

Regelrecht fluchtartig war Jasmin daraufhin einfach und ohne ein weiteres Wort in ihr Hotelzimmer geflüchtet..

Nachdem sie geduscht, sich anschließend am graumarmorierten Waschbecken in dem recht kleinen, aber sehr luxuriös erscheinenden Badezimmer die Haare geföhnt und die Zähne geputzt hatte, hatte sie sich ins Bett gelegt. Noch eine Weile blieb das sanfte Licht der Glasleuchte an der Wand über dem Bett angeschalten, während ihre Blicke abwechselnd von der weißgestrichenen Zimmerdecke, an der lediglich dekorativ ein goldener Kronleuchter hing, zum Fenster mit den dezent verzierten, goldenen Fensterrahmen wanderte, versuchte sie mühevoll die Erinnerungen an die Nacht vor zwei Tagen aus ihrem Kopf zu verbannen.

Alles glich einem Film, welcher sich auf Endlosschleife in ihrem Kopf abspielte.

Es wirkte so real. Alles war so, als würde sie es erst jetzt in diesem Augenblick erleben - hier in diesem Bett, an dem Ort, an welchem sie vor vielen Stunden Uruha ausgiebig geliebt hatte.

Allerdings waren es lediglich ihre Erinnerungen, die noch immer in ihrem Zimmer wie Geister herumspukten, Uruha´s Schatten an die Wände malten, obwohl es nicht seine, sondern die der Wandleuchte über ihrem Bett waren.

Mit einem leichten Zucken in der linken Schulter war sie kurz darauf wieder aufgewacht.

Jasmin hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sie eingeschlafen war.

Genauso wenig hatte sie mitbekommnen, dass es an ihrer Zimmertür geklopft hatte.

Natürlich glaubte sie, sich zu irren, als sie ihre rechte Hand nach dem weißen Schalter neben der Wandleuchte über dem Bett ausstreckte, um diese auszuschalten, es aber erneut klopfte.

Sie ahnte nicht, dass es Uruha war, der mit seinen nassen Haaren an einen im Regen stehen gelassenen Pudel erinnerte, als er wartend vor ihrer Tür stand.

Uruha?, ertönte in unmittelbarer Nähe die tiefe Stimme des Sängers Ruki, dessen blonde, schulterlangen Haare nass und strähnig recht wild durcheinander auf seinem Kopf lagen, während er in schwarzem T - Shirt und gleichfarbiger Jeans auf Uruha zu kam und bei ihm den Eindruck zu erwecken schien, dass Ruki sich auch nicht wirklich ohne Grund im Hotelflur aufhielt.

Als Ruki unmittelbar neben Uruha stand und Uruha wieder einmal aufgefallen war, wie blass Ruki doch in seinen schwarzen Klamotten aussah, musste dieser plötzlich loslachen.

Irritiert sah Uruha ihn an. Nicht wirklich wusste er, weshalb Ruki plötzlich lachen musste.

Der Überschuss an Alkohol schien die eine Seite zu sein, während die andere wohl noch im Dunkeln versteckt blieb.

Was machst du hier?, fragte Ruki sofort. Wieder kicherte er.

Vermutlich versuchte er sich gerade etwas bildlich im Kopf vorzustellen, was Uruha nicht so richtig deuten konnte. Diese Frage beruhte natürlich auf Gegenseitigkeit.

Das Gleiche könnte ich dich auch fragen., antwortete Uruha relativ gelassen, während er Ruki noch immer recht fragwürdig ansah. Man könnte fast glauben, Ruki hätte noch irgendetwas anderes, außer Alkohol, eingenommen. Es waren lediglich Pausen in Sekundenlänge, welche vergingen, bis Ruki erneut loskicherte.

Ich will zu Mandy., antwortete Ruki fast schon siegessicher.

Uruha ahnte schon förmlich, dass ihm sofort Fragen über Fragen in den Sinn kommen würden. Sein Gesichtsausdruck schien dabei wohl Bände zu sprechen, als er Ruki so ansah und dieser wieder lachen musste.

Dabei war völlig uninteressant, dass die Lichter im Flur verblassten, es draußen mittlerweile langsam hell wurde, es schon kurz vor 6.00 Uhr morgens war und die meisten Hotelgäste wieder aufstehen würden, während die Jungs von Gazette um diese Zeit gewöhnlich erst ins Bett gingen. Was willst du denn da?, fragte Uruha wie erwartet.

Natürlich stellte sich auch Ruki dabei die Frage, weshalb Uruha ausgerechnet vor Jasmin´s Zimmertür stand.

...schauen, ob sie schon schläft., antwortete Ruki plötzlich fast schon schüchtern und mit gesenktem Kopf, während er mit den Fingen an seinem Shirt herumzupfte.

Uruha sah in Ruki´s Worten nicht wirklich einen plausiblen Sinn, es sei denn, er würde es zweideutig meinen.

Ach so.. Uruha lächelte und er sah dabei fast schon verräterisch aus. Es war fast so, als hätten Ruki und er zur selben Zeit das Gleiche gedacht.

Ruki erwiderte Uruha´s Lächeln, bevor er auch ihn fragte.

Und? Was willst du hier vor Jasmin´s Tür?.

Uruha hingegen hatte nicht sofort die passenden Worte parat, weshalb er bloß schüchtern lächelte. Und dennoch schien Ruki mit einem Mal förmlich von den Socken zu sein.

Das war auch verständlich, schließlich glaubte jeder aus der Gruppe und auch vom Stuff, er würde sich nicht gut mit Jasmin verstehen.

Was hatte das zu bedeuten?

Ey, Uruha! Du verarschst mich doch, oder?, reagierte Ruki fast schon erschrocken.

Es war eine Reaktion, die zu erwarten war.

Uruha allerdings gab sich relativ ruhig und gelassen.

Du...., begann Ruki zu stammeln, während er Uruha sichtlich irritiert anstarrte und dabei aussah, als würde vor seinen Augen ein Toter zum Leben erwacht sein.

...hast..., stammelte er weiter, bevor er sich verschluckte, husten musste und sich dabei das Gesicht in seinen Händen vergraben hatte.

...Sex mit ihr?, vervollständigte nun im Endeffekt Uruha Ruki´s Satz.

Abwartend hatte Ruki ihn daraufhin angesehen. Innerlich wünschte er sich einerseits, dass es nicht so wäre. Andererseits war es vielleicht gar nicht mal so schlecht, wenn man glaubt, dass sich beide dadurch endlich besser verstehen würden.

Allerdings waren Ruki´s Gedanken wohl mehr als nur naiv.

Uruha nickte, woraufhin vor Ruki´s Augen alles wie Glas in Scherben zu zerbrechen schien.

Deutlich hörte er das Klirren von zerbrochenem Glas, bevor sich dann auch überall an seinem Körper Gänsehaut ausbreitete. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie alles sein würde, wenn all die anderen davon erfahren würden. Ebenso würde er nicht damit klar kommen können, wenn herauskäme, in welcher Beziehung er zu seiner Stylistin stand.

Bei ihm war es im Prinzip doch genau das Gleiche, wie bei Uruha. Also, warum regte er sich innerlich nur so darüber auf?

Ja, es war die Tatsache, dass er sich von Jasmin und ihm an der Nase herumgeführt fühlte.

Jeder glaubte, dass sie sich nicht mochten.

Und dann?

Dann erfährt man, dass sie miteinander schlafen.

Das schien eine Tatsache zu sein, die wohl alle anderen genau so schockieren würde.

Seit wann?, fragte Ruki daraufhin einfach.

Nicht so wirklich kam Ruki damit zurecht.

Nicht so wirklich wollte er einsehen, weshalb Uruha das tat.

Niemand hatte zwar jemals daran gezweifelt, dass Uruha zu so etwas in der Lage sein würde, aber dennoch hinterließ es einen beinahe schon irren Eindruck.

Seit vorgestern. Willst du mich jetzt dafür zusammen schlagen, oder was? Fass dich erst mal an deine eigene Nase. entgegnete Uruha ruhig.

Schon oft genug hatte es Uruha geschafft, mit seiner ruhigen Art Ruki auf die Palme zu bringen. Anfangs geschah es unbeabsichtigt. Nach all den Jahren, die sie sich bereits kannten, machte sich Uruha mittlerweile einen Spaß daraus, Ruki in eine tickende Zeitbombe zu verwandeln.Boah, Uruha, ey!, zischte Ruki, woraufhin nun auch Uruha kichern musste.

Wer einmal gekostet hat, weiß wie es schmeckt. Nicht wahr, Rukilein?, kicherte Uruha, als er begonnen hatte, mit der flachen Hand Ruki´s Kopf zu tätscheln, zumal Ruki auch noch deutlich kleiner war.

...und?. Ruki sah abwartend und mit einem Grinsen im Gesicht zu Uruha auf, als wolle er damit eine Weltmeisterschaft gewinnen.

Und was?, fragte Uruha begriffsstutzig zurück, obwohl er wusste, worauf Ruki anspielte.

Im gleichen Moment öffnete sich eine Zimmertür am Ende des Ganges.

Ein Mann in schwarzem Nadelstreifenanzug gekleidet trat in den Flur. Er war sehr groß und schlank, trug eine Brille mit dezentem Rahmen und machte auf die beiden Jungs einen Eindruck, als würde er sich jeden Moment wie eine Hyäne auf sie stürzen wollen, weil sie ihn um den Schlaf gebracht hatten.

Mit grimmigem, aber gleichzeitig auch skeptischen Blick lief er an Uruha und Ruki vorbei, während sich die Beiden wiederum deutlich das Lachen verkneifen mussten.

Erst als dieser Mann, der aufgrund seiner Erscheinung zur Yakuza hätte gehören können, am anderen Ende des Ganges verschwunden war, lachten beide los.

Natürlich konnte auch Jasmin hören, was sich hinter ihrer Zimmertür abspielte, schließlich verhielten sie sich nicht gerade leise.

Ich kann dir sagen, dass es nie das war, wonach es aussah. Zumindest nicht von meiner Seite. Was ihr euch im Endeffekt darauf eingebildet habt, ist nicht Jasmins oder meine Schuld., antwortete Uruha beinahe schon wieder ernst.

Wieder lachte Ruki los. Du bist doch sexgeil, Uruha!, lachte Ruki.

Wobei seine Aussage nicht stimmte.

Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, dass sie da sein muss, egal ob wir dann streiten oder uns anschweigen. Was da vorgestern gelaufen ist, können wir uns irgendwie beide nicht erklären. Behalte das aber bitte für dich Und übrigens bist du der Einzige von uns, der ständig ans Ficken denkt., sagte Uruha lächelnd.

Ha! Ich soll dir jetzt glauben, dass du zu einer unmöglichen Zeit zu ihr rennst, nur, weil sie bei dir sein muss? Uruha, bist du vielleicht krank? Du bist doch in sie verknallt, oder?, grinste Ruki zurück.

Eh? Meinst du das ernst?, erwiderte Uruha grinsend, bevor er erneut den Versuch wagte, an Jasmin´s Zimmertür zu klopfen.

Ruki nahm daraufhin Abstand von Uruha, hinterließ aber den Eindruck, als wolle er um jeden Preis noch irgendetwas Wichtiges loswerden.

Tu ihr bitte nicht weh, ja?, meinte Ruki dann, bevor plötzlich Jasmin´s Zimmertür aufging und Uruha Jasmin beinahe in die Arme gefallen wäre, weil er sich zuvor an der Tür angelehnt hatte. Ruki war rasch aus dem Blickfeld von Jasmin und Uruha verschwunden, während Uruha dann recht erschrocken in Jasmin´s müdes Gesicht starrte.

Es ist sechs Uhr morgens. Ich hoffe, ihr wisst das., gähnte sie, in dem sie dann auch von der Tür abließ und Uruha ansah, als wollte sie ihn verprügeln.

Uruha aber ignorierte ihre Aussage, in dem er lächelnd schlicht und einfach Hallo sagte.

Jasmin verdrehte genervt die Augen und stöhnte dabei.

Die Frage nach dem, was er von ihr wolle, konnte sie sich auch nicht verkneifen, während sie sich scheinbar irritiert mit beiden Händen durch das noch feuchte Haar fuhr.

Innerlich betete Jasmin dafür, dass es nicht das war, was sie in diesem Moment dachte.

Ja, sie dachte, dass er gekommen war, um wieder mit ihr zu schlafen. Sonst kam Uruha nie zu so einer unmöglichen Zeit zu ihr, wenn sie sich im Hotel aufhielten. Diese Tatsache ließ sie deshalb stutzig werden.

Und so wirklich schien Jasmin auch keine Antwort darauf zu bekommen, zumindest nicht im kommunikativen Sinne, denn bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte Uruha sie einfach an sich gerissen und seine Arme um sie geschlungen, während er seinen Kopf auf ihrer linken Schulter sinken ließ. Was auch immer das zu bedeuten hatte. Bei Jasmin verursachte es nicht nur erhebliches Herzklopfen, sondern auch immense Gänsehaut überall an ihrem Körper.

Sie spürte deutlich sein nasses Haar in ihrem Gesicht, während er sie noch fester an sich drückte und in ihr das Gefühl weckte, dass er irgendetwas festzuhalten versuchte, was er nicht verlieren wollte.

Uruha, was soll das?, fragte sie dennoch leise, in dem sie mit der linken Hand der weißgestrichenen Zimmertür einen leichten Stoß verpasste und diese daraufhin mit einem Knallgeräusch ins Schloss fiel.

Schließlich musste man beide nicht wirklich so zusammen sehen.

Uruha schwieg, als er sie daraufhin einfach nur angesehen hatte. Er ähnelte in diesem Augenblick einem Teenager, der nicht so recht wusste, wie er sich einem Mädchen gegenüber verhalten sollte.

Dabei trug er einen unglaublich hübschen Ausdruck im Gesicht. Er wirkte hilflos, fast schon ängstlich, aber auch verträumt, bevor er dann einfach mit seinen warmen und starken Männerhänden ihre kühlen Wangen berührte.

Es geschah wie von selbst, als er dichter an sie heran trat, dabei keine Miene verzog und sich dann mit seinem Gesicht ihrem näherte.

Immer deutlicher nahm Jasmin den süßen Geruch von Kokos wahr.

Sie erinnerte sich daran, dass Uruha Handcremes mit solchen Düften benutzte, aber noch bevor sie sich näher mit diesen Gedanken beschäftigen konnte, spürte sie auch schon seine warmen, weichen Lippen auf ihrem Mund.

Sollte das jetzt ihre Vermutung, dass er wieder mit ihr schlafen wollte, bestätigen?

Wie aus Reflex hatte sie ihn von sich weggeschoben, während sie ihn völlig entgeistert angesehen hatte.

Was soll das? Wieso tust du das?, fragte sie ihn mit zitternder Stimme.

Auch ihre Knie fühlten sich plötzlich wie Gummi an.

Allerdings schien Uruha keinen Fünkchen Reue gegenüber seiner Tat zu empfinden.

Warum auch?

Ein Mädchen zu küssen war doch nichts Weltbewegendes.

Ich will das nicht. Das von vorgestern hat mir gereicht. Und ich möchte auch nicht, dass du dir davon jetzt mehr erhoffst, okay? Ich will nichts von dir., fuhr Jasmin fort, während Uruha nun auch erkennen konnte, wie sehr Jasmin´s Hände zitterten.

Sie hatte ihren Kopf gesenkt, stand vor ihm, wie ein eingeschüchtertes Mädchen, bevor Uruha sie dann einfach an den Händen zum Bett gezerrt und sich darauf nieder gelassen hatte.

Er hatte sie dann einfach an sich gezogen und sein warmes Gesicht fest gegen ihren Bauch gepresst.

Seine Arme hatten ihre Hüften umschlungen, während nun überall eine eigenartige Stille zu herrschen schien. Nur das Ticken der Tischuhr am Fenster versuchte diese Stille mit aller Macht zu brechen.

Kannst du nicht einfach wieder gehen?, fragte sie ihn daraufhin leise und beinahe schon den Tränen nah. Sie wusste auf einmal gar nicht, warum ihr nach Weinen zumute war. Genauso wenig wusste sie nicht, warum sie dann einfach auf die Knie gerutscht war und Uruha nun ebenfalls fest umklammert hatte.

Nein., hatte Uruha an ihrem Hals geflüstert, bevor Jasmin einige Minuten später realisiert hatte, dass er eingeschlafen war.

Mühevoll hatte sie ihn, ohne ihn aufwecken zu wollen, auf dem Bett postiert, bevor dann auch sie endlich schlafen konnte…

Zur ungefähr gleichen Zeit spielte sich etwas gar nicht so Unähnliches zwischen Ruki und Mandy ab. Ruki, welcher fluchtartig aus dem Blickfeld von Jasmin und Uruha verschwand, stand bereits seit einer ganzen Weile vor Mandy’s Zimmertür. Er wusste nicht, ob er anklopfen oder einfach reinplatzen sollte. Vielleicht sollte er ihr aber auch überhaupt nicht unter die Augen treten. Er war auch der Grund, der Mandy viele Stunden zuvor flüchten ließ.

Doch warum schmerzte der Anblick ihres erschrockenen Gesichts immer noch in Ruki’s Brust und ließ sein Herz rasen?

Ruki seufzte, bevor er seinen Blick zu Boden sinken ließ und er unter der Tür Licht hervorscheinen sah. Sitirnrunzelnd hatte Ruki für ein paar Minuten den Lichtschein angestarrt, obwohl er mit dem Vorhaben, zu sehen, ob Mandy noch wach war, hier herkam.

Sich selbst zunickend hatte Ruki, ohne anzuklopfen, Mandy’s Zimmertür geöffnet. Sie schien ihn nicht gehört zu haben, als er unhörbar die Tür hinter sich geschlossen hatte. Und statt sich bemerkbar zu machen, hatte Ruki angefangen, Mandy zu beobachten. Als würde sie ins Nichts starren, blickte die 23jährige in einer Decke eingewickelt und auf einen der beiden Korbsessel sitzend aus dem offenen Fenster und ließ sich die kühle, dennoch sanfte Briese durch das dunkelblonde, bis über die Schultern reichende und durchgestufte Haar wehen. Und als wäre sie eingeschlafen, hatte Mandy für einen Moment ihre Augen verschlossen.

“Willst du noch länger wie ein Ölgötze da stehen?”, fragte Mandy, die, wie es schien, von Anfang an gemerkt haben musste, dass Ruki in ihrem Zimmer stand und sie beobachtete.

“Hi.”, sagte Ruki schüchtern lächelnd und ohne auf Mandy’s Frage zu reagieren.

Mandy schenkte Ruki weiterhin keinen sonderlich beachtsamen Blick, sondern war schweigend aufgestanden und hatte sich auf Ruki zu bewegt. Ihr Blick schien kalt wie Eis und unvorstellbar bei einem Menschen, wie es Mandy war - dennoch durchfuhren Ruki kalte Schauder, die jedoch von einer kurzen Hitzewelle wieder verdrängt wurden. Ruki spürte nun umso deutlicher die Mengen an Alkohol, die er an diesem Abend verzehrt hatte. Und der Gedanke an Sex schob sich in seinen Kopf und ließ Ruki lächeln.

“Alkohol, du böser Geist…”, grinste Ruki schließlich vor sich hinmurmelnd, bis Mandy nun vor ihm stand. “Alles in Ordnung?”, fragte Mandy und ihre sonst so sanfte Stimme klang plötzlich eigenartig anders als sonst. Ruki räusperte sich und versuchte sich zu fassen, schob dabei den Gedanken an Sex beiseite und lächelte.

“Ja, schon. Und bei dir?”, antwortete Ruki mit einer Gegenfrage, die ihm plötzlich unmöglich vorkam. “Ich meine, es tut mir leid wegen heute morgen.”, versuchte Ruki sich anschließend zu korrigieren. Mandy schüttelte ihren Kopf und lächelte. Auch ihr konnte man deutlich ansehen, dass sie viel getrunken haben musste.

“Schon in Ordnung. Es wäre auch völlig lächerlich, wenn ich nachtragend sein würde. Außerdem, zu so einer Sache gehören immer zwei…einer der es macht und der andere, der still hält.”, meinte Mandy mit einer Anspielung auf die letzte Nacht.

Ruki brachte es nur zum Kopfschütteln und dazu, Mandy unverstanden anzusehen.

“Mh, dass meine ich gar nicht.”, sagte Ruki und bemerkte darauf nur, wie Mandy ihm schrittweise immer näher kam.

“Weißt du, eigentlich will ich gar nicht mehr darüber nachdenken müssen, dass Reita dir Viagra ins Trinken gemischt hatte und du mich deswegen fast die ganze Nacht halb tot gevögelt hast.”, bemerkte Mandy und sah in Ruki’s fast schon erschrocken wirkendes Gesicht. Was redete sie da eigentlich? Ruki mochte es außerdem nicht, wenn Mädchen schmutzige Wörter in den Mund nahmen - aber wahrscheinlich würde er sein Leben lang aussichtslos diesen Idealen nachjagen.

Ruki zuckte darauf mit den Schultern, während er seufzend seinen Kopf dabei schüttelte.

“Und du hältst es mir ja doch vor.”, meinte Ruki.

“Ach? Tu’ ich das wirklich? Nein, ich versuche dir nur human beizubringen, dass das, was letzte Nacht ablief, nicht schlecht war.”, lächelte Mandy beinahe schon verräterisch in Ruki’s Gesicht. Nun begriff der 25jährige überhaupt nichts mehr.

Lag Mandy’s Benehmen wirklich nur daran, dass sie zu viel Alkohol verzehrt hatte?

Umso energischer schüttelte Ruki nun seinen Kopf. Auch wenn er selbst nicht viel besser war, so schien er wenigstens noch zu versuchen, klar denken zu können und vorher zu überlegen, was er sagte. “Du bist betrunken.”, behauptete Ruki prompt und nun wünschte er sich, doch nicht hier hergekommen zu sein. Nicht, dass es ein Fehler war, aber vielleicht hätte er sich dann dieses Gespräch ersparen können.

“Geh schlafen und ich werde das besser auch tun. Ich bin auch nie hier gewesen.”, fuhr Ruki anschließend fort und wollte sich soeben auf die Tür zu bewegen, wenn Mandy ihn nicht einfach festgehalten und daran gehindert hätte.

Ihr Blick hatte sich ebenfalls schlagartig geändert und sah beinahe schon verzweifelt aus.

War es nur gespielt, um Ruki am Gehen hindern zu können?

Nein, Mandy war nicht der Mensch dafür.

“Gib es doch zu, du wolltest mich nur umlegen, oder?!”, reagierte diese plötzlich aufgebracht, sodass sich Ruki’s Augen erschrocken weiteten und er den Anschein machte, als hätte er irgendetwas Schlimmes gesehen und hatte sich davor erschrocken. Für ihn schien es schon gar keine Verwirrung mehr zu sein, die Ruki in diesem Moment empfand. Wie oft sollte er ihr erklären, dass es nie seine Absicht war, Mandy zu verarschen oder wehzutun?

Ein Seufzen erklang, als Ruki seine Hände auf Mandy’s Schultern legte und sie ansah, als müsse er einem dummen Kind etwas erklären, was es nicht auf Anhieb verstanden hatte.

“Wie oft noch? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich dich nicht verarsche, hm?”, fragte Ruki dann und blickte in Mandy’s glänzende Augen.

Sie schüttelte ihren Kopf und löste sich von Ruki, begann im Zimmer umherzulaufen und fuhr sich nervös durch die Haare.

“Weißt du, ich habe das Gefühl, dass sich alles in mir versucht wie ein Turm zu stauen. Ich komme mit mir selbst nicht mehr klar und das ist schon seit längerer Zeit so.”, sagte Mandy, nachdem sie es endlich geschafft hatte, sich auf ihrem Bett niederzulassen.

“Ich weiß nicht einmal, was das zwischen uns noch werden soll.”, fuhr Mandy fort und spürte einen dunklen Schatten, der sich versuchte, auf ihr nieder zu lassen. Als sie ihren Kopf hob, blickte sie in Ruki’s verständnisvoll lächelndes Gesicht.

“Und ich frage mich, was das zwischen deiner Schwester und Uruha werden soll.”, meinte Ruki dann und sah, dass seine Worte Mandy erschrocken zusammenfahren ließen.

“Wie?”, fragte sie sichtlich irritiert von der Tatsache, die sich in Ruki’s Worten befand.

“Sie haben Sex miteinander.”, antwortete Ruki kurz und wanderte mit diesen Worten zum offenen Zimmerfenster, aus dem er anschließend einen Blick warf, nachdem er den Korbsessel beiseite gestellt hatte. Am Horizont ging langsam die Sonne auf und versuchte alles malerisch in einem rot-orange zu färben.

“…Sex miteinander?”, wiederholte Mandy fragend, als sie darauf neben Ruki stand. Er lächelte, als er sich ihr zuwandte und diese anschließend an den Hüften gepackt und auf dem Fensterbrett niedergelassen hatte, sodass Ruki nun zwischen Mandy’s gespreizten Beinen stand. “Lass sie einfach machen.”, bemerkte er anschließend im Flüsterton und er wollte keine weiteren Diskussionen mehr beginnen, geschweige denn, weiter über die sinnlosesten Dinge nachdenken. Mittlerweile bereute es Ruki auch, dass er daran gedacht hatte, dass es ein Fehler gewesen war, hier aufzutauchen. Dabei fühlte er sich doch bereits seit der ersten Begegnung mit Mandy zu ihr hingezogen. Und ohne, dass diese noch etwas erwidern konnte, hatte Ruki sie mit seinen auf ihren Rücken liegenden Händen näher an sich herangedrückt und geküsst.

“Wäre es anders gekommen, hätte ich dich sicher nicht kennen gelernt.”, flüsterte Ruki. Mandy wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was Ruki damit meinte. Alles verblieb noch weiterhin im dunklen Schatten des Ungewissen.

Wer kannte schon die Zukunft?

Für jeden Menschen hatte das Schicksal ein Buch geschrieben, von dem man nur den Anfang, aber nicht das Ende kannte. Man konnte es nicht umschreiben oder ändern, man musste es so hinnehmen, wie es auf einen zukam.

Und genauso würde es sein, wenn sich etwas zwischen Mandy, Jasmin und den Jungs ändern würde. Sie mussten alles so hinnehmen, wie es kam.

Auch dieser Morgen war ausschlaggebend dafür, dass sich etwas änderte, oder vielmehr, dass sich versuchte etwas zu ändern. So schnell, dass man es mit eigenen Händen gar nicht festhalten konnte.

Niemand wusste, wie spät es war, als plötzlich laute Schreie und andere, laut krachende Geräusche aus den oberen Stockwerken des Hotels zu hören waren. Beim ersten Schrei, welcher von einer Frau kam, schien niemand zu reagieren, auch nicht beim zweiten oder dritten Mal. Es musste schon eine gewisse Zeit vergangen sein, als dann endlich Jasmin wach wurde und plötzlich gezwungen war, zu husten.

“Was ist denn hier los?”, murmelte sie augenreibend und bemerkte darauf, dass Rauch das Hotelzimmer benebelt hatte. Ihr Herz raste plötzlich und erneut musste sie husten.

Wieder ertönte ein laut krachendes Geräusch, welches dafür sorgte, dass die künstlich vergoldete Gardinenstange von der Decke fiel.

“Shit!”, fuhr Jasmin erschrocken auf und rüttelte Uruha, der tief und fest neben ihr gelegen hatte und schlief, wach. Knurrend hatte dieser sich aufgerichtet und starrte direkt in das verruchte Chaos vor seinen Augen, welches ihn erschrocken aus dem Bett kriechen ließ.

“Was ist hier los?”, fragte Uruha sichtlich verwirrt und rieb sich über sein verschlafenes Gesicht. Jasmin schüttelte nur ihren Kopf.

Wie sollte sie ihm darauf antworten, wenn sie es selbst nicht wusste?

Im selben Augenblick ertönte ein lautes Warnsignal und die Stimme einer Frau ertönte durch die Lautsprecher in den Hotelfluren.

“Sehr verehrte Gäste, wir bitten Sie nochmals, so schnell wie möglich die Hotelzimmer zu verlassen….”.

Die Stimme verblasste und ein lautes Rauschen erfüllte neben dem Warnsignal den Flur.

Irgendetwas musste passiert sein. Etwas, was man nicht sofort wahrgenommen und realisiert hatte. Genauso wenig hatte man die erste Durchsage, die bereits auf das Verlassen der Hotelzimmer hingewiesen hatte, wahrgenommen.

Und nun schien man in einer Falle zu sitzen.

Kalter Schweiß rann Jasmin über die Stirn, als sie verzweifelt in Uruha’s Gesicht blickte.

“Raus!”, forderte Uruha sichtlich ungeduldig, während Jasmin rasch noch einige Kleinigkeiten, wie ihr Handy, zusammenkramte und Uruha sie darauf an der Hand hinter sich her aus dem Zimmer zerrte. Nachdem die Tür in Schloss fiel, hörte man das Zerspringen von Glas mit einem laut klirrendem Geräusch.

“Verdammt…irgendwo muss es brennen.”, krächzte Jasmin, als sie zu viel Rauch, der sich im Hotelflur angesammelt hatte, einatmete.

“Halt dir den Mund zu.”, sagte Uruha, im Versuch, im Rauch etwas erkennen zu können. Beruhigenderweise erkannte er, dass die meisten Zimmertüren geöffnet waren und die Gäste sich bereits auf den Weg nach draußen begeben hatten.

Doch welchen Weg? Wo steckte die Ursache des Brandes?

Erneut ertönte ein krachendes Geräusch und Staub rieselte von der Decke.

Uruha geriet in Panik, in der sich Jasmin bereits befand.

“Wir laufen jetzt zur Treppe.”, sagte Uruha bewusst und zerrte Jasmin an der Hand zum Treppenaufgang, welcher nach unten führte. Für ihn war das alles immer noch nicht real und wahrscheinlich träumte er auch nur. Wann würde er aus diesem Traum, gemischt aus erstickendem Rauch und schweißtreibender Panik, aufwachen?

“Uruha, ich kann nicht mehr…”, hustete Jasmin und krallte sich mit der freien Hand am Treppengeländer fest, während das Gefühl, jeden Moment am Rauch zu ersticken, nicht verschwinden wollte. “Wo sind die anderen?”, fragte Jasmin dann, bevor sie einfach stehen geblieben und auf die Knie gerutscht war. Umso geringer wurde nun die Tatsache, dass Uruha aus diesem Traum aufwachen würde - weil es Realität war.

“Hey, nicht…Reiß dich zusammen!”, begann nun auch Uruha zu husten, während er versuchte, Jasmin bei Bewusstsein zu halten. “Deine Schwester wird sicher schon draußen sein, also reiß dich noch etwas zusammen.”, krächzte Uruha weiter und plötzlich stiegen ihm Tränen in die Augen. Jasmin war ihm darauf bewusstlos in die Arme gefallen und Uruha berührte mit zittrigen Händen ihr Gesicht. Irgendetwas stimmte plötzlich nicht mit ihm und es lag nicht nur an der Tatsache, dass ihm der immer mehr zunehmende Rauch das Atmen erschwerte.

“Okay…”, murmelte Uruha aufatmend vor sich hin, bevor er es dann geschafft hatte, Jasmin auf Händen die Stufen hinunter zutragen. Immer und immer wieder murmelte er unter Tränen dabei “Ich bring dich hier raus. Ich bring dich hier raus….egal, wie ich es anstelle.”.

“Uruha, bist du’s?”, ertönte plötzlich Reita’s Stimme hinter Uruha. Auch dieser musste durch den zunehmenden Rauch husten. “Nein, der Teufel im Schlafrock.”, versuchte Uruha zu scherzen, was ihm aber nicht so gelang. “Wo sind die anderen?”, fragte Uruha anschließend. Er hatte dabei aufgehört, die Stufen zu zählen. Das einzige, was er in diesem Moment wollte, war, dass er endlich frische Luft einatmen konnte, bevor er wie Jasmin einfach das Bewusstsein verlieren würde.

“Ich hatte sie weggeschickt, als sie versuchten, auf mich zu warten. Sie müssten also schon draußen sein.”, hustete Reita, dem immer mehr schwarze Punkte vor den Augen tanzten und er zu taumeln begann. Nein, dass wollte Uruha nicht, nicht jetzt.

“Bitte, wir schaffen das bis nach draußen.”, hustete auch Uruha, welcher nun die Feuerwehrsirenen wahrnahm und diese ihm ein erleichtertes Lächeln bereiteten. Und kaum war das Lächeln von seinen Lippen verblasst, so blendete ihn schon das helle Licht in der Hotellobby, in der sich deutlich weniger Rauch befand, als in den anderen Teilen des Hotels. Die junge Frau von der Rezeption lotste Uruha und Reita durch einen Fluchtweg nach draußen. “Hab ich dir nicht gesagt, dass ich dich heil hier raus bringen werde?”, murmelte Uruha schwach lächelnd, als er in der restlichen Masse der Hotelgäste auf die Knie gerutscht war und dabei in Jasmin’s leicht verrußtes Gesicht blickte.

Im selben Moment standen Ruki und Mandy vor Uruha, während Reita einfach nicht aufhören konnte, zu husten. Mandy fiel bei Jasmin’s Anblick sofort auf die Knie und weinte laut, während sie sich die Hände dabei vor den Mund geschlagen hätte.

“Was ist nur passiert?”, schluchzte sie.

“Da scheint jemand vergessen zu haben, eine Kerze auszupusten.”, sagte Ruki und rieb sich die durch den Rauch rot gewordenen Augen.

“…mein Gott…es sind Leute da oben gestorben.”, schluchzte Mandy mit ihrem Blick weiterhin auf Jasmin gerichtet .

“Hat jemand Aoi und Kai gesehen?”, fragte Reita darauf hustend in die Runde, während sein Blick über die zusammengequetschte Menschenmasse fuhr. Irgendwo hörte er das laute Geschrei eines kleinen Kindes und darauf das Schluchzen einer Frau, die, wie es schien, ihren Mann in all der Aufregung nicht finden konnte.

“Ich habe seit gestern Abend niemanden mehr von ihnen gesehen.”, bemerkte Ruki und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, während sanfter Nieselregen seine blasse Haut berührte und ihm Gänsehaut bereitete.

“Was, wenn sie noch da drinnen sind?”, fragte Mandy, die nun ihren Kopf gesenkt und ihre Knie anstarrte. Uruha, der immer noch Jasmin in den Armen haltend vor Mandy kniete, lachte kopfschüttelnd auf. “Denkst du etwa wirklich, dass sie noch da drinnen sind? Mädchen, da drinnen herrscht Chaos und niemand würde da freiwillig bleiben, es sei denn, du wärst suizidgefährdet.”, meinte er darauf und strich der immer noch bewusstlosen Jasmin einige Harrsträhnen aus dem Gesicht.

Mandy schüttelte energisch ihren Kopf. Sie wollte nicht verstehen, wie Uruha nur so gelassen sein konnte. Was würde er tun, wenn er sich irrte?

“…ich habe ein ungutes Gefühl…Vielleicht ist den beiden etwas passiert.”, bemerkte Mandy mit zitternder Stimme und stand auf.

Uruha lachte nur wieder, während auch Reita und Uruha ihr Gefühl beinahe schon als lächerlich betrachteten. “Sei nicht so naiv.”, bemerkte nun Ruki und hockte sich mit den Händen auf die Knie gestützt auf den Boden.

Man konnte nun deutlicher ein laut krachendes Geräusch hören. Im inneren des Hotels schienen Holzbalken in sich zusammen zu brechen. Irgendwann, wenn es die Feuerwehr nicht aufhalten würde, würde lediglich ein Haufen aus Schutt und Asche übrig bleiben. Alle Habseeligkeiten, die die Hotelgäste mit sich geführt hatten, verbrannten restlos in den heißen Flammen des Feuers. Menschen, die es nicht mehr rechtzeitig schafften aus den oberen Stockwerken zu fliehen, starben. Menschen verloren Angehörige, verloren geliebte Menschen.

Das wurde nun auch Mandy, die wie gebannt auf das immer mehr in sich zusammenbrechende Obergeschoss starrte, bewusst und ein bebendes Zittern durchfuhr ihren gesamten Körper. Nein, irgendetwas sagte ihr innerlich, dass Aoi und auch Kai noch im Hotel sein mussten. Sie konnte sich nicht einmal erklären, warum. Doch dieses Gefühl wuchs schneller in ihr voran.

“Nein, sie sind noch im Hotel.”, behauptete Mandy darauf prompt und drängelte sich ohne weiteres an Ruki und Reita durch die Menschenmasse.

“Was hat sie vor?”, fragte Reita verwirrt.

“Ruki?”, forderte Uruha Ruki beinahe schon dazu auf, Mandy zu folgen. Natürlich war er ihr ohne weitere Anstalten gefolgt und versuchte darauf verzweifelt sie daran zu hindern in das Hotel zurückzukehren.

“Das ist Wahnsinn!”, fuhr Ruki Mandy an und versuchte diese zurück zu den anderen zu zerren, wenn Mandy sich nicht dagegen wehrte. “Ich weiß, dass du es nicht verstehst. Aber ich weiß, dass Aoi und Kai noch da drinnen sind.”, versuchte Mandy Ruki weiszumachen, doch Ruki schüttelte immer wieder seinen Kopf.

“Ich will nicht, dass du da rein gehst.”, sagte Ruki darauf fast schon den Tränen nahe. Er hatte ganz einfach Angst, dass irgendetwas passieren würde, was er nicht verkraften könnte.

Mandy lächelte schwach im aufsteigenden Rauch, welcher aus dem Hintereingang drang.

Mit zitternden, kalten Händen berührte Mandy Ruki’s leicht verrußte Wangen und lächelte.

“Ich werde schon nicht sterben. Unkraut vergeht nicht, weißt du?”, meinte Mandy und stieß Ruki anschließend von sich. Warum dachte sie das nicht auch von Aoi und Kai?

Ruki verstand es nicht und ließ sich mit dem Rücken gegen die kalten Mauern, welche das Hotelgebäude umgaben, sinken und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

“Du bist so dumm.”, murmelte Ruki. Er versuchte, sich eine bildliche Vorstellung zu machen, wie es wohl jetzt im Hotelgebäude aussah und Mandy mittendrin.

“…und ich bin feige.”, sagte Ruki dann laut zu sich selbst, bevor er dann einfach seine Augen schloss und darauf hoffte, Mandy würde jeden Moment wieder vor ihm stehen und lächeln…

Rauch. Über all war Rauch, der in Mandy’s Lunge drang und sie husten ließ, während sie mit den Händen vor den Mund geschlagen die Hotellobby durchquerte.

Abwechselnd rief sie nach Aoi und Kai, doch von niemandem kam eine Antwort. Sie rief und rief und ihre Stimme drohte davor, im Rauch zu versiegen und sich in ein Krächzen zu verwandeln. Stufe für Stufe, die Sekunden waren für sie wie in eine Ewigkeit.

“Kai! Aoi!”, rief Mandy erneut, als sie mit vorsichtigen Schritten das Stockwerk erreicht hatte, in dem die Zimmer der beiden lagen. Der Rauch schien hier zunehmend dichter zu werden und Flammen drangen von dem Treppenaufgang des nächsten Stockwerks hervor. Mandy ahnte bereits förmlich, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis auch dieses Stockwerk in sich zusammenbrach. Ein Wettlauf mit der Zeit begann für sie und ließ ihren Adrenalinspiegel bis ins Unermessliche steigen. Kalter Schweiß rann ihr über die Stirn und kalte Schauder ließen ihren Körper zusammenzucken. Sie hatte Angst.

Das Gefühl, sich doch geirrt zu haben, steigerte sich immer mehr in ihr - doch erstarb es, als sie plötzlich Kai’s Stimme in ihren Ohren wahrnahm. Er schien nach jemanden zu rufen.

“Kai?”, rief Mandy und erneut hörte sie Kai’s immer näher kommende Stimme.

Der Rauch wurde noch dichter und beinahe hätte Mandy Kai umgerannt, doch stattdessen war sie ihm direkt in die Arme gerannt. Erleichtert und gleichzeitig immer noch verzweifelt hatte Mandy mit schluchzen begonnen.

“Du lebst! Du lebst wirklich!”, hatte sie gewimmert, während Kai sie vorsichtig von sich schob und ebenfalls erleichtert lächelte.

“Ich lebe noch. Das Schloss meiner Tür hatte geklemmt, als ich aus meinem Zimmer wollte. Der Rauch wurde auch immer stärker und ich dachte schon, ich müsste hier sterben. Aber ich habe es dann doch irgendwie geschafft, aus meinem Zimmer zu gelangen.”, erklärte Kai, während er sich nervös durch die braunen Haare fuhr. Man konnte ihm deutlich ansehen, dass es noch etwas gab, das ihn zu stören schien.

“Aoi?”, hatte Mandy darauf nur ihre Stimme fragend gehoben. Kai bestätigte mit einem Kopfschütteln ihr unangenehmes Gefühl und senkte darauf seinen Kopf.

“Was ist denn los?”, fragte Mandy darauf und hatte Kai rüttelnd an den Armen gepackt.

“Wenn er nicht bei euch ist…”, begann Kai zu stammeln und immer mehr bestätigte er damit Mandy’s unangenehmes Gefühl. Sie hustete, bevor ihr Tränen in die ohnehin geröteten Augen stiegen. “Er ist nicht tot, niemals!”, behauptete Mandy sofort und suchte im dichten Rauch nach Aoi’s Zimmer. “Sein Zimmer ist total in sich zusammengefallen!”, rief Kai ihr nach. Doch Mandy wollte seinen Worten keinen Glauben schenken. Sie wollte nicht an das glauben, was sich mit jedem Atemzug versuchte zu bestätigen.

Mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor Aoi’s Zimmer. Die Türe war geöffnet und entblößte einen Anblick des reinsten Chaos. Balken hatten die zuvor noch weiße Zimmerdecke durchbrochen und versperrten das gesamte Zimmer. Die Fenster waren kaputt und verrußt. Aus dem Badezimmer rann Wasser über den dunklen Teppich - wahrscheinlich war eine der Wasserleitungen kaputt gegangen. Das Doppelbett wurde durch einen Balken durchbohrt und war in sich zusammengebrochen.

“Nein…”, schluchzte Mandy und warf sie erschrocken und gleichzeitig hustend die Hände vor den vor Schreck offen stehenden Mund. Ein endloser Strom Tränen rann über ihre Wangen und Mandy drohte, auf ihre Knie zu rutschen, wenn sie sich nicht mit aller Kraft am Türrahmen festhielt.

Aus dem Zimmer neben an geschah nun genau dasselbe. Und genau dasselbe Bild erschien zwischen all dem Rauch. Durch das offene Fenster war das laute Geschreie der Menschen zu hören und genauso hörte man die Ansage eines Feuerwehrmanns durch ein Megaphon. Was dieser allerdings sagte, konnte Mandy nicht wahrnehmen. Sie spürte darauf nur Kai’s schwitzige Hände auf ihren Schultern. Als sie ihren Blick auf Kai richtete, schüttelte dieser nur seinen Kopf und als wollte er sagen “Lass uns verschwinden, es hat keinen Sinn mehr.”.

“Ist er tot?…nein, das darf nicht sein…”, schluchzte Mandy von neuem und riss sich von Kai los. “Mandy, es hat keinen Zweck mehr! Wir müssen so schnell wie möglich hier raus, sonst werden wir auch sterben!”, versuchte Kai Mandy daran zu hindern, sich durch Aoi’s Zimmer zu kämpfen. Aber Mandy ignorierte Kai’s Worte, genauso ignorierte sie die Tatsache, dass er Recht hatte. Schweigend durchquerte sie das Zimmer, gekennzeichnet von Rauch und Zerstörung. Wie konnte das alles in so kurzer Zeit nur passieren? Erneut krachte es in einem der anderen Zimmer. “Mandy…”, drängelte Kai vergebens und zappelte wie ein kleiner Junge, der dringend auf die Toilette musste.

“Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, dass Aoi wirklich tot ist. Und wenn er es sein sollte, so werde ich versuchen, mit meinen eigenen Händen seine Leiche aus diesem Chaos zu bergen. So viel Ehre sollte man ihm gegenüber zeigen.”, meinte Mandy konsequent, obwohl Kai ihre Worte nicht wirklich wahrhaben wollte. Wollte sie wirklich dafür ihr Leben riskieren, wenn sie schon längst in Sicherheit sein könnten?

Kai schüttelte irritiert seinen Kopf und entschied sich nun ebenfalls dazu, nach Aoi zu suchen. Denn irgendwie war es nun Mandy, die recht mit ihren Worten hatte.

So viel Ehre sollte er Aoi als Bandkollegen und guten Freund zeigen.

Im selben Augenblick erkannte sie im Schatten eines Balken eine blasse, dennoch mit blutigen Schrammen versehrte Hand. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Mandy’s trockene Lippen und sie hockte sich hin, um etwas hinter dem Balken erkennen zu können.

Sie konnte nicht darüber urteilen, ob er nun tot war oder noch lebte. Eines war ihr jedenfalls sicher, sie hatte Aoi gefunden. Sein Gesicht erschien blass und kalt, während es von Ruß und Kratzern gekennzeichnet worden war. Mit aller Kraft versuchte Mandy Aoi vorsichtig hervorzuziehen, er war warm und er atmete schwach. “Er lebt!”, fuhr Mandy beinahe schon erfreut auf, während sie ihre Hände auf seine Wange legte und Kai es schweigend beobachtete - ihn schien der Rauch mehr zuzusetzen als, Mandy.

Vorsichtig hatte Mandy Aoi’s Wangen getätschelt, in der Hoffnung, er würde so aufwachen.

“Mach deine Augen auf, bitte!”, flehte diese verzweifelt, während ihr unbemerkt immer noch Tränen über die Wangen in Aoi’s Gesicht tropften. Sie schüttelte ihren Kopf, tätschelte weiterhin Aoi’s Wangen, welche von Mandy’s Tränen benetzt wurden.

“Du darfst nicht sterben…”, schluchzte Mandy darauf an Aoi’s Hals, während sich ihre Finger in seinem Hemd festkrallten.

Warum wachte er denn nicht auf, wenn sie doch seinen Herzschlag spüren konnte?

“Mandy, komm schon.”, drängte Kai wieder, als er von neuem ein krachendes, immer lauter werdendes Geräusch wahrnahm. Und niemand wusste, wie viele Minuten darauf vergangen waren, als Aoi plötzlich seine Augen öffnete und Mandy’s Oberkörper auf seinem spürte.

Sein Kopf schmerzte und Aoi hatte das Gefühl, gelähmt zu sein - jede einzelne Bewegung, war sie noch so klein, schmerzte höllisch.

“Und jetzt raus hier!”, forderte Kai ungeduldig, der Mandy von Aoi weggezogen hatte und diesen mühevoll auf die Beine half. Aoi war sichtlich verwirrt, hatte jedoch nicht die Kraft, irgendwelche Fragen zu stellen. Ihm war nur bewusst geworden, dass er noch lebte und vielleicht gestorben wäre, wenn Kai und Mandy nicht aufgetaucht wären.

Mit eilenden Schritten bewegte man sich die Stufen hinunter und das Gefühl, dass alles hinter einem in sich zusammenbrach, folgte ihnen mit jeder Stufe. Kai drohte, das Bewusstsein zu verlieren und Mandy versuchte, ihn beisammen zu halten, in dem sie ihm verzweifelt irgendwelche sinnlosen Dinge erzählte, über die Kai lachen musste. Aoi hatte es dabei schwer, sich auf den Beinen zu halten und alles schien schleppend voran zu gehen.

Kurze Zeit darauf brach alles hinter ihnen zusammen. Balken durchbrachen Glas und Wände. Alles ertönte hinter einem wie grollender Donner und man sich nichts sehnlicher wünschte, frei atmen und die schweißtreibende Angst hinter sich lassen zu können.

Es begann mit einem Photoshooting für die Jungs und dem Staff von Gazette und endete für alle in einem beinahe schon atemraubenden Chaos. War das wirklich Schicksal?

Das Glas der Haupteingangstüren zersprang, während eine riesige, graue Staubwolke Kai, Mandy und Aoi nach draußen trieb.

Niemand schien sich auf der Hauptstraße zu befinden und doch hörte man in der Nähe laute Schreie und das krachende Geräusch des in sich zusammenfallenden Hotelgebäudes.

Staub wurde in Mengen aufgewirbelt und vermischte sich mit dem Nieselregen.

Nun war alles vorbei.

Sich auf Knien sinken lassend, hatte Kai von Aoi abgelassen und stützte sich schwer atmend mit beiden Händen auf dem leicht feuchten Asphalt der Straße ab. Er hustete und keuchte, rang verzweifelt nach Luft und hustete dann wieder. Seine Kehle fühlte sich unglaublich trocken an und brannte wie Feuer.

“Noch mal mache ich das nicht mit.”, krächzte Kai, als er seinen Kopf in Mandy’s Richtung drehte und diese anschließend anlächelte. Im selben Moment hörte man in der Ferne die Sirenen von Krankenwagen. Mit jeder Sekunde schienen diese näher zu kommen.

“Ihr hättet mich auch liegen lassen können.”, sagte Aoi mit heiser Stimme und ließ sich auf den Boden nieder, sodass er anschließend einfach still da lag und in den mit grauen Wolken bedeckten Himmel starrte. Sanfter Nieselregen benetzte sein Gesicht und es fühlte sich sehr angenehm an. Sehr angenehm war es auch, als er plötzlich Mandy’s Wärme spürte.

“Ich hatte Angst…”, gestand sie schüchtern, als sie sich über Aoi gebeugt hatte, um in ansehen zu können. “Ich hatte Angst, dass wir dich wirklich verloren hätten.”, fuhr sie anschließend fort. Sie wusste in diesem Moment nicht, wohin sie mit ihren Händen sollte, wenn Aoi nicht von selbst nach diesen gegriffen und fest in seine geschlossen hatte.

Niemand redete darauf mehr darüber. Sanitäter transportierten die verletzten oder bewusstlosen Hotelgäste auf Bahren in die Krankenwagen, während die Feuerwehrleute immer noch mit Löscharbeiten beschäftigt waren. Die Polizei vernahm Aussagen über das Geschehen und auch Reporter waren bereits vor Ort. Spätestens morgen würden die ersten Reportagen darüber im Fernsehen laufen und spätestens dann würde um die Jungs ein großes Drumherum stattfinden - Fragen würden in Überzahl auftauchen und auf keine würden die Jungs antworten wollen.

“Vorbei…es ist endlich vorbei.”, flüsterte Uruha und betrachtete erneut Jasmin’s blass gewordenes, leicht verrußtes Gesicht, aus dem er ständig Haarsträhnen wegstrich.

“Und dir wird man auch bald auf die Beine helfen.”, sagte er dann etwas lauter, als Uruha darauf das Drumherum beobachtet hatte. Der Nieselregen wurde zunehmend stärker und Uruha’s Haare klebten in Strähnen in seinem Gesicht. Viel zu sehr hatte er gehofft, dass das alles nur ein Traum war - doch vergebens. Man hatte seine Hoffnung einfach zerschlagen und nun hockte er hier. Er hockte hier und hielt die Frau in seinen Armen, neben der er die ganze Nacht über gelegen hatte. Ihre zuvor warmen Hände waren kalt geworden und das Gefühl, Jasmin nicht mehr loslassen zu wollen, verstärkte sich. Sein Herz schmerzte eigenartig.

Doch Uruha konnte seine Gefühle nicht deuten und er schloss darauf einfach seine Augen.

Im gleichen Augenblick tauchte Kai in seiner unmittelbaren Nähe auf. Durch sein feucht gewordenes Haar erschien sein Gesicht sehr schmal und auch allgemein wirkte seine Gestalt durch die schwarze Kleidung sehr abgemagert.

Der Anblick von Uruha schien Kai sehr zu stören und die unmöglichsten Gedanken drängten

sich in seinen Kopf. Innerlich dachte Kai “Fass sie nicht an!”, wagte es aber nicht, dies laut auszusprechen. Stattdessen reagierte er plötzlich wie ein Irregewordener. Mit einem krankhaft erscheinenden Lächeln griff Kai nach einem der Backsteine, die vor seinen Füßen lagen. Das Zittern in seiner Hand war deutlich zu sehen und Kai schien nicht wirklich zu wissen, was er da tun wollte.

Mit fast schon unhörbaren Schritten bewegte sich Kai auf Uruha zu und schien sich beinahe schon sicher zu sein, dass er etwas tun wollte, an das er nie einen Gedanken verschwendete.

Er umklammerte mit seinen Fingern den Backstein, mit dem er ausholen wollte und es wahrscheinlich auch getan hätte, wenn ihn nicht jemand daran gehindert hätte. Erschrocken ließ Kai den Stein auf den Boden fallen und blickte in Reita’s ernstes Gesicht. Schweigend hatte dieser seinen Kopf geschüttelt, während er immer noch Kai’s Handgelenk festhielt.

Darauf hatte auch Uruha die Beiden bemerkt und sich umgedreht, nachdem er mit Jasmin auf den Händen aufgestanden war. Ihn schien es nicht zu wundern, als er die beiden vor sich stehen sah. Ein schweigendes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, bis zwei Sanitäter mit einer Bahre angelaufen kamen und ihm Jasmin abnahmen, die sie anschließend zu einem der Krankenwagen transportierten. Reporter kamen angelaufen, stellten Fragen, auf die die Jungs nur mit einem “Kein Kommentar.” antworteten, bevor auch sie von Sanitätern gebeten wurden, sich in einen der Krankenwagen zu begeben.

Polizisten und der Hotelbesitzer versicherten den Hotelgästen Schadensersatz, denn mehr als Handys und Personalien konnte keiner der Gäste retten. Selbst das Arbeitsmaterial von Mandy und Jasmin wurde von den heißen Flammen zerstört.

Doch war dies weniger wichtig, als ihr Leben.

“Wie geht es ihr?”, fragte Mandy den Arzt, der aus dem Krankenzimmer ihrer Schwester kam. Er lächelte freundlich, während er seine Brille von der Nase nahm.

“Machen Sie sich keine Sorgen, junge Frau. Ihre Schwester ist gerade auf dem besten Wege, sich zu erholen. Wie die anderen Gäste, die hier eingeliefert wurden, hatte sie zu viel Rauch eingeatmet. Lassen Sie ihre Schwester noch etwas ruhen, dann können Sie sie später besuchen.”, erklärte der Arzt ohne, dass er auf genauere Details einging. Mandy würden sie in ihrem Zustand nur verwirren.

“Haben Sie sich schon untersuchen lassen?”, fragte der Arzt weiter und sah Mandy darauf nur schweigend nicken, bevor er dann weiter seine Wege ging. Mandy hasste Ärzte und hasste Krankenhäuser, von daher hatte sie den Arzt, der Jasmin behandelte, angelogen.

Mandy seufzte und blickte den langen, sterilen Krankenhausflur entlang, der zum Wartesaal führte. Sie hörte das laute Weinen eines kleinen Kindes und auch das permanente Husten der Hotelgäste, die sich im Wartesaal aufhielten, nahm sie wahr. Viel lieber würde Mandy ihre Augen schließen und schlafen, sie fühlte sich unglaublich kraftlos und das Gefühl, dass irgendetwas an ihren Nerven zerrte, machte sich bemerkbar.

“Mandy?”, ertönte Kai’s heiser gewordene Stimme hinter ihr, welche sich erschrocken umdrehte und in Kai’s lächelndes Gesicht blickte. Rasch erwiderte Mandy sein Lächeln, bevor Kai dann mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Tür von Jasmin’s Krankenzimmer zeigte. “Ist sie da drin?”, fragte Kai auch schon.

“Ja, aber der Arzt meinte, sie solle noch etwas ruhen.”, antwortete Mandy nickend, worauf Kai nur abwinkte. “Soll er doch reden.”, meinte Kai und wollte soeben die Tür öffnen, wenn Mandy ihn nicht daran gehindert hätte.

“Lass sie schlafen, okay? Sie soll schließlich wieder gesund werden.”, erwiderte sie darauf und zog Kai von der Tür weg.

Sein Gesichtsausdruck wurde darauf zunehmend ernster und näherte sich erneut der Tür.

“Hör zu, ich will Jasmin sehen und da hält mich auch kein Arzt von ab.”, erklärte Kai ernst und verschwand, ohne, dass Mandy noch etwas darauf erwidern konnte, in Jasmin’s Zimmer. Fassungslos die Tür anstarrend stand Mandy nun da, wie ein dummes Kind, das man irgendwo vergessen hatte.

Währenddessen lächelte Kai, als er Jasmin’s schlafende Gestalt sah. Nur das Piepen des Herzfrequenzmonitors und Jasmin’s Atemgeräusche waren in der Stille des Raumes zu hören. Vorsichtig hatte sich Kai anschließend auf dem Bettrand gesetzt und nach Jasmin’s Hand gegriffen, die mit dem Sauerstofftropf verbunden war.

“Lässt du ihn Dinge tun, die ich nicht darf?”, fragte Kai leise in den Raum flüsternd, obwohl er wusste, dass Jasmin ihm nicht antworten würde.

“Ist es wirklich so schlimm, wenn ich dich anfasse? Mache ich irgendetwas falsch?”, flüsterte Kai weiter, in der Hoffung, irgendwann doch noch eine Antwort zu bekommen.

Er schien plötzlich nicht mehr derselbe zu sein, der Anblick von Uruha mit Jasmin in den Armen hatte ihn schlagartig zu einem anderen Menschen gemacht. Auch seine Gefühle gegenüber Jasmin hatten sich seit jenem Augenblick geändert und niemand fragte ihn danach, ob er es so wollte oder nicht.

Kai lächelte erneut, als er sich über Jasmin beugte, um dieser genauer in das Gesicht blicken zu können. Mit beiden Händen berührte er ihr Gesicht, es war warm.

“Ich hätte dich gern in meinen Armen gehalten.”, flüsterte Kai, bevor er Jasmin einfach geküsst hatte. Mit jedem Mal, in dem Kai Jasmin angesehen und ihre Hand gehalten hatte, überkam ihn das Gefühl, sich immer mehr von ihr zu entfernen. Er wusste nicht, warum, aber er wusste, dass dieses Gefühl tief in seinem inneren existierte.

“Bitte mach die Augen auf und lächle mich an…wie immer, okay?”, lächelte Kai und war plötzlich den Tränen nahe. Er begriff nicht, warum er plötzlich weinen musste. Er verspürte seltsamerweise Sehnsucht. Hatte Sehnsucht nach Jasmin, obwohl diese doch bei ihm war. Und innerlich gestand Kai sich bereits, dass er sich in sie verliebt hatte und damit nicht klar kam. Solange Uruha da war, könnte er es auch nie offen zugeben - bis zu dem Zeitpunkt, wenn er es nicht mehr aushalten würde.

Mittlerweile waren es Stunden, die seit dem Morgen vergangen waren. Niemand hatte die Minuten gezählt, in denen ein Hotelgast nach den anderen untersucht und einem Krankenzimmer zugewiesen wurde.

Draußen hatte es begonnen, stärker zu Regnen, dass es Strömen glich.

Ja, man hoffte, dass der Regen die heutigen Geschehnisse wegwaschen würde. Aber dieses Hoffen war vergebens.

So vergebens, dass man sich ewig an diese Geschehnisse erinnern würde.

“Wie geht es dir?”, ertönte ein sanfte Männerstimme neben Mandy, die sich im Wartesaal auf einen der weißen Stühle niedergelassen hatte. Ihr tat plötzlich alles weh und zunehmend stärker wurde das Gefühl, jeden Moment einzuschlafen.

“Ich bin verdammt müde.”, antwortete Mandy, die anschließend in Reita’s Gesicht blickte. Dieser lächelte mit einem zustimmenden Nicken und verschränkte seine Arme.

“Ich weiß nicht, ob ich das von heute wirklich glauben kann, wo doch gestern noch alles nach heiler Welt aussah.”, meinte Reita dann und richtete seinen Blick starr aus dem Fenster, gegen das der aufgekommene Wind den Regen peitschte.

“Ich möchte darüber gar nicht nachdenken. Wir können eigentlich nur froh sein, dass wir noch leben.”, sagte Mandy und schloss darauf ihre Augen.

Als sie sie wieder öffnete, befand sie sich in einem anderen Zimmer und lag in einem Bett. Sie wollte ihre rechte Hand heben, bemerkte aber rasch, dass diese an einem Sauerstofftropf befestigt war, während sie dem Piepen des Herzfrequenzmonitor lauschte.

Seufzend versank Mandy tiefer in ihren Kissen und blickte dabei aus dem Fenster.

Alles erschien in dieser Welt plötzlich so unnahbar und gleichzeitig war es viel zu grausam, als das man es für möglich halten konnte. Wie würde es nun weitergehen?

Was würde als nächstes passieren?

Und warum passierte das alles überhaupt?

Es waren Fragen über Fragen, zu denen es anscheinend keine Antwort gab…

Das Piepen des Herzfrequenzmonitors wurde zunehmend lauter und dröhnte regelrecht in Mandy’s Ohren, die sie anschließend zuhielt.

Vor ihren Augen flackerte plötzlich das Gesicht von Aoi. Es war der Anblick seiner verschrammten Hand, die unter einem Balken hervorlugte. Darauf erschien ihr sein lächelndes Gesicht und seine ihr gänsehautbereitende Stimme ertönte in ihrem Kopf.

Das alles verwirrte Mandy, die es rasch zu verdrängen versuchte. Sie wusste nicht, was auf einmal los war, worauf sie diese Tatsache auf das Geschehnis von heute morgen schob.

Sie schloss ihre Augen und schlief wieder ein.

“Du bist wach?”, ertönte Uruha’s Stimme, als dieser bei Jasmin am Bett saß und diese ihn mit verschlafenem Blick angesehen hatte. “Was?”, reagierte sie verwirrt und rieb sich die Augen, bevor sie sich vorsichtig aufgerichtet hatte.

“Du hast sehr lange geschlafen. Aber der Arzt meinte, es wäre nach so einem Vorfall normal.”, erklärte Uruha darauf mit dem Blick zum Fenster gerichtet. “Was für einen Vorfall?”, fragte Jasmin. Sie schien sich an nichts erinnern zu können und umso verwirrter wurde sie. Erst jetzt bemerkte sie auch, dass sie sich in einem Krankenhaus befand.

“Das Hotel ist abgebrannt und als wir versuchten, es zu verlassen, bist du zusammengebrochen.”, lächelte Uruha und stand auf. Er lief zum Fenster, aus dem er anschließend starr blickte. Der Regen ergoss sich erbarmungslos auf die Erde und floss in den Rinnen wie ein kleiner Bach davon. Konnte nicht alles einfach so davon fließen?

“Wovon redest du?”, fragte Jasmin, die beinahe schon entsetzt über Uruha’s Worte reagierte. Sie verstand auch nicht, warum er hier war - warum sie hier war.

Uruha drehte sich zu ihr um und sein Gesichtsausdruck war derselbe wie immer, ernst und fast schon kühl erscheinend.

“Ich rede davon, dass du hättest sterben können, wenn es das Schicksal nicht anders gewollt hätte.”, reagierte Uruha schroff und anders kannte man sein Verhalten gegenüber Jasmin auch nicht. Warum aber glaubte sie für einen Moment, einen “anderen” Uruha vor sich stehen zu haben, als den, den sie bis jetzt kannte?

Und nach diesen Worten spielte sich alles wie ein Film in Jasmin’s Kopf ab. Sie bildete sich ein, dieses Kratzen in ihrer Kehle zu spüren und das Gefühl zu haben, jeden Moment zu ersticken. Ja, es war alles wieder da und nun wünschte sich Jasmin, es vergessen zu können.

“Du bist einfach so zusammengebrochen…”, bemerkte Uruha darauf flüsternd, bevor er sich mit beiden Händen über das Gesicht fuhr. Auf Jasmin machte er plötzlich einen nervösen Eindruck und als schien er mit irgendetwas nicht klar zu kommen. Dies machte sich auch bemerkbar, als er einfach aus dem Zimmer gestürmt war und die Tür laut knallend zufiel.

Jasmin seufzte und warf sich die Hände vor ihr Gesicht. Die Welt stand für sie plötzlich Kopf.

Der Regen wurde zunehmend stärker und glich einem Wolkenbruch.

Ohne Regenschirm oder einer anderen Art von Regenbekleidung lief Aoi im Regen durch den kleinen Park des Krankenhausgeländes. Seine Haare klebten ihm in Strähnen im Gesicht, während er seine Armen verschränkt hatte. Sein Gesichtsausdruck glich dabei dem eines verwirrten Jungen, der nicht wusste wohin. Planlos lief er umher und Aoi wusste nicht einmal, warum er sich das antat. Er tat es einfach. Jeder schien das Geschehene vom heutigen Tag anders verarbeiten zu wollen. Niemand suchte die Nähe des anderen, sie zogen sich alle zurück, egal wie. Dabei war es nicht dieser Gedanke, den Aoi hatte, als er plötzlich stehen blieb und in den Himmel starrte. Regen tropfte ihm in das blasse Gesicht, doch schien es den 28jährigen nicht zu stören. Für ihn war das alles noch nicht real genug, als das er es für wahr hielt. Er hätte sterben können, wenn nicht plötzlich ein “Engel” auftauchte und ihn aus den in sich zusammenbrechenden Mauern befreite. Nichts schien für Aoi mehr einen Sinn zu ergeben. Nervös raufte er sich die Haare, wirkte plötzlich verstört.

“Ich hatte Angst…”, ertönte es in seinem Kopf und wiederholte sich wie ein Echo.

“Ich hatte Angst, dass wir dich verlieren würden.”, ertönte es weiter.

Und Aoi hatte das Gefühl, jeden Moment einfach schreien zu müssen. Doch stattdessen stand er weiter schweigend da und blickte dabei immer noch in den Himmel.

“Junger Mann, kommen Sie rein, oder wollen Sie sich erkälten?”, ertönte die aufgebracht klingende Stimme einer Ärztin, die mit einem Regenschirm am Krankenhauseingang stand und Aoi beobachtet hatte. Aoi schien jedoch an ihren Worten vorbei zu hören.

“Junger Mann!”, ertönte ihre Stimme diesmal näher und als Aoi sich endlich zu ihr umdrehte, blickte er in das Gesicht dieser Ärztin, die nicht viel älter als er selbst zu sein schien.

Sie schielte über ihre Brille mit dezentem Rahmen und lächelte über Aoi’s Anblick.

“Was stehen Sie hier im Regen, junger Mann? Sie gehören sicherlich zu den Gästen des abgebrannten Hotels von heute Morgen, oder? Und jetzt sehen sie aus, wie begossener Pudel.”, bemerkte die junge Frau und hielt Aoi den Regenschirm über den Kopf.

“Außerdem scheinen Sie an einem erhöhten Schlafdefizit zu leiden. Kommen Sie mit rein und trinken Sie einen heißen Kaffee, der wird Ihnen sicherlich gut tun.”, meinte sie anschließend und bat Aoi den Vortritt, den dieser jedoch mit einem Kopfschütteln verneint hatte.

“Ich brauche keinen Kaffee oder Schlaf. Das, was ich wahrscheinlich wirklich brauche, kann mir ein Arzt wie Sie nicht geben.”, sagte Aoi und blickte in das entsetzt wirkende Gesicht der Ärztin, die da vor ihm stand und bis eben noch freundlich gelächelt hatte.

“Hören Sie, junger Mann, Ihre Nerven sind blank, dass sehe ich bei Ihren beruflichen Tätigkeiten ein und nach dem heutigen Tag sowieso. Aber trotzdem ist es Ihnen nicht gestattet, so mit mir zu reden!”, fuhr die junge Frau Aoi anschließend an und ließ diesen einfach im Regen stehen. Es war nicht Aoi’s Absicht, diese Frau, die er nicht mal kannte und die in seinen Augen nur einer dieser besserwisserischen Ärzte war, anzufahren.

Aber wie sollte er jemanden erklären, was gerade in ihm vorging, wenn er es selbst nicht richtig deuten konnte?

“Verdammt!”, fluchte er laut und raufte sich von neuem die klitschnassen Haare. Regentropfen bahnten sich ihren Weg über sein kalt gewordenes Gesicht.

Aoi fühlte, wie ihm mit einem Mal kalt wurde und er begann zu zittern, als er seine Augen schloss. Doch irgendetwas in Aoi verbat, jetzt wieder in das Krankenhaus zu gehen.

Und plötzlich schien er zu phantasieren - oder war es doch nur ein Tagtraum?

Aoi spürte einen kalten Windzug in seinem Gesicht und in der Ferne ertönte der laute Straßenverkehr. Als er seine Augen wieder öffnete, blickte Aoi in eine tiefe Straßenschlucht zwischen zweier Hochhäuser.

Das laute Straßengetümmel wirkte wie ein bunter Armeisenhaufen.

“Was zum…”, stammelte Aoi, dem ein starkes Schwindelgefühl überkam und er einen Schritt zurückwich, um nicht weiter in die Tiefe blicken zu müssen und umso weniger machte alles für Aoi einen Sinn. Die Verwirrung war ihm deutlich im Gesicht geschrieben. Als er sich umdrehte und das Dach des Hochhauses verlassen wollte, blickte er in die ernsten Gesichter von Ruki, Reita, Uruha und Kai.

“Jungs? Was ist hier los?”, hob Aoi fragend seine Stimme und in ihm machte sich ein unbehagliches Gefühl breit. Er bekam keine Antwort, sondern nur ein hinterhältig wirkendes Lächeln, welches ihm verriet, dass irgendetwas nicht stimmte.

“Jungs…”, wurde Aoi nun unsicherer und wollte sich einen weiteren Schritt nach vorn begeben, bis Ruki, der unmittelbar vor ihm gestanden hatte, plötzlich eine Pistole in der Hand hielt und mit dieser auf Aoi zielte. Aoi’s unbehagliches Gefühl verschlimmerte sich bei diesem Anblick schlagartig - ja, als müsse er sich jeden Moment übergeben.

“Das ist nicht witzig!”, stammelte Aoi und war gezwungen, einen Schritt rückwärts zu gehen. Der Verkehr in den Straßenschluchten dröhnte nun in Aoi’s Ohren, während Ruki und die anderen ihm nur weiterhin fies entgegenlächelten. Das alles konnte nur ein Traum sein und Aoi hoffte, bald daraus aufzuwachen.

“Weißt du, du bist im Weg.”, bemerkte Ruki fast gleichgültig und kniff dabei sein linkes Auge zu, während er mit dem rechten die Pistole gezielt auf Aoi richtete und abdrückte.

Ein drückender Schmerz machte sich in Aoi breit, während er entsetzt auf seine mit blutbesudelte Brust starrte. Immer mehr Blut quoll hervor und Aoi verlor darauf das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Er spürte nichts mehr, außer den kalten Wind in seinem Gesicht und einen harten Aufprall….

Das Krankenhaus wurde in den Gängen von den an den Decken befestigten Neonröhren erhellt, während in den meisten Krankenzimmern bereits die Lichter ausgegangen waren. Ruhe war endlich nach der morgendlichen Hektik eingetreten, gelegentlich kamen noch Krankenwagen und lieferten neue Patienten in das Osakaer Krankenhaus ein. Ärzte und Krankenschwestern inspizierten vereinzelt Patienten und kehrten anschließend in ihre kleinen Büros zurück, um dort angefallene Schreibarbeiten zu erledigen oder tranken Kaffee und nahmen dabei eine Mahlzeit ein.

Ja, so sah das tägliche Leben von Ärzten aus - sie mussten immer an Ort und Stelle sein.

Währenddessen war es in dem Gang, in dem das Zimmer von Jasmin lag, sehr still. Hin und wieder kam ein Patient aus seinem Zimmer, um den Gang auf die Toilette zu betätigen oder sich nach ganztägigem Liegen endlich die Beine vertreten zu können, ohne, dass es ein Arzt sah und ihn darauf hinweisen würde, dass es doch besser wäre, im Bett liegen zu bleiben.

Genauso betrachtete es Kai, der sich nach seiner Arztinspektion aus seinem Zimmer geschlichen hatte. Mit weißen Pantoffeln an den Füßen und in einem hellgrüngestreiften Krankenhauspyjama bekleidet bewegte sich Kai durch den Flur. Irgendwo schlug eine Turmuhr zur vollen Stunde - es war bereits ein Uhr morgens.

Kai warf einen Blick aus dem Fenster im Gang, der Straßenverkehr hatte sich auch gelegt und nur noch wenige Autos und LKWs hielten sich auf der sonst so voll gestopften Straße auf.

Aber Kai wandte seinen Blick rasch wieder davon und führte seinen Weg fort. Er wollte zu Jasmin, ohne, dass ihn jemand dabei sah und sein Gedanke war dabei an Uruha gerichtet.

Kai hatte vorsichtig die Tür geöffnet, nachdem er vor dieser stand. In Jasmin’s Zimmer war wie alles andere ebenfalls still und dunkel, nur der Herzfrequenzmonitor machte sich permanent bemerkbar. Jasmin schien es jedoch nicht zu stören. Ihre Hände lagen zusammengefaltet auf ihrem Bauch, der sich mit jedem ihrer Atemzüge hob und wieder senkte. Jasmin schien einen ruhigen Schlaf zu haben und wahrscheinlich tat ihr dieser sehr gut. Kai belächelte ihren Anblick, während er sich Jasmin näherte.

“Was machst du hier?”, ertönte Jasmin’s Stimme und ließ Kai erschrocken im Dunkeln zusammenfahren. Schlief sie doch nicht?

“Äh,…”, reagierte Kai mit einem beschämten Lächeln auf den Lippen.

Er wusste nicht, was er ihr darauf antworten sollte. Kai wusste selbst nicht genau, was er hier wollte - vielleicht, weil er Sehnsucht nach ihr hatte?

“Es ist mitten in der Nacht und du spukst wie ein unruhiger Geist durch die Gegend.”, bemerkte Jasmin, ohne, dass sie sich aufrichtete oder das Licht einschaltete. Und Kai wirkte in seinem Krankenhauspyjama und dem blassen Licht, welches von den Laternen im Park in ihr Zimmer geworfen wurde, in der Tat wie ein Geist. Seine Haut wirkte dadurch viel blasser und seine Gestalt hager. Nein, vor ihr stand nicht der Kai, den sie am helllichten Tag kannte und sie ahnte nicht einmal etwas von dem, was seit einiger Zeit in Kai vorging. Es waren seine Gefühle zu ihr, die sich auf seinen Schultern wie eine schwere Last abluden.

“Hab ich dich geweckt?”, fragte Kai darauf nur und hörte ein leises Kichern von Jasmin.

“Nein, ich liege schon seit Stunden wach…der Arzt meinte allerdings, ich bräuchte sehr viel Ruhe und Schlaf. Aber ich weiß, dass er etwas anderes zu Mandy sagte.”, erklärte Jasmin kurz und überredete sich nun doch dazu, sich etwas aufzurichten und das Licht des Nachttischlämpchens einzuschalten.

“…vielleicht wollte er nicht, dass sie sich Sorgen um dich macht.”, meinte Kai und bewegte sich mit weiteren Schritten auf Jasmin zu. Diese schüttelte bei Kai’s Worten nur ihren Kopf.

“So etwas sollte man nicht Arzt nennen, wenn er nicht mal der eigenen Verwandtschaft etwas sagt.”, widersprach Jasmin im Flüsterton und streckte gähnend die Beine von sich.

Kai nickte schweigend, als er plötzlich einen groben Druck auf seinen Schultern spürte.

Als Kai sich erschrocken umdrehte, blickte er in Uruha’s wütendes Gesicht.

“Was hast du hier zu suchen, hä?”, fragte dieser dann auch gleich und packte Kai mit unsanften Druck und zerrte ihn damit aus Jasmin’s Zimmer.

“Uruha, lass ihn los!”, rief Jasmin ihm nach, doch schienen ihre Worte in dem lauten Geplärre von Kai und Uruha unter zu gehen. Noch relativ schwach auf den Beinen kroch sie darauf aus ihrem Bett und war den beiden in den Flur gefolgt.

“Lass die Finger von ihr, klar?!”, zischte Uruha und verpasste Kai darauf einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Erschrocken hatte Jasmin darauf ihre Hände vor ihren Mund geschlagen, um sich selbst daran zu hindern, nicht einfach laut los zu schreien.

“Uruha, hör auf!”, keifte sie nun doch los und versuchte verzweifelt, Uruha von Kai loszureißen. Doch Uruha ließ sich nicht davon abbringen, erneut auf Kai einzuschlagen. Über Jasmin’s Wangen rollten bereits dicke Tränen und sie fragte sich, warum nicht endlich jemand kam und die beiden auseinander riss.

“Uruha, hör auf…bitte…”, flehte Jasmin im erneuten Versuch, Uruha von Kai loszureißen, bis dann auch endlich jemand kam.

“Aufhören!”, plärrten zwei Assistenzärzte und zerrten Uruha mit aller Kraft von Kai weg.

Als wäre Kai tot, lag er still am gefliesten Boden - Jasmin fragte sich, warum er nicht versucht hatte, sich zu wehren. “Oh, Gott…Kai…”, schluchzte sie und kroch, nachdem sie auf die Knie gerutscht war, auf allen Vieren zu Kai. Seine Nase blutete und er schien sich auf die Unterlippe gebissen zu haben, während Uruha ihn geschlagen hatte. Und doch ließ sich Kai nicht davon abhalten, mit einem Lächeln Jasmin’s Gesicht zu berühren und zu sagen “Alles in Ordnung…mir geht es gut.”.

Im nächsten Moment traten weitere Patienten in den Gang, unter ihnen auch Ruki und Reita.

“Was’n hier los?”, gähnte Ruki, während seine rechte Hand nahe seinem Schritt wanderte und er die Hose des Krankenhauspyjamas hochzog.

Reita, der neben ihm stand, grinste. “Stelle merken und waschen.”, bemerkte er und bewegte sich auf Uruha zu. Dieser stand an der Wand wie ein bockiger, kleiner Junge der von seiner Mutter ausgeschimpft und bestraft worden war. “Ist was passiert?”, fragte Reita Uruha mit einem verwirrten Blick, den er auf Kai und Jasmin gerichtet hatte.

Uruha antwortete ihm nicht, sondern verschwand einfach. Reita wagte darauf auch nicht, weiter zu fragen - egal, ob es Jasmin oder Kai war - und verschwand anschließend mit schlurfenden Schritten zurück in sein Zimmer. Ruki folgte seinem Beispiel, denn am Morgen würden Fragen auftreten, die beantwortet werden mussten.

“Geht es dir gut? Tut dir irgendetwas weh?”, fragte Jasmin und drückte vorsichtig Kai’s Gesicht an ihr Dekolletee.

“Ja, mir geht es gut…nur, meine Nase blutet.”, bemerkte Kai und drückte Jasmin vorsichtig von sich und betrachtete die blutigen Flecken auf ihrem Dekolletee. Kai lächelte und es war genau das Lächeln, welches Jasmin bislang von Kai kannte und sie erleichtert aufatmen ließ.

“Ich nehme Sie jetzt mit in das Untersuchungszimmer. Ihre Unterlippe muss genäht werden.”, erklärte einer der beiden Assistenzärzte, der sich Kai’s blutige Unterlippe angesehen hatte. Kai nickte, während er Jasmin mit sich hochzog.

“Okay.”, sagte er dann leise und lächelte Jasmin erneut an, bevor er dann dem Assistenzarzt folgte. Jasmin staunte darüber, wie taff Kai doch eigentlich war und über das, was Uruha getan hatte, drüber stand. Natürlich war es nur die äußere Fassade, was innerlich wirklich in Kai vorging, konnte Jasmin nicht sehen.

Doch wo war Uruha? Jasmin blickte verwirrt in den wieder leer gewordenen Gang. Uruha war weg. Nein, so einfach wollte Jasmin ihn nicht davon kommen lassen, nicht so und schon gar nicht dafür, dass er Kai einfach geschlagen hatte. Hatte er überhaupt einen Grund dafür?

Jasmin wurde wütend, wütend auf sich selbst - sie konnte Uruha nicht davon abhalten, dass sich dieser einfach auf Kai gestürzt hatte. Gleichzeitig war Jasmin auch wütend auf Uruha und ihr war dabei egal, welche Beweggründe Uruha ihr nennen würde, sie würde keinen von ihnen akzeptieren. Nicht jetzt und nicht einfach so.

Ohne, dass sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, suchte sie nach Uruha. Sie lief blind durch das Krankenhaus, weil sie überhaupt nicht wusste, wo Uruha war.

Er war nicht in seinem Zimmer.

Jasmin fuhr sich nervös durch die Haare und stand darauf wenige Minuten später in dem kleinen Park des Krankenhausgeländes. Planlos lief sie den betonierten Weg entlang, der an vereinzelten Stellen von Lampen erhellt wurde. Sie lief und lief und der Weg schien kein keine Ende zu kennen, bis Jasmin unmittelbar vor einer grünen Bank halt machte. Dort sah sie Uruha sitzen, mit gesenktem Kopf, der von seinen Händen abgestützt wurde und erbarmungslos prasselte der Regen auf beide nieder.

“Wieso hast du das getan?”, fragte Jasmin völlig ruhig und mit abwartendem Blick auf Uruha gerichtet. Dieser hob nur langsam seinen Kopf. In seinem Gesicht klebten nasse Haarsträhnen und trotz ihrer brodelnden Wut, strich Jasmin Uruha diese Strähnen aus dem Gesicht.

Uruha starrte Jasmin beinahe schon steif dabei an und als wollte er seinen Blick nicht von ihr ablassen. In seinen Augen brannte die Reue gegenüber dem, was er getan hatte, wie Feuer.

Aber Uruha gab Jasmin keine Antwort und es sah beinahe schon so aus, als würde er weinen und verzweifelt versuchte der Regen diese Tränen zu verstecken. “Wieso hast du das getan, Uruha?”, wurde Jasmin dieses Mal schroffer und wirkte ungeduldiger. Sie hatte Uruha darauf an den Schultern gepackt und leicht gerüttelt, in der Hoffnung, er würde endlich antworten. Doch Uruha schwieg weiter und trieb Jasmin mit jeder Sekunde seines Schweigens zur Weißglut. “Verdammt, Uruha, ich will wissen, warum du das getan hast!”, wurde Jasmin nun zunehmend lauter und Uruha’s Schweigen schien Jasmin nur noch wütender machen zu wollen. Und ohne, dass es Jasmin wirklich wollte, hatte sie Uruha eine schallende Ohrfeige verpasst. Mit weit aufgerissenen Augen hatte Uruha seinen Kopf zur Seite geworfen und starrte dabei den Baum an, der ihm gegenüber stand.

Jasmin war genauso erschrocken über ihre Tat, wie Uruha. Sie starrte ihn erschrocken an und hatte ihre Hände vor den Mund geschlagen. Tränen rannen ihr dabei wie der Regen über die Wangen und sie wimmerte leise “Es tut mir leid…” vor sich hin, bevor sie schlagartig die Flucht ergriffen hatte und wieder im Krankenhaus verschwand.

Uruha saß nach wie vor mit dem Blick zum Baum gerichtet da und berührte mit der rechten Hand seine glühende, schmerzende Wange. Ein Lächeln breitete sich auf Uruha’s Lippen aus und er begann zu lachen, während ihm Tränen über die Wangen rollten.

“Ja, ich weiß, du bist wütend. Und ich weiß auch nicht, warum ich ihn vor deinen Augen geschlagen habe…ich weiß überhaupt nichts mehr, seit ich dich kenne…”.

Es war noch relativ früh am Morgen, als die Nachricht des gestrigen Vorfalls das Management erreicht hatte und Yoshi mit einem Anruf aus dem Bett jagte. Er erklärte die momentane Situation, in der sich die Jungs von Gazette befanden - das es ihnen psychisch nicht gut ginge und alles drunter und drüber laufen würde. Yoshi beichtete den Verlust des Stylistenmaterials von Mandy, Jasmin, Yoriko und Mitsuyo und handelte sich verbale Ohrfeigen des Chefmanagements ein.

Aber wer sollte schon wissen, dass so etwas passieren würde?

“Sie kommen unverzüglich mit dem Team und den Jungs nach Tokio zurück, Yoshiyuki.”, ertönte die rauchige Stimme der Chefmanagerin Megumi Aoyama am anderen Ende der Leitung und ließ Yoshi zusammenzucken. Es war nicht so, dass er diese Frau nicht mochte, aber sie war nicht der Typ Frau, die man unbedingt als liebevoll und nett bezeichnen würde. Megumi war hart und korrekt in ihrem Job als Chefmanagerin, was in gewissen Grenzen auch gut war. Yoshi jedoch hatte in diesen Moment allerdings nicht das Gefühl, dass Megumi wirklich verstand, dass es den Jungs von Gazette nicht gut ging und sie nach Urteilen der Ärzte noch nicht wieder fähig waren, vorerst ihre Arbeit weiterzuführen.

“Megumi, verstehen Sie doch. Die Ärzte sagen selbst….”, stammelte Yoshi und wurde sofort von Megumi unterbrochen. “Es ist mir egal, was die Ärzte sagen. Hier geht es ums Geschäft und die Jungs sind nun mal ein wandelnder Goldbarren, der ohne Probleme ihre Ausgaben wieder hereinbringt. Deswegen akzeptiere ich es nicht, dass sie einfach so faul auf der Haut liegen. Ich weiß, dass die Jungs Arbeitstiere sind und das sollen sie gefälligst zeigen.”, widersprach Megumi knallhart, dass es gar Yoshi bei ihren Worten kalte Schauder über den Rücken liefen und ihn erneut zusammenfahren ließen.

“Das kann nicht Ihr Ernst sein, oder? Die Jungs werden das nicht schaffen, sie werden daran kaputt gehen.”, meinte Yoshi fassungslos und blickte durch die Glastür des Hoteleingangs nach drinnen. Er sah nur, wie Kai sich auf die Tür zu bewegte und dabei den Eindruck machte, als wüsste er bereits über all das bescheid, über das Yoshi mit Megumi diskutierte.

Megumi lachte am anderen Ende der Leitung. “Yoshiyuki, machen Sie sich bitte nicht lächerlich, ja? Sie wissen doch selbst am Besten, wie es in der Musikbranche abläuft. Warum sind Sie dann der Meinung, die Jungs würden das nicht durchstehen mit ihrer momentanen Situation? Da frage ich mich, warum die fünf sich nicht gleich einen anderen Job suchen. Aber ich habe jetzt auch nicht die Zeit, weiter mit Ihnen darüber zu diskutieren. In ein paar Stunden will ich Sie samt Mannschaft vor meinem Büro sehen. Wiedersehen.”, erklärte diese dann und ließ Yoshi nicht einmal die Möglichkeit, etwas erwidern zu können. In seinem Ohr ertönte nur das permanente “tut…tut…tut”, bevor Yoshi dann auflegte und sein Handy in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

Yoshi wirkte recht blass, als Kai vor ihm stand und ihn prüfend gemustert hatte.

“Alles in Ordnung?”, fragte Kai sofort und spürte dabei einen leichten Schmerz in seiner Unterlippe, welche durch eine Naht etwas eigenartig aussah.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Yoshi’s Lippen und er nahm mit nervös zitternden Händen seine Brille mit schwarzem Rahmen von der Nase, deren Gläser er an seinem schwarzen T-Shirt rieb.

“Ich habe eben eine stundenlange Diskussion mit Megumi geführt.”, sagte Yoshi und setzte sich seine Brille wieder auf, während er Kai dabei beobachtete, wie dieser sich eine Zigarette anzündete. “Der Arzt hat doch sicher zu dir gesagt, du sollst mit dem Rauchen noch etwas warten, oder? Ich glaub kaum, dass er dir erlaubt hat, auf einer frisch genähten Wunde zu rauchen.”, bemerkte Yoshi darauf mit beinahe schon übertrieben väterlichen Sorge, die Kai lächeln und kopfschütteln ließ. “Lass mich mal machen.”, sagte Kai und vergrub seinen rechte Hand, mit der er zuvor seine Zigarettenschachtel hervorgeholt hatte, in seiner Hosentasche. “Und was hat sie gesagt?”, fragte Kai darauf und blickte in Yoshi’s verwirrtes Gesicht. “Na, Megumi.”, fügte Kai dann hinzu und bemerkte, wie Yoshi beschämt lächelte.

“Wir sollen in ein paar Stunden vor ihrem Büro stehen…das gesamte Team, mit euch inklusive.”, antwortete Yoshi darauf und entschloss sich darauf, ein Stück mit Kai durch den Park zu laufen. “Als Goldbarren bezeichnet sie uns also? Auch ein netter Begriff.”, bemerkte Kai mit enttäuscht klingendem Unterton in seiner Stimme, als Yoshi ihm von dem Telefonat erzählte. “Ich möchte sie nicht als unfreundlichen Menschen bezeichnen, aber sie ist so gefühlskalt, dass es gar mir kalt den Rücken hinunter läuft.”, meinte Yoshi und vergrub dabei beide Hände in den Jackentaschen.

Kai lächelte. “Wie wir alle wissen, hat sie eine schlimme Vergangenheit hinter sich.”.

Yoshi sah Kai darauf nur irritiert an und als wüsste er nicht, wovon er redete.

“Wie, schlimme Vergangenheit?”, fragte Yoshi und brachte Kai zum Seufzen.

“Jeder in der Firma weiß davon, der andere vielleicht mehr oder weniger. Fakt ist, dass Megumi, bevor sie hier herkam, ihren Mann und ihre beiden Kinder bei einem Unfall verloren haben soll. Seit dem soll sie weder verheiratet, noch Kinder haben. Das alles wird jedenfalls erzählt. Viele munkeln noch etwas dazu oder lassen irgendetwas weg, weil sie es nicht richtig mitbekommen haben.”, erklärte Kai im Flüsterton und blickte hinter sich, um zu sehen, dass man sie auch nicht belauschte.

Mit staunenden Augen sah Yoshi Kai von der Seite an. “Deswegen also.”, sagte er dann und Kai stimmte ihm nickend zu.

“Trotzdem muss sie nicht so zu anderen Menschen sein. Vor allem, Aoi hat sich’ne fette Grippe eingefangen und kann deswegen kaum noch auf den Beinen stehen.”, fügte Yoshi hinzu und seufzte erneut. Kai hingegen brachte es nur zum Lachen und dazu, dass er seinen Kopf schüttelte. “Aoi ist selbst daran schuld. Er hat sich solange in den Regen gestellt, bis er umgekippt ist. Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet und eine Ärztin hatte ihn auch schon darauf hingewiesen, sich nach drinnen zu begeben. Aber weil er es nicht getan hat, hat er jetzt dafür’ne Grippe.”, erklärte Kai und brachte Yoshi dazu, über seine Worte lautstark zu lachen. Es war eines der kleinsten Probleme, die den Jungs an den Fersen zu hängen schien.

Die größte Sorge war Megumi’s Meinung. Aber es war aber auch der Gedanke daran, dass die Jungs von Gazette trotz ihrer momentanen Situation so wie bisher weitermachen sollten und es wahrscheinlich nicht schaffen würden, weil sie vielleicht viel zu angeschlagen waren, als das sie jetzt schon die Kraft dafür besäßen.

Nichts hatte sie bisher so niedergerissen und zerbrechlich gemacht, als der gestrige Tag.

Nicht mal die kleinen Dinge, über die man gelegentlich stritt, schafften dies.

Kai und Yoshi kehrten in das Krankenhaus zurück und es hatte von neuem begonnen zu regnen. Zur selben Zeit hatte Reita Aoi einen Besuch abgestattet und musste sich zurückhalten, nicht einfach so loszulachen, als er Aoi’s Anblick sah. Und es war ein sehr amüsanter Anblick, Aoi in einem hellgrüngestreiften Krankenhauspyjama und Mundschutz bekleidet zu sehen.

“Dein Glück, dass hier keine Handys erlaubt sind, sonst hätte ich ein Photo gemacht.”, grinste Reita frech vom Fenster aus in Aoi’s Gesicht. Dieser konnte kaum etwas erwidern und selbst das Lächeln fiel ihm eigenartigerweise schwer.

“Ich werde dich auch auslachen, wenn du das nächste Mal eine Grippe hast.”, bemerkte Aoi mit dem Benehmen eines kleinen, beleidigten Kindes. Trotz, dass ihm eigentlich danach war und seine Stimme immer heiser zu werden schien, machte Aoi seine Scherze und versuchte, alles andere als kränklich zu wirken.

“Komm schon, sei nicht so verklemmt wie’ne Jungfrau.”, lachte Reita und lief dabei mit verschränkten Armen und einem breiten Grinsen im Gesicht durch das Zimmer, als es plötzlich an der Tür klopfte und Kai’s Kopf hineinlugte.

“Eure neuen Sachen sind gerade angekommen. Seht also zu, dass ihr euch einigermaßen abfahrbereit macht.”, sagte dieser dann darauf und verschwand wieder. Reita blickte verwirrt zu Aoi, doch dieser zuckte nur unwissend mit seinen Schultern und zog darauf die weiße Bettdecke höher. Erneut klopfte es an der Tür und dieses Mal stöhnte Reita genervt auf, bis er Mandy in das Zimmer lugen sah. Sie lächelte schüchtern und wollte eigentlich wieder gehen, wenn Reita sie nicht davon abgehalten hätte.

“Stopp! Du kannst auf unseren bettlägerigen Pflegefall aufpassen und ich erkundige mich mal, was hier eigentlich los ist.”, erklärte dieser und schob Mandy zurück in Aoi’s Zimmer. “Da habt ihr noch ein bisschen Zeit für euch.”, bemerkte Reita dann, bevor er endgültig verschwunden war. “Idiot.”, murmelte Aoi in seinen Mundschutz hinein und zauberte Mandy ein sanftes Lächeln auf die Lippen.

“Wie geht es dir?”, fragte sie und ließ sich auf den Stuhl, der neben Aoi’s Bett stand, nieder.

Aoi winkte ihre Frage mit einem lauten Hustenanfall als Antwort ab. Mandy griff rasch nach dem Wasserglas und reichte es Aoi, der reichlich daraus trank, nachdem er seinen Mundschutz aus dem Gesicht riss.

“Danke.”, sagte er darauf leise und ließ sich zurück in seine Kissen sinken, zog seine Decke dabei bis zum Kinn und Mandy erinnerte sein Anblick an den eines kleinen, kranken Jungen.

Mandy schüttelte darauf ihren Kopf und seufzte. “Was ist in dich gefahren, damit du dich bis zum Umfallen in den Regen stellst?” fragte sie darauf mit dem Blick zum Fenster gerichtet.

Aoi schüttelte seinen Kopf, ohne, dass es Mandy sah und sagte darauf “Ich hoffte, der Engel, der mir bereits einmal das Leben gerettet hatte, würde kommen, um mich davon abzuhalten…”, sagte er beinahe geistesabwesend und brachte Mandy dazu, ihn erschrocken und gleichzeitig verwirrt anzusehen. Sie verstand nicht auf Anhieb, was er damit meinte. Sie sah nur ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen, während seine rechte Hand nach einer von Mandy’s Händen griff. Der Blick in seinem Gesicht schien Bände schreiben zu wollen und unbemerkt breitete sich ein eigenartiges Gefühl in Mandy aus. Aoi schien sie mit seinen Augen hypnotisieren zu wollen, während dabei jede Sekunde wie ein kleines Stück Ewigkeit war. Mandy dachte über die Worte nach, die Aoi eben sagte und ließ ihre Wangen erröten, was sehr hübsch an ihr aussah und es Aoi zum Lächeln brachte.

“…aber stattdessen kam eine zeternde Ärztin vorbei.”, fügte Aoi darauf seufzend hinzu, um die Stille zwischen ihm und Mandy brechen zu können. Mandy kicherte leise und sie schien es auch nicht zu stören, dass Aoi ihre Hand immer fester in die seine schloss und mit seinem Daumen sanft über ihren Handrücken streichelte.

Und ohne, dass es Mandy sofort realisierte, hatte Aoi sie zu sich auf das Bett gezogen und berührte sanft, beinahe schon zaghaft mit seinen Lippen ihren Mund.

Für Mandy klang es eher kitschig, doch erkannte sie die Ernsthaftigkeit in Aoi’s Worten, die er ihr später sanft ins Ohr geflüstert hatte, bevor sie gegangen war. Was bedeuteten sie?

Innerlich war Mandy aufgewühlt und sie konnte sich keine Erklärung dafür finden. Sie hoffte nur, dass nicht noch mehr Dinge passierten, die ihr Leben und das der anderen komplett auf den Kopf stellen würden…

“… ich hatte gehofft, du würdest kommen, um mich vor dem Regen zu beschützen…”

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