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Yami wo & Jiyuue

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yami (wo) alias Jasmin
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Snowwhite-Innocence

Kapitel 5

Der Regen wurde stärker, nachdem die gesamte Crew, die die Jungs von Gazette begleitet hatte, in Tokio angekommen war. Die schweren Eisentore hatten sich bereits wieder geschlossen, nur das laute Gekreische der Fans, die sich vor ihnen angesammelt und vom gestrigen Tag erfahren hatten, war noch lange zu hören. Jeder einzelne von ihnen schrie die Namen der fünf Jungs, in der Hoffnung, sie würden darauf reagieren. Schon des Öfteren standen Fans vor den Toren des ummauerten PSCompanygebäudes und glaubten, einer der fünf Jungs würde die schweren Eisentore passieren.

Doch alles war bislang vergebens und so war es auch heute.

Es war lediglich das Prasseln des Regens welches nun außerhalb des Parkhauses zu hören war und beinahe schon den Eindruck hinterließ, als wolle der Regen alles in sich verschlingen. Man konnte allen deutlich ansehen, als sie im blassen Licht der an der grau-betonierten Decke befestigten Neonröhren standen, dass sie müde und abgekämpft waren. Und jeder von ihnen wünschte sich, dass sie alles vom gestrigen Tag geträumt hatten.

Niemand hatte von Osaka bis Tokio je ein Wort gesagt, sodass diese mörderische Stille einen beinahe schon in den Wahnsinn treiben wollte und nur von den Tönen des Radios unterbrochen wurde.

Mit einer schweigenden Kopfbewegung deutete Yoshi auf die verchromten Fahrstuhltüren und als wollte er so viel sagen “Ab in die Höhle des Löwen.”.

Darauf waren kaum weniger als zehn Minuten vergangen, als die fünf Jungs von Gazette und ihre Crew, bis auf Yoshi, vor der Bürotür des Chefmanagements standen und wie ungeduldige, kleine Kinder warteten. Dabei kam es wohl eher einem unbehaglichen Gefühl am nahesten. Gelegentlich klopfte eine Sekretärin nach der anderen an der dunkelbraun gestrichenen Holztür, um irgendwelche Formulare abzugeben oder brachten Megumi Kaffee.

Hin und wieder hörte man auch Megumi, wie sie immer lauter wurde und Yoshi wahrscheinlich auch anbrüllte. Er versuchte ihr seine Meinung erneut verständlich zu machen, doch Megumi wehrte sich nach wie vor dagegen.

“Sie scheinen kein Herz zu haben, oder?”, fragte Yoshi mit aufgebrachten Ton und schien dabei völlig vergessen zu haben, wen er da vor sich stehen hatte.

Megumi lachte spöttisch über Yoshi’s Worte und war darauf aufgestanden. Der Blick in ihrem Gesicht war genauso kalt wie der Regen, welcher sich immer wieder von neuem über die Erde ergoss..

“Yoshi, Sie scheinen vergessen zu haben, wie das Musikgeschäft heutzutage läuft. Ohne Ware kommt kein Geld und genauso ist es auch umgekehrt. Die fünf sind meine Ware und ich verkaufe diese Ware teuer, um ihre Ausgaben begleichen zu können. Aber es geht nicht nur diesen fünf so, sondern auch den anderen Bands, die hier bei mir einen Vertrag unterschrieben haben.”, versuchte Megumi ruhig zu erklären, obwohl sie sich stark dabei zusammenriss, damit sie nicht wieder laut wurde.

“Das hatte ich Ihnen bereits vorhin am Telefon erklärt.”, fuhr sie anschließend fort und wandte ihren Blick aus dem Fenster. Dieser war starr und kalt auf die grauen, nassen Mauern, die das Gebäude umgaben, gerichtet. Dabei schienen ihre Augen in eine tiefe Unendlichkeit versinken zu wollen und dabei fragte sie sich ständig, warum war es so schwer, jemanden etwas begreiflich zu machen.

“Geben Sie den Jungs wenigstens ein paar Tage frei. Wenigstens solange, bis sie wieder einigermaßen auf den Beinen sind.”, sagte Yoshi darauf und als wollte er sein Leben dafür opfern. Megumi lachte lautstark und es schien bis in den langen Korridor, in dem auch die anderen standen, zu dringen

Und genauso verklang es auch wieder, bis Megumi mit geballten Fäusten auf den Tisch schlug und Kaffee dabei verschüttete, Megumi es aber in diesem Moment ignorierte. In ihren Augen glänzten bereits der Zorn und das Ende ihrer Nerven.

“Sie meinen, ich gebe einfach mal so fünf Musikern, vier Stylisten und Ihnen frei, nur weil gestern ein Hotel abgebrannt ist, in dem sie übernachteten?”, fragte Megumi darauf im Ton, der sofort verriet, dass ihre Frage nicht ernst gemeint war und sie erneut in Gelächter ausbrach. “Vergessen Sie’s, Yoshiyuki. Die Einbüßen der Kostüme und des Stylistenmaterials müssen wieder beglichen werden.”, meinte sie lachend und versuchte darauf, Yoshi so schnell wie möglich aus ihrem Büro zu “scheuchen”, damit sie weiteren Diskussionen mit ihm aus dem Wege gehen konnte.

“Aber,…”, stammelte Yoshi, der jedoch rasch verstanden hatte, worauf Megumi hinaus war und im selben Moment erschrocken zusammenfuhr, als Kai plötzlich im Büro stand. Sein Blick glich nicht dem Kai, der einfach mal so lächelte, egal, wie die Situation gerade aussah. Nein, er schien wütend zu sein und fühlte sich wie Yoshi in diesem Moment unverstanden von Megumi. “Wissen Sie eigentlich, wie Sie mit ihren Mitmenschen umgehen, Megumi? Sie behandeln sie wie ein Stück Vieh, welches Sie so lange auf die Weide jagen, bis Sie es gnadenlos tot füttern können. Sie sind ein herzloser Mensch.”, wurde Kai laut und als wollte er sich wie eine hungrige Hyäne auf Megumi stürzen. Klar war, dass Megumi erschrocken über Kai’s Worte war und man ihr dies deutlich ansah. Mit beinahe ängstlichem Schlucken und Abstützen ihres Schreibtisches ließ Megumi sich auf ihrem mit schwarzem Leder bezogenen Drehstuhl sinken und kehrte Yoshi, sowie Kai den Rücken. Sie wollte ihr Entsetzen, welches ihr Gesicht verriet, nicht preisgeben.

“Yoshi, bitte verlassen Sie augenblicklich mein Büro.”, sagte Megumi trocken und ohne, dass sie sich zu Yoshi umdrehte. Yoshi nickte und verließ mit einem Blick auf Kai gerichtet das Büro. Nachdem die Tür ins Schloss fiel, brach ein Moment der Stille herein, der jedoch rasch von Megumi gebrochen wurde.

“Was soll das, Kai?”, fragte Megumi darauf im Ton eines schüchternen Mädchens.

“Ist das Ihr Dank?”.

Kai schwieg für einen Moment, bevor er sich räusperte. Und auch wenn er darauf von Megumi gebeten wurde, sich zu setzen, so reagierte Kai nicht auf diese Bitte und blieb mit den Händen in die schmalen Hüften gestützt stehen.

“Wissen Sie, was Sie ihren Angestellten damit antun, Megumi? Nehmen Sie mal an, dass Visagistenteam würde morgen wie gewohnt hier auftaucht und seine Arbeit macht. Doch plötzlich passiert etwas, vielleicht bricht einer von ihnen zusammen oder leidet immer noch unter Schock, was unternehmen Sie dann? Sie kennen diese Situation doch selbst, oder etwa nicht?”, antwortete Kai gezielt mit einer Gegenfrage, in der Hoffnung, in Megumi einen wunden Punkt treffen zu können. Ihm lag es nicht mal daran, dass seine Jungs und die Crew für kurze Zeit frei bekommen würden. Kai lag es allein daran, dass Megumi endlich ihre Kaltherzigkeit ablegen und wieder wie ein normaler Mensch leben sollte.

Megumi lachte und kehrte Kai weiterhin den Rücken.

“Was erzählen Sie da? Das ist völliger Unsinn.”, widersprach diese dann und merkte darauf nicht einmal, dass Kai nun vor ihr stand und ihr ernst ins Gesicht blickte.

“Also ist es auch Unsinn, dass Sie nicht unter Schock standen, als Ihre Familie verunglückte und Sie es sogar miterleben durften? Dann entschuldigen Sie meine Behauptungen.”, meinte Kai und hinterließ fast schon den Eindruck, als wollte er über Megumi spotten.

“Das hat doch gar nichts damit zu tun…”, stammelte Megumi plötzlich und stand auf.

“…das ist etwas völlig anderes.”, fuhr sie fort und lief anschließend nervös in ihrem Büro hin und her. Kai lachte auf.

“Meinen Sie?”, fragte er, bekam jedoch keine Antwort darauf.

“In diesem Hotel sind auch Menschen gestorben, Aoi wäre fast einer von ihnen gewesen, wenn man ihn nicht rechtzeitig gefunden hätte. Auch wenn wir keinen dieser Menschen kannten, die dort gestorben sind, war es trotzdem schmerzhaft. Natürlich ist es schlimmer, einen Familienangehörigen zu verlieren. Aber ich will Ihnen nur begreiflich machen, dass einige von uns noch nicht in der Lage sind, völlig geistig und körperlich so zu arbeiten, wie Sie es vielleicht gewöhnt sind. Die Leute brauchen Zeit, um den gestrigen Tag verarbeiten zu können und nicht, damit sie faul auf der Haut liegen.”, versuchte Kai der verwirrten Megumi zu erklären. Sie machte dabei den Anschein, als würde sie Kai nicht wirklich zu hören und doch verwirrten seine Worte sie immer mehr.

“Hören Sie auf!”, wurde Megumi laut und hielt sich die Ohren zu, damit sie Kai nicht weiter zuhören musste. Kai schüttelte seinen Kopf, als er sich mit schnellen Schritten auf Megumi zu bewegte und diese an den Schultern packte.

“Hören Sie auf, die gefühlskalte Chefin zu spielen, nur weil Sie mit dem Verlust ihrer Familie nicht zurecht kommen!”, zischte Kai und rüttelte Megumi leicht. Und das Gefühl, einen gewöhnlichen Menschen vor sich stehen zu haben, ließ sich in diesem Moment nicht verdrängen. Nein, vor ihm stand eine junge Frau, mit bis über die schmalen Schultern reichendes, schwarzes und zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar, blassem Teint, roten Lippen - ja, ähnlich wie Schneewittchen- und sehr schlanker Gestalt. Megumi sah in diesem Moment aus wie einer Porzellanpuppe und man wollte sie gar nicht anfassen, aus Angst, sie könnte zerbrechen. Und so fühlte sich Kai - als würde er Megumi zerbrechen wollen, als er ihre Schultern berührte und genauso schnell wieder von ihnen abließ.

“Sie wissen doch gar nichts!”, zischte Megumi und wirkte beinahe schon wütend, als sie in Kai’s erschrockenes Gesicht blickte, in dem aber ein flüchtiges Lächeln über die Lippen huschte. “Da irren Sie sich, Megumi. Ich habe einen Teil meiner Familie verloren. Deswegen bin ich allerdings kein Mensch, der seine Gefühle hinter einer kalten Fassade versteckt, nur, damit sich ihm niemand nähert.”, erwiderte Kai und fuhr sich darauf durch das dunkle Haar.

Megumi schüttelte energisch ihren Kopf und versuchte sich verzweifelt gegen Kai’s Worte zu wehren. Sie begriff nicht, warum Kai so etwas tat - warum er so etwas sagte.

“Was bilden Sie sich ein, wer Sie sind? Sie schneien hier einfach herein und werfen mir Dinge an den Kopf, die ich nicht hören will!”, zischte Megumi und wandte sich dem großen Bürofenster zu, aus dem sie anschließend blickte.

Kai lächelte, ohne, dass Megumi es sah. Er verstand ihre Reaktion und konnte diese auch gut nachvollziehen. Doch selbst er verstand nicht, warum er mit Megumi über eigentlich sinnlose Dinge diskutierte. Es war einfach nur der Drang danach, jemanden begreiflich zu machen, dass er falsch handelte. Ja, mehr war es für Kai nicht und würde es wahrscheinlich auch nie sein. “Hören Sie, Megumi, ich will Ihnen nur klar machen, dass Sie so nicht weitermachen können.”, meinte Kai und spürte darauf nur den Schmerz einer schallenden Ohrfeige von Megumi. Erschrocken blickte sie in Kai’s Gesicht, senkte aber rasch ihren Kopf.

“Verlassen Sie sofort mein Büro…”, forderte Megumi sich auf ihren Stuhl zu bewegend und ließ sich anschließend darauf nieder.

Kai nickte schweigend und verließ mit den Worten “Denken Sie darüber nach, was ich zu Ihnen gesagt habe.” Megumi’s Büro. Im Korridor wartete bereits der Rest ungeduldig auf Kai, bis dieser mit gesenktem Kopf vor ihnen stand.

“Und?”, fragte Yoshi, der jedoch bereits erahnen konnte, was passiert sein musste. Kai hob darauf lächelnd seinen Kopf und sagte “Ich habe ihr einfach die Wahrheit vor Augen geführt. Nur weiß ich nicht, wie sie darauf reagieren wird.”.

Nachdem er dann schweigend in die Gesichter der anderen blickte, war Kai ohne weitere Worte verschwunden. Niemand stellte darauf weitere Fragen, sondern ging für den heutigen Tag seine eigenen Wege. Reita hatte sich kurzer Hand dazu entschlossen, Aoi nach Hause zu begleiten, damit dieser unterwegs nicht umfallen konnte. Der Rest begab sich auf den Heimweg, um ein heißes Bad und eine anständige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Etwas anderes, außer auf den nächsten Tag zu warten, blieb ihnen nicht übrig. Entweder, Megumi würde endlich einsichtig werden oder nicht.

Und Kai war mit seinen Worten, die er an Megumi gerichtet hatte, erfolgreich. Sie hatte Einsicht und verlangte nicht, dass die Jungs von Gazette und die Crew in der Firma auftauchen sollten. Niemand wusste allerdings, wie lange es anhalten würde. Vielleicht war es nur für einen kurzen Augenblick, vielleicht aber auch für länger.

Keiner hatte die Tage gezählt, nicht einmal Mandy und Jasmin, die an diesem Tag im Wohnzimmer saßen und die Achtzehnuhrnachrichten schauten. Nichts hatte sich geändert, denn immer und immer wieder wurde von den Reportern berichtet, wie das Hotel gnadenlos verbrannt war und dass sich die Jungs seit dem vor jedem Interview diesbezüglich zurückzogen. “Was ist nur los mit Jungs von the GazettE? Fans hoffen auf eine Antwort der Fünf, doch ziehen sich Kai, Uruha, Reita, Aoi und Sänger Ruki immer mehr vor dem Showtrubel rund um die Musik zurück. Der Schock, mit ansehen und vor allem miterleben zu müssen, wie alle Habseeligkeiten in den Flammen des Hotel untergingen, scheint noch tief in ihren Knochen zu sitzen. Oder haben sich the GazettE kurzerhand einfach für eine Pause entschieden? Wir werden versuchen, es herauszufinden, damit die Fans von the GazettE endlich wieder ruhig schlafen gehen können. Ich übergebe wieder ins Studio…”.

Ja, es waren die Nachrichten, die seitdem tagtäglich ausgestrahlt wurden. Ständig vielen Fragen und doch schien es keine Antworten darauf zu geben. Mandy und Jasmin fragten sich in diesem Moment, warum die Medien nicht endlich aufgaben.

“Die nerven langsam, echt. Die Jungs werden vorerst keine Interviews geben, dass sollte denen endlich mal klar werden.”, stöhnte Mandy genervt und schaltete darauf auf einen Musiksender, welcher allerdings ähnliche Nachrichten ausstrahlte und Mandy dazu zwang, den Fernseher auszuschalten.

“Das sind die Medien.”, meinte Jasmin darauf, als plötzlich das Telefon im Flur klingelte.

Jasmin winkte sofort ab, als Mandy sich erheben wollte, um herauszufinden, wer um diese Zeit jetzt noch anrief.

“Moshi Moshi!”, meldete sich Kai’s jungenhafte Stimme, die Jasmin erschrocken zusammenfahren ließ, am anderen Ende der Leitung. Ein flüchtiges Lächeln huschte darauf über Jasmin’s Lippen und sie erwiderte darauf die Worte von Kai.

“Gibt’s was, oder was bringt dich dazu, jetzt noch anzurufen?”, fragte diese anschließend und wartete auf eine Antwort von Kai, welcher wie ein kleines Kind kicherte.

“Mir war langweilig und deshalb wollte ich dich fragen, was du heute noch vorhast.”, meinte er dann und zündete sich eine Zigarette an. Jasmin lächelte und schüttelte dabei ihren Kopf.

“Nichts.”, sagte Jasmin darauf und stellte sich dabei bildlich vor, dass Kai wohl wie ein Weltmeister grinste. “Nichts? Dann hast du doch sicher auch nichts dagegen, wenn ich bei dir vorbeikomme?”, fragte Kai ohne weiteres und wartete darauf minutenlang auf eine Antwort von Jasmin. Er hatte lediglich ein kurzes Gespräch, welches sie wohl mit Mandy zu führen schien, mitgehört, bis Jasmin wieder am Telefon war und ihn darüber informierte, dass es okay war, wenn er vorbeikäme. Natürlich dauerte es auch nicht lange, bis Kai breit grinsend

vor der Wohnungstür von Mandy und Jasmin stand.

“Hi.”, grinste Kai Jasmin entgegen, als diese die Tür öffnete und ihr auch sofort um den Hals fiel, während Mandy, die hinter den beiden stand, leise kicherte.

“Okay, ich lass euch beiden dann mal allein.”, meinte sie drauf und drängelte sich an Kai und Jasmin vorbei. Kai, der sich darauf zu Mandy umgedreht hatte, fragte anschließend nur, wohin sie wolle. Mandy erklärte, dass sie Aoi einen Krankenbesuch abstatten und anschließend vielleicht einen kleinen Stadtbummel machen wollte. Wenige Minuten später war sie dann auch schon verschwunden und die Zeit verging darauf wie im Flug.

Ich hab irgendwie Hunger., bemerkte Jasmin, die mit ihrem Kopf auf Kai’s Schoß gelegen hatte und gähnend auf den Fernseher starrte, in dem gerade Kai völlig hingerissen eine Dokumentation über Krokodile verfolgte, während er mit seiner linken Hand Jasmin´s Rücken streichelte.

An diesem besagten Abend hatten sich Kai und Jasmin miteinander verabredet, um ein wenig der freien Zeit miteinander verbringen zu können. Und so stand Kai vor wenigen Stunden bei Jasmin vor der Tür.

Sie hatten sich Pizza bestellt, Sekt getrunken und sich sehr angeregt unterhalten.

Es war das erste Mal, dass Kai mit Jasmin wirklich allein zusammen war, ohne, dass er damit rechnen musste, jeden Augenblick von irgendjemandem gestört zu werden.

Er war nicht sicher, ob er sich von diesem Abend irgendetwas erhoffen konnte bzw. durfte.

Und da er vermutlich auch über Nacht bleiben würde, war er sich noch unsicherer.

Natürlich versuchte er, sich wie immer zu verhalten.

Jasmin allerdings spürte, dass ihm das nicht so recht gelang und er deutlich aufgeregter, als sonst, war. Aber auch ihr erging es nicht anders, denn in den letzten Tagen war sie diejenige, die häufig zu ihrer Schwester gesagt hatte, sie würde Kai sehr gern haben.

Und vermutlich ging dieses gern haben zwischen den beiden sogar noch ein Stückchen weiter, wie man wohl unschwer erkennen konnte, wenn man die Beiden so zusammen auf dem weinrotem Sofa im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung von Jasmin und ihrer Schwester Mandy beobachtete.

Ich hab immer noch Hunger, Kaichen., wiederholte Jasmin, auf dessen Lippen sich ein herzliches Lächeln ausbreitete, als sie das Wort Kaichen unüberlegt noch einmal wiederholt hatte und Kai sie fragwürdig angesehen hatte.

Geh von mir runter, und ich koch dir was., meinte Kai sofort, woraufhin Jasmin ihren Kopf von seinem Schoß genommen und sich neben ihm aufgerichtet hatte.

Im ernst?, fragte Jasmin ihn dann auch schon, bevor sie ihn bis über beide Ohren angegrinst hatte. Kai nickte und erwiderte prompt ihr Lächeln.

Es machte den Eindruck, als wollten beide um die Wette lächeln.

Backst du mir einen Kuchen?, fragte Jasmin dann weiter.

Kai’s Lächeln schien absolut nicht verblassen zu wollen. Sicher?, fragte Kai zurück.

Hai., antwortete Jasmin und schien sich ihrem Entschluss wohl sehr sicher zu sein.

Kai wusste gar nicht mehr, wie es war, Jasmin nicht lachen zu sehen.

Wenn sie in seiner Nähe war, lachte sie immer und er war sich auch völlig sicher, dass er ohne ihr Lachen und ohne ihre bloße Anwesendheit gar nicht mehr sein wollte.

Aber es war leider auch so, dass er ihr nicht immer jeden Wunsch erfüllen konnte. Im Nachhinein musste er ihr nämlich gestehen, dass er überhaupt nicht backen konnte.

Jasmin empfand das nicht wirklich als schlimm, schließlich war die Tatsache, backen zu können, wohl für einen Mann eher untypisch, wenn dieser kein Bäcker war.

Okay, dann zeig ich es dir., sagte Jasmin daraufhin, bevor sie aufgestanden war und nun abwartend vor Kai stand.

Kai war plötzlich sichtbar irritiert über Jasmin´s Verhalten. Nicht so wirklich konnte er sich erklären, warum. Offenbar war es wieder einmal seine Faszination für diese Frau, die da gerade vor ihm stand und mit dem schönsten Lächeln überhaupt auf ihn wartete.

Ja, es konnte gar nicht anders sein, denn er war von Anfang an von Jasmin fasziniert.

Dabei ging es ihm nicht darum, was sie tat, sondern viel mehr darum, wie sie es tat.

Für ihn war einfach alles an ihr so wunderbar, dass er anderen gegenüber schon einem verknallten Teenager ähnelte, der kurz davor war, den Verstand zu verlieren.

Und schon kurze Zeit später stand er neben Jasmin am Küchentisch und beobachtete sie dabei, wie sie mit dem Mixgerät Zutaten, wie Zucker, Mehl, Butter, Backaroma, Eierlikör, an welchem Kai zuvor ausgiebig genascht hatte, Rosinen, Eier und Backpulver in abgemessenen Mengen miteinander verrührte.

Der Eierlikör hatte bei Kai schnell Wirkung gezeigt, denn urplötzlich fing er an zu lachen.

Die Gründe dafür kannte er selbst nicht, und so lachte er einfach, während Jasmin das Mixgerät ausgeschalten und Kai skeptisch angesehen hatte.

Irgendwann hatte er auch bei ihr seine Grenzen erreicht. Wie das aussah, wusste Kai.

Schon oft musste er damit klar kommen, dass sie ihn einfach ignorierte und kein Wort mit ihm wechselte.

Hol mal bitte die Backformen unten aus dem Herd., forderte Jasmin daraufhin recht monoton, bevor sie ein geschlossenes Päckchen Backmargarine aus dem Kühlschrank, welcher unmittelbar neben der Tür gegenüber dem Tisch stand, geholt, Kai dann abwartend angesehen und auf das Schiebefach am Herd direkt ihm gegenüber gezeigt hatte.

Kai aber hatte sie angesehen, als hätte er kein Wort von dem, was sie gesagt hatte, verstanden.

Wem soll ich einen runter holen?, fragte er kichernd zurück.

Wobei er wirklich eher so etwas in dieser Art verstanden hatte.

Allerdings hielt es ausgerechnet Jasmin häufig für unangebracht, die Dinge auszusprechen, die man gerade im Kopf hatte. Und somit war es auch sie, die anfangs mit Kai´s direkter und offener Art nicht richtig zu Recht kam.

Boah, Kerl..., zischte Jasmin, welche die Backformen aus Silikon nun selbst aus dem unteren Schiebefach am Herd geholt hatte. Währenddessen war Kai es, der ihr permanent auf den Hintern gestarrt hatte.

Wärst du dann mal so lieb und fettest die Formen ein?, fragte Jasmin dann, als sie sich wieder zu ihm herumgedreht und die beiden Backformen in grau neben ihm auf den Tisch gestellt hatte. Einfetten? Kai wusste mit diesem Wort nicht wirklich etwas anzufangen.

Seine Vorstellung reichte in Bezug darauf vermutlich nur so weit, mit Öl irgendetwas zu begießen oder einzupinseln. Wohlmöglich war es genau das. Also suchten seine Augen krampfhaft nach etwas, was nach Speiseöl aussah und meistens in durchsichtigen Plastikflaschen aufbewahrt wurde.

Und wenn sie ihm jetzt noch einen Pinsel geben würde, würde es ihm die Arbeit schon sehr erleichtern.

Aber nach Jasmin´s Blick zu urteilen, würde er wohl nichts von all dem brauchen.

Als Jasmin Kai so ansah und erkannte, wie überfordert er wohl mit ihrer Bitte zu sein schien, musste sie lachen. Sie konnte ja nicht wissen, dass er nicht einmal den Hauch einer Ahnung vom Backen hatte.

Sie fand den Anblick, wie er da so unbeholfen in der Küche vor ihr stand und aussah, als hätte man ihn irgendwo allein zurück gelassen, ungemein niedlich.

Sein Anblick ließ sie auf Anhieb wieder schwach werden. Und so hatte sie dann einfach ihren rechten Zeigefinger in die weiße Schüssel, welche mit dem zusammengerührten gelbfarbigem Brei gefüllt war und neben ihr auf dem Tisch stand, getaucht und war auf ihn zugekommen.

Mund auf!, kicherte sie, woraufhin Kai ebenfalls kichern musste, das aber sofort tat, was sie verlangte. Er hatte ihr im wahrsten Sinne des Wortes den Finger abgeleckt.

Mhm, lecker..., bemerkte Kai, welcher daraufhin ebenfalls seinen rechten Finger in die Schüssel getaucht und ihn Jasmin entgegengestreckt hatte.

Und auch Jasmin tat das, was er zuvor bei ihr getan hatte.

...ähm, sollte das Zeug nicht in den Backofen?, fragte Kai später und zu einem Zeitpunkt, in dem es ohnehin zu spät dafür war, aus der restlich Breimasse in der Schüssel, die Jasmin mit fragwürdigem Blick in den Händen hielt, während sie mittlerweile auf dem Tisch gesessen und Kai zwischen ihren Beinen gestanden hatte und sich gelegentlich von ihr mit einem Teelöffel füttern ließ, noch einen Rührkuchen zu machen.

Ihr war ohnehin übel, weshalb es vielleicht gar nicht so schlecht war, keinen Kuchen gemacht zu haben. Ihr Hunger war gestillt und ihr Verlangen nach etwas Spaß vermutlich auch.

Ohnehin würde es einen eigenartigen Eindruck hinterlassen, wenn andere wüssten, dass sie nach Mitternacht noch vorhatte, einen Kuchen zu backen, während andere um diese Zeit vermutlich froh wären, endlich im Bett liegen zu können.

Jetzt nicht mehr., meinte Jasmin, die vom Tisch aus in Kai´s Arme gesprungen war, nachdem sie die fast leere Schüssel abgestellt hatte.

Somit stand Jasmin dann dicht vor Kai, mit ihren Armen um seinen Hals, während er auf sie herab sah, als würde er jeden Augenblick den Verstand verlieren.

Seine dunklen Augen, die er für die Medien häufig hinter Kontaktlinsen versteckt hielt, starrten sie an, als würden sie Jasmin verschlingen wollen. Es verursachte bei ihr starkes Herzklopfen und immer mehr wuchs in ihr der Wunsch heran, einfach von ihm geküsst werden zu wollen. Zu groß schien in diesem Moment ihre Neugier auf die Zärtlichkeiten seinerseits zu sein. Warum tat er bloß nichts?

Und warum war sie nur plötzlich so schüchtern und zurückhaltend?

Jasmin hatte sich dann einfach mit ihrem Gesicht seinem genähert, als er es aber war, der nun von ihr abgelassen hatte und mit der Begründung, geschafft zu sein, im Badezimmer verschwand. Du kannst hier übernachten, wenn du magst., rief sie ihm noch nach.

Allerdings erhielt sie keine Antwort.

Es war schon eigenartig, so, dass es für Jasmin schon wieder unangenehm war.

Warum wollte sie ihn küssen? Sonst wollte er ihr immer nah sein, wenn sie sich gegen ihn wehrte. Nun war es der umgekehrte Fall und sie schien Kai mit einem Mal deutlich besser zu verstehen. Nachdem sie in der Küche alle Geräte und Lichter ausgeschalten hatte, befand sie sich im Flur. Die Aufräumarbeiten würde sie wohlmöglich auf die späten Morgenstunden verschieben. Und wie aus Reflex hatte sie dann auf ihr Handy der Marke Motorola auf der Flurkommode gestarrt. Das Display zeigte 12 verpasste Anrufe an, welche alle unter dem Namen Uruha abgespeichert waren. Ihre Hände begannen zu zittern und auch ihr Herz raste. Mittlerweile verging schon kein ganzer Tag mehr, an dem sie nicht mit Uruha konfrontiert wurde.

Sie hatte gehofft, dass sie ihn in ihrer freien Zeit wenigstens für einige Stunden vergessen konnte. Wenigstens dieses Mal wollte sie abgelenkt sein. Abgelenkt von dem, was zwischen ihnen passiert war Aber vermutlich schien auch dieses Mal das Schicksal etwas dagegen zu haben. Was ist mit Uruha?, fragte Kai, der sich plötzlich mit einem leichten Druck seiner Hände auf ihren Schultern hinter ihr bemerkbar gemacht hatte. Auch er schien wohl ihre Unruhe zu spüren, denn in letzter Zeit erlebte man Jasmin oft nachdenklich und beinahe schon traurig. Nichts. Scheinbar hat meine Schwester wieder mal einen leeren Akku., antwortete sie. Kai schenkte ihren Worten keinen Glauben, aber das behielt er für sich. Schließlich wollte er sie nicht kränken. Somit beließ er es erst einmal bei ihrer Aussage, denn er wusste, dass nicht “Uruha“, sondern eher “Aoi“ auf dem Display ihres Handys hätte stehen müssen.

Wo darf ich schlafen?, fragte Kai später, als auch Jasmin aus der Dusche kam und nur in knappem, weißen Shirt und grauen, kurzen Shorts durch den Flur wanderte und dort auf Kai traf, der mit offener Jeans und schwarzem, losem Shirt an ihrer Schlafzimmertür gelehnt stand. Wo du möchtest., sagte Jasmin, die eigentlich gar nicht so richtig über ihre Worte nachgedacht zu haben schien. Kai hatte sich dann nämlich kurzerhand dazu entschlossen, mit bei ihr im Bett zu schlafen. Ihr stand deutliche Verwunderung im Gesicht geschrieben, als er dann auch noch mit unter ihre Decke gekrochen war und sie ruckartig an sich gerissen hatte.

Der Höhepunkt war ja, als Kai sie dann auch noch danach fragte, ob sie ein Problem damit hätte, wenn er nackt schlafen würde, zumal sie ja wusste, dass er es immer tat, wenn er nachts allein war. Nur, war er dieses Mal nicht allein. Wollte er es trotzdem tun?

Was hatte das zu bedeuten?

Ist das dein ernst?, fragte sie verwirrt zurück.

Du kannst dich auch ausziehen. Ich hab damit kein Problem., meinte Kai daraufhin.

Jasmin wünschte sich nun nichts lieber, als im Erdboden zu versinken und gar nicht mehr mitzubekommen, wie Kai sich daraufhin in der Tat von seinen Shorts und seinem Shirt befreite, ihr gesamtes Schlafzimmer nun vermehrt nach Kai´s Parfum roch und sie kurz davor war, den Verstand nur noch mehr zu verlieren.

Ist dir kalt oder warum zitterst du so?, fragte Kai kurz darauf leise, der deutlich das Vibrieren ihres Körpers an seinem spüren konnte.

Bevor sie aber irgendetwas sagen konnte, war er ihr mit der linken Hand unters Shirt gekrochen, während er seine warmen Lippen plötzlich einfach gegen ihren warmen Hals gedrückt hatte und dabei seine Hand ihren Rücken hinauf wandern ließ.

Kai galt schon immer als offen und direkt, womit nicht jeder auf Anhieb zu Recht kam.

Auch Jasmin hatte anfangs ihre Probleme damit, und wenn sie mittlerweile glaubte, damit zu Recht zu kommen, dann hatte sie sich wohl bislang deutlich getäuscht. Kai wollte sie bei sich spüren. Er wollte ihre Nähe, ihre Wärme und er ignorierte dabei, wie weit er dafür gehen müsste. Die Möglichkeit hatte ihm das Schicksal gegeben und niemand, ja nicht einmal Uruha, würde ihn daran hindern können, dass zu tun, was er in diesen Moment tat.

Vielleicht würde er es aber auch bereuen, doch an Reue dachte Kai nicht. Den Gedanken daran, hatte er bereits beiseite geschoben, als er hier anrief.

Und Jasmin schien sich auch nicht großartig dagegen wehren zu können, als Kai’s Hände ihren mittlerweile nackten Oberkörper erforschten. Sie war wie gelähmt, hatte keine Möglichkeit, etwas gegen Kai zu unternehmen - weil sie es nicht wollte?

Nein, ihr Gesicht wurde bereits von Verwirrung gekennzeichnet.

Verwirrung, die sich schlagartig in Angst verwandelte.

“Nicht!”, fuhr Jasmin darauf erschrocken auf und kroch aus dem Bett. In ihrem Kopf spiegelte sich plötzlich Uruha’s Gesicht wieder, welches den Gedanken an Kai verdrängt hatte. Jasmin fragte sich nur warum, als sie kurz darauf in den Badezimmerspiegel, welcher über dem weißen Waschbecken aus Porzellan hing, starrte und ihr dabei Tränen über die glühenden Wangen liefen. “Warum kannst du nicht einfach verschwinden?”, murmelte Jasmin vor sich hin und ließ sich am Wachbecken festhaltend auf die Knie sinken und lehnte darauf ihre Stirn gegen ihre zusammengelegten, zitternden Hände.

“Du machst alles kaputt!”, schluchzte sie, als es an der Tür klopfte, welche sich darauf öffnete und Kai vorsichtig das Badezimmer betrat. Nachdem Jasmin fluchtartig ihr Zimmer verlassen hatte, schlüpfte Kai sofort wieder in seine Boxershorts und folgte Jasmin. Nun stand er unmittelbar vor ihr, die kalten Fliesen unter seinen Füßen bereiteten ihm Gänsehaut und ließen Kai leicht zusammenzucken. Er ignorierte es aber und hockte sich darauf vor Jasmin, deren Gesicht er in seine Blickrichtung drehte. “Es tut mir leid.”, sagte Kai beinahe schon flüsternd und wischte Jasmin vorsichtig die Tränen von den Wangen. Sie schüttelte jedoch ihren Kopf und strich Kai’s Hände aus ihrem Gesicht. “Dir muss nichts Leid tun. Ich habe mich idiotisch benommen.”, widersprach Jasmin und richtete sich vorsichtig auf. Beide einigten sich darauf, dass es wohl doch besser wäre, in getrennten Betten zu schlafen, worauf Jasmin sich prompt entschloss, im Bett ihrer Schwester zu schlafen.

Für Mandy zogen sich die Stunden, trotz, dass es erst kurz nach ein Uhr morgens war, unendlich in die Länge. Es war nicht so, dass sie müde war, da sie meist um diese Uhrzeit erst nach Hause gekommen war, als sie noch im Kabukitheater gearbeitet hatte. Aber irgendetwas brachte ihre Augen dazu, leicht zu brennen. Viel unbegreiflicher war es allerdings, dass sie immer noch in Aoi’s Wohnung saß. Aoi hatte sich auch relativ schnell wieder erholt, wurde jedoch vom Arzt aufgefordert, die Medikamente gegen seine Grippe noch einige Tage einzunehmen, um einen Rückfall zu verhindern.

“Und Kai übernachtet bei euch?”, warf Aoi in den Raum, als er frisch geduscht und mit nassen Haaren aus dem Badezimmer kam. Mandy zuckte erschrocken zusammen, vertuschte dies aber rasch mit einem Zunicken auf Aoi’s Frage. “Ja.”, sagte sie darauf leise und griff nach ihrem halbvollen Glas mit Whisky-Cola, aus dem sie einen kleinen Schluck nahm und es anschließend zurück auf den Glastisch stellte. Es war für sie ein eigenartiges Gefühl, so unbeschwert hier zu sitzen und sich mit Aoi zu unterhalten, gemeinsam mit ihm zu essen, mit ihm zu lachen oder sich einfach nur schweigend anzusehen. Bislang war es Mandy gewöhnt, dass auch die anderen immer dabei waren und sie auch nie wirklich die Möglichkeit hatte, so viel Zeit mit Aoi zu verbringen - weil es die beruflichen Gründe auch gar nicht zuließen. Doch seit dem Hotelbrand hatte sich plötzlich vieles geändert.

Vieles, was Mandy noch gar nicht realisiert hatte.

Aoi lächelte, als er in das gedankenverlorene Gesicht von Mandy blickte und sich dabei ihr gegenüber auf dem schwarzen Ledersessel niederließ. Er wollte sie nicht so einfach aus ihren Gedanken reißen, denn es war viel zu faszinierend mit anzusehen, wie es aussehen konnte, wenn Mandy in ihrer Gedankenwelt versank.

Sie wirkte dabei wie ein unschuldiges Mädchen, welches vielleicht sehnsüchtig auf ihren Prinzen auf dem weißen Pferd wartete. Diese bildliche Vorstellung brachte Aoi jedoch dazu, lautstark darüber zu lachen und obwohl er es vermeiden wollte, riss er Mandy damit aus ihren Gedanken. “Wieso lachst du?”, fragte diese erschrocken und brachte Aoi dazu, nur noch mehr zu lachen, dass es beinahe schon den Eindruck hinterließ, als wollte er gar nicht mehr damit aufhören.

“Hör auf zu lachen, sonst komme ich mir blöd vor.”, meinte Mandy, die darauf aufgestanden und auf Aoi zugestürmt war, den sie dann mit leichtem Druck an den Schultern packte.

Beide kicherten wie kleine Kinder, woran auch die kleinen Mengen Alkohol, die Beide an diesem Abend vertilgt hatten, Schuld waren.

“Mir ist warm.”, seufzte Aoi darauf und schob Mandy vorsichtig von sich. Diese starrte ihn nur verwirrt an, als Aoi aufgestanden war und inmitten des Wohnzimmers stehen blieb.

“Was soll das werden?”, fragte Mandy und stützte abwartend ihre Hände in ihre Hüften.

“Ich weiß auch nicht.”, bemerkte Aoi darauf murmelnd und verschwand aus dem Wohnzimmer. Das Zuknallen einer Tür verriet, dass er wohl im Schlafzimmer verschwunden sein musste. Mandy richtete darauf seufzend ihren Blick auf den weißen Kunstfellteppich, welcher mit zwei weiteren Ausführungen seiner Art von dem kleinen Kamin bis zur Wohnzimmertür auf dem darunter liegenden Teppich verteilt lag. Allgemein erschien die Einrichtung der Wohnung sehr edel, da viele Möbelstücke passend zum Teppich aus weiß- oder schwarz-lackiertem Holz bestand. Mandy kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, da sie Aoi’s Wohnung zum ersten Mal sah und sie kaum glauben konnte, dass hier wirklich ein Mann wohnte. Sie hatte eher an mehr Unordnung, buchefarbenen Möbelstücken und einem farblichen Durcheinander gedacht - aber so schnell konnte sie sich täuschen. Und genauso wenig hätte es Mandy gewundert, wenn hier nicht gelegentlich eine Frau auftauchen würde, die Aoi das gab, was er vielleicht hin und wieder nach vielen Stress brauchte.

Vielleicht tauchte hier auch eine Frau auf, die Aoi liebte? Mandy schüttelte bei diesem Gedanken ihren Kopf und erblickte im darauf folgendem Moment Aoi, welcher nur noch schwarzer Boxershorts angelehnt und verschränkten Armen am Türrahmen stand.

“Träumst du gerne?”, fragte er grinsend und bewegte sich darauf an Mandy vorbei, griff nach seinem Glas und leerte den letzten Rest Whisky-Cola mit einem Hieb.

Mandy spürte nur, wie sie bei Aoi’s Anblick weiche Knie bekam, welche zu zittern begonnen hatten. Ihr Herz raste förmlich und Mandy war plötzlich durcheinander. Sie fragte sich, wie Aoi so etwas machen konnte. Natürlich, es war seine Wohnung und er konnte darin auch herumlaufen, wie er es für richtig hielt. Aber Mandy hegte nie den Gedanken, dass Aoi absichtlich so vor ihr herumlief - weil sie es als lächerlich und dumm empfand.

“Setz dich hin, dein Gestehe irritiert mich etwas.”, bemerkte Mandy und sie merkte, wie auch ihre Stimme immer leiser wurde und kurz davor war, ganz und gar zu versiegen.

Aoi lachte, als er bemerkte, dass Mandy eigenartig nervös wurde. “Ist irgendetwas nicht in Ordnung?”, fragte er darauf und Mandy antwortete lediglich mit einem schweigenden Nicken. Aber sie war nicht gut darin, anderen etwas vorzumachen und so konnte sie Aoi ebenfalls nichts vormachen. Er jedoch grinste nur und hatte begonnen sich einen Spaß aus ihrer Nervosität zu machen. Allerdings ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass er bereits Hintergedanken bekam, die ihn leicht lächeln ließen. Es war plötzlich der Gedanke, Mandy berühren zu wollen, der in seinem Kopf umhergeisterte und Aoi versuchte, ihn beiseite zu schieben. Es sollte nicht so enden, wie es vor ein paar Tagen war. Aoi empfand es zwar nicht als schlimm, aber es ähnelte dem naiven Denken eines Teenagers, der seine Hormone nicht unter Kontrolle hatte.

Aoi musste darauf lautstark lachen, obwohl er nicht einmal wusste, worüber er genau lachte. Mandy irritierte es dabei immer mehr und man konnte es ihr deutlich ansehen.

“…ansonsten geht es dir gut, ja?”, fragte diese und wich dabei ein Stück in Richtung Sessel, auf dem Aoi zuvor saß. Aoi schüttelte jedoch nur seinen Kopf und meinte darauf nur, ihm würde es nicht gut gehen, da ihm immer noch extrem warm war.

“Dann setz dich wenigstens hin.”, meinte Mandy und versuchte darauf Aoi auf den Sessel zu drücken, wenn Aoi sich nicht verzweifelt gegen diesen Versuch wehrte.

“Mir ist gerade nicht nach sitzen.”, quengelte er wie ein kleiner Junge und sah in diesem Moment, als Mandy ihn ansah, auch wie einer aus. Lachend schüttelte Mandy darauf ihren Kopf und wandte sich der gläsernen Terrassentür zu, aus der sie einen Blick warf. Doch das Gefühl jeden Augenblick den Verstand zu verlieren, wenn sie noch länger hier bleiben würde, wuchs mit jedem ihrer Atemzüge immer mehr heran.

Sie spürte auf ihren Schultern einen sanften Druck, welcher Mandy erschrocken zusammenfahren und umdrehen ließ. Sie blickte in Aoi’s sanft lächelndes Gesicht und sie realisierte erst jetzt, dass sein Gelächter schlagartig verstummt war.

“Setz dich hin.”, grinste Mandy ihm darauf frech entgegen, worauf Aoi nur mit einem trotzigen “Nein.” antwortete. Mandy wurde es plötzlich unangenehm und sie fühlte sich von Aoi in eine Sackgasse getrieben, aus der sie keinen Ausgang finden konnte. Und das intensive braun seiner Augen schien sie in seinen Bann ziehen zu wollen, als Aoi Mandy schweigend angesehen hatte. “Was starrst du mich so an?”, stammelte Mandy plötzlich und entlockte Aoi von neuem ein Lächeln. Sie versuchte ihn darauf vorsichtig von sich weg zuschieben und sich an ihm vorbeizudrängeln, wenn sich beide nicht plötzlich auf dem Boden wieder fanden. Keiner von beiden wusste, wie sie es angestellt hatten und eigentlich war es nun nicht mehr wichtig, wie es passierte. Es war einfach passiert.

Mandy spürte nur Aoi’s Schwere und Wärme, gemischt mit dem Duft seines Parfums das er trug, auf ihrem Körper und ließ ihr Herz schlagen, als wäre sie einen Marathon gelaufen.

Aber keiner von beiden würde je behaupten können, dass es, so, wie sie da lagen, störte. Nein, es war im Gegenteil sehr angenehm, die Wärme des anderen nah spüren zu können.

Darauf hatte Aoi vorsichtig seinen Kopf auf Mandy’s Brust sinken lassen lauschte schweigend dem Schlagen ihres Herzens, während er mit beiden Händen nach denen von Mandy suchte. Es brachte Mandy ein sanftes Lächeln auf die Lippen und der Duft des Parfum, welches sie an Aoi wahrnahm, bereitete ihr schlagartig Gänsehaut, wodurch Aoi seinen Kopf hob und in Mandy’s Gesicht blickte.

Er wollte etwas sagen, doch Mandy riss plötzlich ihre Hände aus denen von Aoi, zog diesen dichter an sich heran und nun war sie es, die Aoi prompt geküsst hatte. Es war ein seltsames Gefühl, welches nun beide durchfuhr und das Verlangen nach mehr erweckte.

Aoi hatte Mandy darauf an den Handgelenken gepackt und begonnen, zärtlich ihren Hals zu liebkosen, während sein kaltes Lippenpiercing ihr immer von neuem Gänsehaut bereitete, mehr, als sie ohnehin schon hatte. Doch plötzlich durchfuhr Mandy eine Art leichter Schmerz und sie riss sich schlagartig von Aoi, dem sie ins verwirrte Gesicht blickte, los.

“Hör auf…”, seufzte sie leise und warf sich die Hände vor ihr Gesicht. Auch wenn sie nicht weinte, machte es auf Aoi genau diesen Anschein. Nervös fuhr er sich durch das schwarzbraune, noch feuchte Haar und sah dabei so aus, als würde er sich für etwas Schlimmes, was er getan hatte, schämen. “Tut mir leid, ich wollte nicht…”, stammelte er plötzlich und beobachtete nur, wie Mandy ihren Kopf schüttelte. “Rechtfertige dich bitte nicht, nicht dafür.”, meinte sie bloß in ihre Hände murmelnd.

Daraufhin bot Aoi ihr an, bei ihm übernachten zu können, wenn sie es wollte und weil es schon sehr spät war. Mandy schlug Aoi’s Angebot nicht ab und verschwand unter der Dusche. Selbst hier zog das Schicksal seine Fäden aus dem Hintergrund und genau wie bei Jasmin und Kai, sollte es auch hier nicht weitergehen, als bis zu einer gewissen Grenze. Vielleicht würde es irgendwann anders sein. Irgendwann, zu einem späteren Zeitpunkt.

Der Morgen schien grau und düster. Nein, irgendetwas gehörte nicht hier her.

Das stellte Jasmin sofort fest, als diese bemerkte, dass sie lediglich im rosefarbenen Nachtkleid aus Satin, welches gerade mal die Hälfte ihrer Oberschenkel bedeckte, und barfuss auf dem Gehweg vor dem Wohnungsgebäude stand, in dem sie sich zusammen mit Mandy eine Wohnung teilte. Die Leute, die an ihr vorbeiliefen, schienen sie nicht wahrzunehmen und ohne es zu bemerken, hatte Jasmin begonnen zu laufen. Sie wusste nicht, wohin sie lief und was das alles zu bedeuten hatte, doch genauso wenig konnte sie einfach stehen bleiben. Irgendetwas verriet ihr, dass sie nicht stehen bleiben durfte. Irgendetwas in ihr sagte, sie müsse weiterlaufen - immer und immer weiter. Aber was war ihr Ziel?

Jasmin stellte sich in diesem Augenblick keine Fragen, sondern lief einfach.

Wen sie jedoch glaubte zu sehen, zersplitterte ihr Schweigen in Scherben.

“Uruha?”, ertönte es laut aus ihrem Mund und es schien vergebens. Uruha hörte sie nicht.

Und war es wirklich Uruha, den sie da sah? Warum rannte er? Was machte er hier?

Nun drängte sich eine Frage nach der anderen in Jasmin’s Kopf und keine wollte, oder konnte sie zu diesem Zeitpunkt beantworten. Sie war verwirrt und schwieg erneut, lief weiter und folgte Uruha, den sie plötzlich aus den Augen verloren hatte. Wo war er?

Es hatte wieder begonnen zu regnen und durchnässte Jasmin erbarmungslos, bis sie fror und glaubte, nicht mehr laufen zu können. Ihr taten mittlerweile die nackten Füße weh und ihr war kalt. Bitterkalt, sodass sie am ganzen Körper zitterte und Jasmin es zu ignorieren versuchte. Sie wollte wissen, was Uruha hier zu suchen hatte, doch schien sich die Antwort darauf mit jedem Schritt immer weiter zu entfernen. Es verwirrte Jasmin immer mehr, bis plötzlich Uruha’s Stimme - seine sanfte, tiefe Stimme- in ihrem Kopf ertönte und diese immer wieder den Namen von Jasmin rief, bis sie versiegt war. Jasmin rannen bereits Tränen über die blassen Wangen, doch der Regen versteckte diese und machten es Jasmin unbegreiflich, warum sie eigentlich weinte.

Sie hatte darauf das drückende Gefühl, als würde ihr die Zeit davonlaufen - sie versuchte verzweifelt, diese festzuhalten und doch war alles vergebens.

Sie hatte begonnen zu rennen, als würde man sie jagen und sie an einer Hauptsraße angelangt war. Das einzige, das Jasmin sehen konnte, waren Menschen, die fast wie ein wandernder Ameisenhaufen wirkten und es ihr nicht ermöglichten, unter ihnen Uruha erblicken zu können. Der Irrsinn sollte endlich ein Ende haben, aber traf genau das Gegenteil davon ein. Alles schien ihr anzufangen.

Jasmin versuchte verzweifelt Uruha zu entdecken - einen jungen Mann, von großer und schlanker Gestalt, dunkelblondem bis zu den Schultern reichenden, gestuften Haar und tiefbraunen Augen. War es wirklich so schwer, ihn nicht zu finden?

Erneut hörte Jasmin Uruha’s Stimme, doch dieses mal deutlicher und lauter.

“Jasmin.”.

Jasmin zuckte zusammen und blickte zur anderen Straßenseite. Dort stand Uruha, befand sich inmitten der Menschenmenge, die soeben die Straße überqueren wollte.

Doch warum blieb Uruha plötzlich stehen?

Jasmin überkam ein ungutes Gefühl und dieses Gefühl wollte von ihr Besitz ergreifen.

“Uruha, beweg gefälligst deinen Arsch von der Straße!”, rief Jasmin Uruha darauf entgegen.

Uruha blieb allerdings stur stehen und als wäre es seine Absicht gewesen.

War ihm bewusst, dass ein Auto auf ihn zugerast kam?

Er schien Jasmin, die ihm immer und immer wieder verzweifelt zurief, er solle von der Straße verschwinden, nicht zu hören.

“Uruha!”, schrie Jasmin nun lauter und noch mehr Tränen rannen über ihr Gesicht.

Warum hörte er sie nicht?

Sie schrie und schrie, bis ihre Stimme versagte und sie darauf nur ein krachendes Geräusch wahrnahm, welches sie zusammenfahren ließ. Erst jetzt realisierte sie, was passiert war. Das Auto, welches sich im rasenden Tempo auf Uruha zu bewegte, hatte diesen erfasst. Er wurde über die Frontschreibe geschleudert und lag nun am Boden, während das Auto versuchte auszuweichen und gegen den Ampelpfeiler raste.

Alles schien absichtlich passiert zu sein und bot nun ein grausames Bild aus Regen, Blut und Rauch. Eine junge Frau war daraufhin schreiend auf die Knien gerutscht und hatte sich entsetzt die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. Für Jasmin zersprang in diesem Moment, der so schmerzhaft war als wollte man ihr das Herz bei lebendigem Leibe herausreißen, eine Welt in tausend Scherben. Alles verkrampfte sich plötzlich in ihr und mit aller Kraft schrie sie Uruha’s Namen, bevor sie zu ihm gestürmt und auf die Knie gefallen war.

Überall war Blut - sein Gesicht, einfach alles und doch war das letzte bisschen Leben in ihm noch nicht erloschen. Warme Tränen tropften in sein Gesicht und ein schmerzverzerrtes, dennoch sanftes Lächeln war auf seinen blutigen Lippen zu erkennen.

“Tu’ mir das nicht an….bitte, Uruha…”, schluchzte Jasmin und berührte mit ihren Händen Uruha’s Gesicht, bevor sie seinen Oberkörper umklammerte. “Du darfst nicht sterben…”.

“Es tut mir leid…Ich war immer gemein zu dir…”, hustete Uruha und spuckte anschließend Blut. Jasmin’s Herz raste, es schmerzte und sie weinte mehr als zuvor an Uruha’s Brust.

Das alles konnte doch nur ein Alptraum sein, oder?

“Das ist jetzt egal.”, wimmerte Jasmin und versuchte verzweifelt, Uruha bei Bewusstsein zu halten. Doch niemand schien es weiter zu rühren. Die Menschen blickten nur schweigend auf die beiden herab, genau wie der Regen, der versuchte, alles wegzuwaschen.

“Ich liebe dich…verzeih…mir.”, krächzte Uruha und darauf nickte sein Kopf zur Seite. Jede Hilfe war jetzt zu spät und Jasmin’s lautes Weinen und der Schrei von Uruha’s Namen verriet sofort, dass ihn nichts mehr retten konnte.

“Warum?”, schluchzte Jasmin darauf laut an Uruha’s Hals und sie spürte darauf nur eine leichte Erschütterung, die alles unter sich vergrub. Es war alles nur ein Traum, welcher Jasmin schweißgebadet aufwachen und in Kai’s Gesicht blicken ließ.

“Alles in Ordnung?”, fragte Kai sofort und rückte ein Stück von Jasmin weg, damit diese sich aufrichten konnte. Nervös fuhr sie über ihr schweißnasses Gesicht und sie merkte, dass sie zitterte. Obwohl Jasmin wusste, dass es nur ein Traum war, steckte der Schrecken noch tief in ihren Knochen. Das alles kam ihr viel zu real vor, als das sie je auf den Gedanken kommen würde, dass es nur ein Traum war.

“Ja.”, antwortete sie darauf leise und hielt einen Moment lang inne.

“Du hast so laut geschrieen, dass ich dachte, irgendetwas Schlimmes wäre passiert.”, meinte Kai sanft lächelnd und warf einen kurzen Blick auf die schwarze Digitaluhr mit roter Anzeige. Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens und es dämmerte bereits draußen.

“In gewisser Hinsicht….ist auch etwas Schlimmes passiert.”, sagte Jasmin und blickte darauf in Kai’s Gesicht. Sie versuchte zu lächeln, doch fiel es ihr eigenartigerweise schwer.

“Ich hatte nur einen Alptraum, den hat jeder.”, fuhr sie anschließend fort und ließ sich von neuem in die Kissen sinken. Kai hatte ihr schweigend zugenickt und bewegte sich auf die offen stehende Zimmertür zu, an welcher er kurz stehen blieb und sich nochmals zu Jasmin umdrehte. “Und dir geht es wirklich gut? Sicher?”, fragte er nochmals und verschwand, als Jasmin ihm versichert hatte, dass wirklich alles in Ordnung war und er beruhigt wieder schlafen gehen könne. Sie lag darauf bis in die späten Morgenstunden wach und starrte dabei die weiße Zimmerdecke an. Sie fühlte sich erschlagen, ihr fehlte der Schlaf und doch war es nicht ihr wichtigster Gedanke. Jasmin dachte immer noch an ihren Traum und immer noch schmerzte es in ihrer Brust. Schon lange hatte sie so einen heftigen Schmerz nicht mehr gespürt und umso erträglicher war es in diesem Moment. Darauf nahm Jasmin nur das laute Zuknallen und das Klimpern eines Schlüsselbundes wahr. Höchstwahrscheinlich war es Mandy, welche auch soeben die Türe ihres Zimmers öffnete und verdutzt in das lächelnde Gesicht von Jasmin blickte.

“Hi.”, gähnte diese darauf ihrer Schwester entgegen und kroch aus dem Bett.

“Hast du hier geschlafen? Wo is’ Kai?”, fragte Mandy darauf leicht irritiert.

“Ja, hab hier geschlafen und Kai hat in meinem Bett geschlafen. Entweder schläft er noch, oder er steht unter der Dusche.”, antwortete Jasmin und streckte ihre Arme von sich, während sie zum Fenster lief, aus dem sie einen Blick warf.

“Und wo warst du die ganze Nacht? Wieso hast du nicht bescheid gesagt?”, fragte diese darauf vom Fenster aus und blickte anschließend in das weniger glückliche Gesicht von Mandy, welches ihr sofort verriet, dass irgendetwas nicht stimmte.

“Es ist ziemlich spät geworden und außerdem hätte ich nicht mehr Auto fahren können, deswegen habe ich bei Aoi übernachtet. Er hatte es mir angeboten und ich habe ihm zugesagt.”, antwortete Mandy, welche allerdings weniger bei der Sache zu sein schien, als sie nach frischen Klamotten in ihrem buchefarbenen Kleiderschrank suchte.

“Und?”, fragte Jasmin mit einem verräterischem Lächeln im Gesicht weiter. Mandy hingegen fand es eher weniger belustigend, weshalb sie die Frage ihrer Schwester eher beiläufig beantworten wollte. “Was, und?”, endete sie dennoch mit einer Gegenfrage und Jasmin schien gar nicht mit dem Lächeln aufhören zu wollen. “Na ja, wie war es? Aoi hat dir sicher die Ohren voll gehustet.”, meinte sie darauf das Zimmerfenster öffnend und die Geräusche des regen Straßenverkehrs drangen in das Zimmer. Mandy schüttelte ihren Kopf, während sie beinahe schon verträumt lächelnd in das Gesicht ihrer Schwester blickte.

“Nein, es war sehr angenehm. Wir haben viel gelacht.”, sagte Mandy und versank dabei in Gedanken, die sie weiterhin lächeln ließen.

Es war der Duft von frisch gekochtem Kaffee, der Mandy aufwachen ließ. Sie hatte dabei völlig vergessen, dass sie bei Aoi übernachtet und in seinem Bett geschlafen hatte. Gähnend war sie dann wenige Minuten später aus dem weichen Bett gekrochen und zum Schlafzimmerfenster gelaufen, worauf sie die dunklen Vorhänge und das Fenster aufriss. Ja, heute würde es sicher schön draußen werden. “Hast du gut geschlafen?”, ertönte darauf auch schon Aoi’s Stimme und ließ Mandy erschrocken zusammenfahren. Erschrocken hatte sie sich umgedreht und in Aoi’s lächelndes Gesicht geblickt. “Ja, natürlich.”, stammelte diese darauf nervös.

“Willst du Kaffee? Ich habe gerade welchen gekocht.”, erklärte Aoi und verschwand aus dem Zimmer, ohne, dass er auf eine Antwort von Mandy erwartete, welche sich ebenfalls aus dem Zimmer bewegte. Aoi hatte bereits für Ordnung gesorgt und Mandy bekam nichts von dem mit.

“Lass uns frühstücken.”, sagte dieser, welcher plötzlich neben Mandy im Flur stand und diese anschließend an der Hand hinter sich her in die Küche zerrte. “Mach keine Hektik.”, bemerkte Mandy nur und riss sich von Aoi los, welchen sie anschließend skeptisch angesehen hatte. “Willst du mich los werden?”, fragte sie auch sofort und brachte Aoi zum Lachen. “Wie kommst du denn auf den Unsinn?”, entgegnete er und goss gleichzeitig Kaffee in zwei Kaffeetassen, während sich der Duft nach frischgebackenen Brötchen in der Küche ausbreitete. Mandy zuckte nur unwissend mit ihren Schultern und beobachtete Aoi, wie dieser nun dabei war, sie auf die hausmännische Art zu versorgen, dass sie sich beinahe schon lächerlich dabei vorkam. “Sag mal…”, begann Mandy darauf und beobachtete Aoi, wie dieser sie nur fragend ansah. “Was denn?”.

“…warum machst du das? Ich meine, du musst dir für mich jetzt nicht nur den Arsch aufreißen.”, meinte Mandy, auf deren Wangen sich eine leichte Schamröte bemerkbar machte und sie Aoi sofort damit verunsichert hatte.

“Ist irgendetwas nicht in Ordnung?”, fragte dieser darauf weiter und beobachtete Mandy nur, wie diese auf ihn zugestürmt kam und ihm darauf die Haare zerzauste.

“Du sollst dich mir gegenüber nicht verstellen.”, sagte sie dabei und hörte Aoi nur, wie dieser wie ein kleiner Junge vor sich hin quengelte.

“Meine Haare!”, plärrte er und versuchte Mandy daran zu hindern, dass sie weiter seine Haare zerzauste und packte sie anschließend an den Handgelenken. Doch das Lachen der beiden verstummte keineswegs. Aoi hatte Mandy darauf nur dicht an sich herangezogen und seine Hände auf ihre Hüften gelegt, während er leise dabei an ihrem Hals flüsterte “Ich wollte mich für gestern entschuldigen.”.

Und es war ähnlich wie gestern, Mandy’s Herz begann zu rasen. Genauso verwirrte sie es, als Aoi sch auf einem der Küchenstühle niederließ und Mandy darauf auf seinen Schoß zerrte. Er drückte sie dabei so fest an sich, dass man meinen könnte, jemand wollte Mandy ihm wegnehmen.

Erschrocken starrte sie in seine Augen. Was sollte das alles? Warum machte er so etwas mit ihr?

Mandy verwirrte es immer wieder von neuem - sie wusste einfach nichts mehr und ihre Gefühle, die sie nicht einmal richtig realisiert hatte, fuhren Achterbahn. Sie meinte darauf nur, Aoi solle aufhören, so etwas mit ihr zu machen, da es sie wirr machte.

Mandy hatte ganz einfach Angst davor, dass alles noch mehr auf den Kopf stehen würde, als es das ohnehin schon tat. Nein, das wollte sie nicht, nicht jetzt oder irgendwann.

“Alles in Ordnung mit dir?”, ertönte Jasmin’s Stimme und riss Mandy aus ihrer Gedankenwelt. Erschrocken zuckte sie zusammen, vertuschte dies aber mit einem Lächeln.

“Tut mir leid.”, sagte sie darauf nur und wandte sich ihrem von Jasmin zerwühlten Bett zu, auf welchem sie sich niederließ und anschließend ihren Blick zur offen stehendes Zimmertür wandte. “Sag mal, hast du dich etwa in das Aoi-chan verliebt?”, scherzte Jasmin, welche darauf auf das Bett gekrochen war und sich neben ihrer Schwester niederließ. Mandy schüttelte ihren Kopf, machte dabei einen verwirrten Eindruck, welcher Jasmin sofort verriet, dass ihre Schwester gar nicht mehr wusste, was sie wirklich fühlte - wenn sie etwas fühlte.

“Stimmt, da is’ ja noch dein Stecher Ruki. Ich verstehe immer noch nicht, wie du auf die Idee kommen konntest, mit ihm ins Bett zu gehen, wo du doch so fest an deine Vorsätze geglaubt hast.”, meinte sie seufzend und fuhr sich darauf durch ihr Haar. Mandy schüttelte ihren Kopf. “Ich weiß überhaupt nichts mehr, weder wo vorn, noch wo hinten ist. Vielleicht hast du Recht und ich hätte das nicht tun sollen. Aber ich konnte mich genauso wenig dagegen wehren, weil ich Mitleid mit Ruki hatte.”, versuchte sie darauf zu erklären und stand auf.

Jasmin sah ihre Schwester nur skeptisch und gleichzeitig entsetzt an. “Du hast aus Mitleid mit Ruki geschlafen? Okay, bei dir muss irgendetwas nicht stimmen.”, wurde sie nun ungemütlich und hätte Mandy lieber dafür geohrfeigt, als das sie es glaubten wollte.

Sie wollte nicht begreifen, dass Mandy wirklich nur aus Mitleid mit Ruki geschlafen hatte.

War es aber wirklich nur Mitleid?

“Dann stimmt bei mir eben nichts mehr, aber du kennst die Gründe auch gar nicht.”, erwiderte Mandy in einem beinahe schon aufgebrachten Ton. Viel lieber hätte sie den Grund, weshalb alles plötzlich eskalierte, vermieden. Doch sie konnte es jetzt nicht rückgängig machen, sondern nur versuchen, davor wegzulaufen.

“Dann nenn mir den Grund.”, forderte Jasmin darauf, als sie plötzlich das Zuknallen der Badezimmertür hörte und alles mit einem Mal verstummte. Mandy warf einen irritierten Blick in den Flur und lief schlagartig rot an, als sie Kai splitterfasernackt im Flur umherlaufen sah und er anscheinend nach irgendetwas suchte, es aber nicht zu finden schien.

Jasmin kicherte bereits, als Mandy sie mit hochrotem Kopf angesehen hatte.

“D-da…lief da eben wirklich ein nackter Kai durch den Flur?”, stammelte diese darauf und brachte ihre Schwester dazu, in schallendem Gelächter auszubrechen, sodass sich diese gar nicht mehr zu beruhigen schien.

“Ja.”, kicherte sie und hielt sich bereits den Bauch vor Lachen.

“…was habt ihr gestern gemacht?”, fragte Mandy auch sofort und auch die Röte in ihrem Gesicht verblasste langsam. Doch statt einer Antwort bekam sie nur das Gelächter ihrer Schwester zu hören und wie sie kicherte “Wahrscheinlich auch nicht mehr, als du und Aoi.”.

Die Zeit darauf verging rasend schnell, dass es beinahe einem Zeitraffer ähnelte. Kai war mit den Worten “Ich melde mich, sobald ich kann.“ verschwunden und auch der Nachmittag, den man größtenteils vor dem Fernseher verbracht hatte, neigte sich dem Ende.

“Der Kühlschrank sieht ganz schön gestraft aus.”, bemerkte Mandy seufzend, als es plötzlich an der Tür klingelte. Mit einem kurzen Blick auf die Küchenuhr werfend, welche es genau siebzehn Uhr anzeigte, bewegte sich Mandy auf die Haustür zu, welche sie auch sofort geöffnet hatte. Sie erkannte nicht auf Anhieb, wer da vor ihr stand. Sie erkannte lediglich einen jungen Mann, welcher dunkelblondes und schulterlanges Haar hatte, eine dunkle Sonnenbrille trug und ansonsten komplett in schwarz gekleidet war. Es waren lediglich die Kleinigkeiten, wie seine helle, fast porzellangleiche Haut, sein dunkelblondes Haar und der hellbraune Fellkragen seiner Lederjacke, welche sich von der Schwärze seiner Kleidung hervorhoben. Doch Mandy hatte auch Sekunden später noch das Gefühl, einen Fremden vor sich stehen zu haben. Ein fremden, jungen Mann, der sie freundlich anlächelte, bevor er die Sonnenbrille abnahm. “Ist Jasmin da?”. Es war tatsächlich Uruha der vor Mandy stand und den diese nicht erkannt hatte. Schamröte machte sich auf ihren Wangen bemerkbar und sie bat Uruha darauf, einen Moment zu warten.

“Jasmin,…Uruha steht vor der Tür, und er will zu dir.”, erklärte Mandy beinahe schon durcheinander und blickte darauf in das entsetzte Gesicht ihrer Schwester.

“Was will der denn hier?!”, murmelte Jasmin darauf und beobachtete Mandy nur, wie diese mit ihren Schultern zuckte und dabei den Kopf schüttelte.

Jasmin stöhnte genervt, während sie den Fernseher ausschaltete und schlurfte dann irgendetwas vor sich hinmurmelnd in den Flur. Sie beobachtete Uruha nur dabei, wie dieser sanft lächelnd die Fotos, welche in silbernen Zierrahmen auf der kleinen Flurkommode aufgestellt waren, ansah und überhaupt mit Staunen die Wohnung von Jasmin und Mandy betrachtete.

“Gibt’s was?”, brachte Jasmin ihn zum Zusammenzucken.

Ja, man erlebte einen Uruha, welcher sich wie ein schüchterner Schuljunge benahm, der seine Umgebung zum ersten Mal zu Gesicht bekam und nicht wusste, wie er sich verhalten sollte.

“Wenn ihr etwas auszudiskutieren habt, dann tut das bitte im Wohnzimmer und nicht zwischen Tür und Angel.”, rief Mandy aus dem Wohnzimmer und Jasmin folgte mit Seufzen ihren Worten. Nachdem Uruha sich von seiner Jacke befreit und auf der roten Ledercouch niedergelassen hatte, verschwand Mandy mit den Worten “Ich gehe einkaufen.” aus der Wohnung und ließ Jasmin allein mit Uruha.

“Was willst du hier?”, fragte Jasmin darauf in einem schroffen Ton, welcher Uruha erneut zum Zusammenzucken brachte. Aber was hatte er anderes erwartet?

Uruha dachte nicht darüber nach, sondern stand auf und bewegte sich auf Jasmin zu, die er unsanft an den Schultern packte und ihr ernst ins Gesicht blickte. Seine Augen verrieten Jasmin sofort, was er wollte - doch wollte es Jasmin nicht.

“Findest du das nicht ein bisschen unverschämt, was du hier abziehst?”, fragte diese darauf und stieß Uruha kraftvoll von sich. In eilenden Schritten verschwand sie dann aus dem Wohnzimmer und das Zuknallen einer Tür war zu hören, welches Uruha sofort verriet, dass Jasmin anfing, vor ihm wegzulaufen.

Ein beinahe schon irres Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. War das wirklich Uruha?

Man fing an sich zu fragen, warum Uruha sich so schlagartig verändert hatte, dass es einem beinahe schon Angst machen konnte.

Wo war der Uruha, der sanft wie ein Engel war und sich gern im Hintergrund aufhielt?

Wo war dieser Mann, der Jasmin all die Jahre ein Lächeln auf die Lippen zauberte?

War es wirklich nur das Gefühl der Eifersucht, welches er gegenüber Kai empfand, dass ihn so änderte? Es war ein Traum, ein bitterböser Traum den Jasmin zu träumen schien.

“Warum machst du so etwas? Warum, Uruha?”, fragte Jasmin, welche sich in ihrem abgedunkelten Schlafzimmer aufhielt, welches nun auch Uruha vorsichtig und kaum hörbar betreten hatte. “Diese Frage,…”, begann er unerwartet sanft - doch war er gut darin, den Wolf im Schafspelz zu spielen. “…kann ich dir leider nicht beantworten.”, fuhr er dann fort und näherte sich Jasmin. “Habe ich dich wirklich die ganze Zeit über falsch eingeschätzt?”, fragte diese wimmernd und suchte verzweifelt nach einer Antwort auf all ihre Fragen. Ihr wurde immer klarer, dass es nicht nur Uruha’s körperliche Nähe war, nach der Jasmin sich in diesem Moment sehnte. Nein, es schien plötzlich viel mehr als das zu sein. Es kam dem Gefühl deutlich nahe, in Uruha’s Nähe den Boden unter den Füßen zu verlieren und doch war es viel zu schwer, sich einfach in seine Armen fallen zu lassen.

“Mir tut es weh, wenn ich dich so erleben muss. Mir tut es einfach nur weh.”, schluchzte Jasmin nun und spürte deutlich Uruha’s Wärme, welche immer deutlicher wurde.

“Mir nicht.”, sagte Uruha beinahe schon schadenfroh und spürte darauf nur, wie Jasmin ihm gegen die Brust schlug. “Warum bist du so furchtbar unsensibel?”, heulte sie umso mehr und krallte sich nun in seinem schwarzen T-Shirt fest. Auch wenn Uruha nach außen hin so tat, als würde ihn das alles nicht interessieren und er es nicht zugeben wollte, so durchfuhr auch ihn plötzlich ein leichter Schmerz und ließ ihn zusammenfahren. Es fühlte sich eigenartig an, ja, wie Nadeln, welche sich versuchten durch seine blasse Haut zu bohren.

“Sei nicht albern.”, flüsterte Uruha darauf und als sollte es niemand hören, worauf sich Jasmin ruckartig von ihm riss. Viel lieber hätte sie ihn geohrfeigt, angeschrieen und zusammengetreten - doch sie besaß für nichts von alldem die Kraft.

Nein, sie fühlte sich plötzlich unglaublich schwach. Es war zu viel auf einmal, dass spürte Jasmin deutlich in ihren Knochen, welche sich plötzlich wie Gummi anfühlten und sie dazu brachten, sich wieder auf dem Bett niederzulassen.

“Denkst du etwa, mir macht es Spaß, dich ständig heulen zu sehen?”, fragte Uruha und machte darauf einen eigenartig nervösen Eindruck auf Jasmin.

Sie gab ihm jedoch keine Antwort darauf, sondern schluchzte einfach.

“Außerdem sieht es scheiße aus, wenn Kai ständig an dir herumgräbt.”, bemerkte er dann. Uruha wusste, dass, wenn es um Kai ging, Jasmin sofort darauf ansprang.

“Darum geht es jetzt nicht, also hör auf, Kai da rein zuziehen!”, zischte Jasmin und brachte Uruha zum Lachen, welches allerdings rasch verstummt war, als Jasmin ihm darauf an den Kopf warf, er würde doch sowieso nur an sich und an Sex denken. Was andere fühlten, schien ihm egal zu sein. Und Uruha bekam plötzlich Angst vor sich selbst, als er sich Jasmin näherte und diese nach hinten auf das Bett drückte.

Er wirkte wie eine Hyäne, welche sich soeben auf ihre Beute gestürzt hatte.

“Hättest du mich von Anfang an ernst genommen, wäre das alles nicht passiert. Aber du hast dich hemmungslos an Kai rangeschmissen. Mich würde es nicht mal wundern, wenn du mit ihm gefickt hättest!”, fuhr Uruha Jasmin, welcher er grob die Arme festhielt, an und starrte wütend in ihr tränennasses, Gesicht.

“Das habe ich nicht!.”, schluchzte Jasmin verzweifelt. Sie fühlte sich so wehrlos und viel lieber würde sie einfach schreien, in der Hoffnung, es würde endlich aufhören.

Sie spürte darauf nur warme Tränen, die ihr ins Gesicht tropften.

Warum weinte Uruha plötzlich?

“Warum?”, wimmerte er nun wie ein kleiner Junge und Jasmin verstand nicht, warum.

Sie hatte Uruha noch nie so gesehen, hatte ihn noch nie so erlebt und es machte sie wirr.

Sie kannte zwar Uruha’s sanfte, einfühlsame Seite - und er konnte in der Tat wirklich sehr sanft sein - , aber war es dieses Mal anders als sonst. Jasmin konnte sich einfach nichts mehr erklären. Sie war verwirrt, sehr verwirrt.

Sie spürte darauf nur, wie Uruha sich auf ihr niederließ und seine tränennasse Wange gegen ihr Dekollete presste. Seine warmen Tränen bereiteten Jasmin Gänsehaut und in ihr verkrampfte sich schlagartig alles.

Sie hatte das Gefühl, ihr würde jeden Moment der Atem stocken.

“Geh bitte.”, wimmerte Jasmin leise, doch schüttelte Uruha seinen Kopf und Jasmin ihn darauf versuchte, vorsichtig von sich runterzudrücken. Ihr Versuch war vergebens, denn Uruha wehrte sich dagegen und würde es auch immer wieder versuchen. Innerlich schrie Jasmin nach Hilfe. Sie hielt das alles nicht mehr aus und es quälte sie zunehmend mehr.

Doch niemand hörte sie und niemand sah ihre Tränen - nicht einmal Mandy.

Ja, wäre Mandy geblieben, wäre vielleicht alles anders gekommen.

Aber es war zu spät, denn Uruha hatte sich einfach das genommen, was Jasmin ihm eigentlich nicht geben wollte. Irgendetwas in ihr ließ es jedoch zu, dass es passierte.

Mandy hingegen bekam von all dem nichts mit.

Sie saß vor sich hinträumend mit Einkaufstüten bepackt im Hibiya-Park nahe der Ginza.

Es war ein beliebter Ort für junge Leute, die bei schönem Wetter dort ihre Zeit verbrachten.

Die Ginza dagegen war wochentags eine gewöhnliche von Autos befahrene Straße, welche sich nur zu Sonn- und Feiertagen in einen Ort verwandelte, welcher massig Leute anzog und diese zum Tee- oder Kaffeetrinken einluden. Die Straße wurde dann regelrecht unbefahrbar, da man sie an solchen Tagen mit Stühlen und Tischen zustellte.

Mandy lauschte neben dem Straßenverkehr auf der Ginza, dem Rauschen der Blätter in den Bäumen. Durch die Baumkronen fielen vereinzelt Sonnenstrahlen, die ihr dabei in der Nase kitzelten, während sie ihren Kopf nach hinten geworfen hatte und dabei in ein kleines Stück blauen Himmel starrte.

Mandy seufzte, als ihr darauf jemand die Augen zuhielt.

“Na?”, ertönte darauf eine tiefe Männerstimme, die Mandy leicht auf der Bank zusammenfahren ließ. Sekunden später blickte sie in Ruki’s sanft lächelndes Gesicht. Auch er trug wie Uruha eine dunkle Sonnenbrille und wie es für Ruki üblich war, trug dieser meist dunkle Kleidungsstücke, die ihn wie in diesen Moment sehr blass erscheinen ließen. Es war lediglich das türkisfarbene Stückchen Stoff, welches unter der schwarzen Blazerjacke hervorstach und es Mandy leicht verwunderte, dass Ruki auch solche Farben trug.

“Hallo.”, sagte sie darauf und in einem beinahe schon extrem schüchternen Ton. Mandy hatte Ruki nach dem Hotelbrand weder gesehen, noch gesprochen und es kam ihr vor, als würde sie diesen das erste Mal sehen.

“Was machst du hier?”, fragte dieser darauf und ließ sich neben Mandy auf der dunkelbraun gestrichenen Holzbank nieder. Mandy lächelte schwach und blickte dabei in die Baumkronen, während sie sich die leichte Brise ins Gesicht wehen ließ.

“Das schöne Wetter genießen.”, meinte sie darauf und blickte anschließend in Ruki’s Gesicht. Ihm hingen vereinzelt blonde Haarsträhnen im Gesicht, welche Mandy darauf reflexartig weggestrichen hatte. “Du warst, wie ich sehe, einkaufen?”, fragte Ruki darauf unbeirrt weiter und sah Mandy lediglich schweigend nicken.

“Das musste halt auch mal wieder sein. Und was machst du hier?”, fragte diese dann und beobachtete Ruki dabei, wie dieser sich eine Zigarette angezündet hatte, an welcher er anschließend intensiv zog. “Nichts bestimmtes.”, meinte er bloß und starrte in das Stückchen blauen Himmel über seinem Kopf. Mandy nickte ihm darauf nur schweigend zu, als wollte sie seine Worte bestätigen.

Ja, eigentlich war es wirklich nichts bestimmtes, was beide in diesen Park führte.

“Ist zwischen Reita und dir wieder alles in Ordnung? Ich meine,…”, stammelte Mandy darauf und brachte Ruki zum Lachen. Natürlich wusste er, was sie meinte und nickte.

“Ja, das Thema hat sich erledigt. Wenn man darüber nachdenkt, war unser Benehmen einfach nur lächerlich.”, meinte Ruki und pustete dabei den Rauch seiner Zigarette den Himmel entgegen. Er schien gar nicht mehr weiter über das Geschehene nachgedacht zu haben und einerseits war es auch gut so, doch anderseits hätte auch alles anders kommen können. Mandy wollte nicht weiter nachhacken und beließ es bei Ruki’s Worten. Wenig später spazierten beide durch den Park und beobachteten dabei die Stadttauben, welche sich auf ein Stück grüner Wiese niedergelassen hatten und nach Essbaren suchten.

“Hast du heute noch etwas Bestimmtes vor?”, fragte Ruki, als er mit Mandy am Parkausgang angekommen war. Sie lächelte ihm nur kopfschüttelnd entgegen.

“Na ja, nicht so wirklich.”, antwortete sie darauf und sah Ruki frech grinsen, als hätte er Hintergedanken, die er durch sein Lächeln regelrecht preisgab.

“Du kannst mich ja mal besuchen kommen.”, sagte er darauf.

Doch Mandy schüttelte ihren Kopf. “Danke für das Angebot, Ruki. Aber ich will Jasmin nicht so lange alleine lassen.”, erklärte diese nur und blickte in Ruki’s leicht irritiertes Gesicht. Manchmal war es wirklich ein unverschämt niedlicher Anblick, wenn Ruki so aussah, als würde ihn etwas stören.

“Was ist mit Jasmin? Ist sie krank?”, fragte er darauf und stützte beide Hände in die Hüften, während er Mandy abwartend ansah. Sie schüttelte ihren Kopf.

“Nein, das ist es nicht. Ich will sie nur nicht so lange mit Uruha alleine lassen.”, antwortete Mandy und brachte Ruki dazu in schallendem Gelächter auszubrechen.

“Wieso das denn? Willst du Uruha auf die Finger klopfen, sobald er versucht deine Schwester anzufassen? Hey, die beiden sind erwachsen und müssen selbst wissen, worauf sie sich einlassen.”, erwiderte Ruki und schüttelte dabei unverstanden seinen Kopf.

“Mit uns ist es doch auch nichts anderes.”, meinte er dann und sah, dass seine Worte Mandy erschraken. Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein?

“Erstens, dass zwischen Uruha und Jasmin verstehst du nicht. Das ist etwas völlig anderes und man kann es auch gar nicht in Worte fassen. Und zweitens, das mit uns war nur ein einziges Mal und von daher sehe ich nicht ein, dass du es mit der Beziehung zwischen Jasmin und Uruha vergleichst.”, wurde Mandy plötzlich ungemütlich und hatte dabei die Einkaufstüten fallen lassen. Ihr Blick wirkte beinahe schon wütend, als sie Ruki so ansah.

“Hey,…”, begann er darauf und Ruki merkte, dass er irgendetwas falsch gemacht haben musste. Er legte darauf beide Hände auf Mandy’s warme Wangen.

“…das war nicht so gemeint.”, versuchte er sich dann herauszureden und brachte Mandy dennoch dazu, seinen Worten keinen Glauben zu schenken.

“Hör auf, dich herauszureden, okay? Ich weiß, wie du es meinst.”, sagte diese dann und beobachtete Ruki dabei, wie dieser sich nervös über das blasse Gesicht fuhr.

“Nein, tust du eben nicht.”, widersprach er und zog Mandy an den Schultern an sich heran.

“Du verstehst gar nichts.”, fuhr Ruki im Flüsterton fort und wollte Mandy soeben prompt küssen, wenn nicht plötzlich ihr Handy klingelte und sie sich von Ruki losriss. Mandy kramte ihr Handy aus der Tasche und las anschließend auf dem Display “Jasmin”.

Sie bekam plötzlich ein eigenartiges Gefühl, welches sich zu bestätigen schien, als Mandy ranging und ein verzweifeltes Schluchzen wahrnahm.

“Jasmin? Was ist los?”, reagierte Mandy verwirrt und blickte dabei mit weit aufgerissenen Augen in Ruki’s Gesicht. Sie verstand nicht wirklich etwas von den Worten, die Jasmin ihr ins Telefon schluchzte. Es verriet Mandy nur, dass irgendetwas passiert sein musste.

“Warte, ich komme sofort.”, sagte sie, ohne, dass sie noch weiter auf Jasmin einging und darauf einfach aufgelegt hatte.

“Ist was passiert?”, fragte Ruki und sah Mandy schweigend nicken.

“Und du meinst, ich solle die beiden machen lassen? Ich traue Uruha nicht über den Weg, er muss irgendetwas angestellt haben.”, behauptete diese und griff nach den Einkaufstüten.

Sie ließ Ruki dann mit den Worten “Man sieht sich.” einfach stehen.

Und das Gefühl, dass Uruha etwas angestellt haben musste, bestätigte sich immer mehr.

Als Mandy wenig später vor der Wohnungstür stand und mit zittrigen Händen den Schlüssel aus ihrer Tasche kramte, hörte sie bereits Jasmin’s laut gewordene Stimme.

“Uruha, es ist jetzt besser wenn du gehst!”, plärrte Mandy, nachdem sie den Flur betreten hatte. Und auch Jasmin forderte ihn bereits dazu, endlich zu gehen.

“Warum kannst du nicht einfach verschwinden?! Du tauchst hier auf und…”, schluchzte diese und brach auf Knien zusammen. Uruha jedoch stand nur wie festgenagelt in der Tür ihres Zimmers und starrte fassungslos auf Jasmin herab.

“Uruha, geh bitte.”, drängelte Mandy, die ihm die Jacke gereicht und ihn zur Wohnungstür gezogen hatte. Er sah Mandy an, als würde er jeden Moment in sich zusammenbrechen wollen. Doch Mandy ließ sich nicht davon abhalten und schloss mit den Worten “Es ist besser, wenn du hier nicht mehr herkommst.” die Tür vor seiner Nase.

Natürlich war es jetzt für Uruha sinnlos , vor verschlossener Tür stehen zubleiben und war wenige Minuten später auch verschwunden.

Vor dem Wohnungsgebäude erwartete ihn bereits Ruki, welcher Mandy heimlich gefolgt war und Uruha nun frech ins Gesicht grinste, während er dabei seinen Kopf schüttelte.

“Du solltest dich schämen, so mit den Frauen umzugehen.”, meinte Ruki, auch wenn dieser nicht wusste, was Uruha angestellt hatte. Dieser hatte Ruki auch nur abwertend angesehen und stehengelassen. “Halt die Klappe und misch dich nicht in Angelegenheiten ein, die dich nichts angehen!”, zischte Uruha dennoch, als Ruki ihm folgte.

“Ich hatte letztens zu dir gesagt, du sollst ihr nicht wehtun.”, reagierte dieser dann beinahe schon verärgert und hielt Uruha am Arm fest. “Du bist rücksichtslos und da wundert es dich, wenn sie zu Kai flüchtet? Du kriegst es ja selbst nicht gebacken, denkst nur ans ficken und wie du ihr wehtun kannst. Wie krank muss man eigentlich sein?”, wurde Ruki darauf laut und drohte davor, Uruha einfach anzuschreien.

Auch wenn er sich ungern in die Dinge anderer einmischte, so konnte er in diesem Moment einfach nicht anders, als genau das zu tun. Vielleicht lag es aber einfach nur daran, dass Jasmin Mandy’s Schwester war und er wusste, dass, wenn es Jasmin schlecht ging, es auch Mandy wehtat. Ja, anders konnte es nicht sein. Ruki mochte es ganz einfach nicht, wenn Mandy traurig war und ihm wurde immer bewusster, dass er seit geraumer Zeit, wenn es nicht bereits von Anfang an so war, mehr als nur Freundschaft für Mandy empfand. Ruki mochte wunderbare, niedliche Personen und in gewisser Hinsicht zählte Mandy unter diesen. Warum fiel es Uruha dann so schwer, endlich zu seinen Gefühlen zu stehen? Ruki kannte Uruha schon sehr lange, schon bevor Gazette überhaupt existierte und in dieser langen Zeit lernte Ruki Uruha mit all seinen Facetten kennen. Genauso konnte Uruha Ruki nichts mehr vormachen - jetzt nicht mehr. Ruki schüttelte irritiert seinen Kopf, denn vielleicht war es aber auch noch viel zu früh, um von großen Gefühlen wie Liebe reden zu können. Ja, man war an einer bestimmten Person interessiert und mochte sie sehr gern - mehr war es auch nicht.

Es konnte unmöglich schon Liebe sein.

“Halt dich einfach aus meinem Leben raus, verstanden? Sonst könnte es irgendwann großen Ärger geben!”, zischte Uruha und sah dabei so aus, als würde er jeden Moment vor Ruki in Tränen ausbrechen. Ruki dagegen lachte nur über Uruha’s Worte und grinste diesem nur frech ins Gesicht. “Du drohst mir, obwohl wir beide wissen, dass das lächerlich ist?”, fragte Ruki, bekam jedoch keine Antwort und wurde von neuem einfach stehen gelassen.

“Ich weiß doch, dass du sie liebst!”, rief Ruki ihm nach, obwohl er etwas völlig anderes sagen wollte und dies nur verdrängt hatte. Natürlich war dann auch Ruki verschwunden und versuchte sich verzweifelt vorzustellen, was Uruha mit Jasmin gemacht haben musste.

Irgendetwas, an das Ruki nie im Traum denken würde…

“Hey, beruhig dich erstmal.”, sagte Mandy, welche sich vor ihre Schwester gekniet und diese an sich gedrückt hatte. Jasmin schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen und sie zitterte am ganzen Körper. Mandy spürte darauf, dass Jasmin am gesamten Körper glühte und sie Schlimmes ahnen ließ.

“Ich hasse ihn!”, heulte Jasmin an Mandy’s Schulter, während diese ihr über den Rücken streichelte. Irgendwie beruhigte es Jasmin dennoch ungemein, dass Mandy endlich hier war.

Kurze Zeit später hatte Mandy es dann geschafft, Jasmin unter die Dusche und anschließend ins Bett zu scheuchen. Sie sah ihrer Schwester an, dass es ihr nicht gut ging und es auch in den nächsten Tagen so sein würde.

Aber Mandy konnte nichts rückgängig machen, auch wenn sie es wollte.

Sie fragte Jasmin auch gar nicht danach, was zwischen ihr und Uruha passiert war, denn irgendwie war ihr die Antwort klar - er war gemein, sehr gemein zu ihr und Jasmin hatte trotzdem mit ihm geschlafen. Natürlich konnte es nur so sein. Mandy wusste, dass Uruha schon seit Jahren der einzige Mann für Jasmin war, egal, ob sie ihn nun persönlich kennen würde, oder nicht. Doch wie es das Schicksal so wollte, war genau das eingetreten.

Sie hatten sich kennen gelernt und das Unmögliche möglich gemacht.

Das einzige, was aber je im Dunkeln versteckt bleiben würde, war, dass man nicht wusste, wie das alles Enden würde. Es ähnelte einem Rehkitz, welches angefangen hatte zu laufen und unsicher auf den noch wackeligen Beinen stand. Irgendwann würde sich sein Stand festigen und die Angst würde verfliegen. Genauso würde man irgendwann herausfinden können, wie alles enden sollte.

Der Himmel wurde von dunklen und mit Sternen versehenen Schleiern verdeckt.

Während Jasmin bereits schlief, saß Mandy noch im Wohnzimmer und schaute fern. Irgendetwas, was in ihr für Unruhe sorgte, ließ sich nicht schlafen. Stattdessen starrte sie wie besessen auf den immer wieder aufflimmernden Fernseher. Mandy bekam schon gar nicht mehr mit, dass sich bereits das Testbild, welches nach Mitternacht auf gewissen Sendern zu sehen war, eingestellt hatte und sich mit einem leisen Piepton bemerkbar machte.

Sekunden, vielleicht gar Minuten, waren darauf vergangen und Mandy zuckte plötzlich zusammen. Sie hatte geglaubt, eine kalte Hand hätte ihre rechte Schulter berührt, doch merkte Mandy schnell, dass sie es sich nur eingebildet hatte. Es war schon immer so, sobald sie allein am Abend in einem Raum saß, überkamen sie Illusionen. Meist hörte sie, dass jemand ihren Namen rief, sie sich dann vergewissern und erfahren musste, dass sie sich es nur eingebildet hatte.

Für Mandy war es manchmal schon seltsam, doch wenn andere dabei waren, fühlte sie sich weniger verunsichert, als in diesem Moment. Sie hatte darauf beschlossen, nach Jasmin zu sehen. Wahrscheinlich schlief diese bereits seit Stunden tief und fest.

Mandy saß an Jasmin’s Bett und strich ihr vorsichtig eine Träne weg, die ihr über die Wange rollte. Sie war eigenartig heiß und Mandy dazu brachte, Jasmin’s Stirn zu fühlen.

Sie glühte, glühte mehr als zuvor und die Vorahnung auf etwas Schlimmes hatte sich plötzlich bestätigt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Jasmin zu wecken und mittels Fieberthermometer nachzuprüfen, dass sie wirklich Fieber hatte.

Es war auch nicht einfach nur eine erhöhte Temperatur, nein, es stieg schon darüber hinaus und ließ Mandy unerwarteter Weise in Panik ausbrechen. Es waren bereits Jahre vergangen, als Jasmin an Immunschwäche litt und dadurch gelegentlich Fieberattacken oder andere Symptome aufwies. Doch waren diese mit dem Umzug nach Japan plötzlich verschwunden und nun sollte alles von vorn beginnen. Damals hatte man noch Eltern, die einen bei solchen Dingen halfen, aber jetzt stand Mandy allein da und wusste in diesen Augenblick weder ein noch aus. Sie hatte darauf die gesamte Wohnung nach fiebersenkenden Mitteln durchsucht, aber schien so etwas nicht zu existieren. Und auch wenn es noch so unangenehm für Jasmin war, so hatte Mandy ihr mit Eiswürfeln gefüllte Handtücher um die Waden gewickelt, in der Hoffnung, die Temperatur würde dadurch etwas sinken. Vielleicht waren darauf Stunden vergangen, die Mandy diesen Vorgang immer und immer wieder wiederholen ließen.

Alles schien darauf so zwecklos und Mandy brach in Tränen aus. Jasmin bekam von ihrem Drumherum nur verschwommen etwas mit - sie spürte nur diese unglaubliche Kälte an den Waden und ließ sie noch heftiger als zuvor zittern. “Ich werde jetzt einen Krankenwagen rufen…”, machte sich Mandy darauf bemerkbar und hatte ihre Worte auch sofort in die Tat umgesetzt. Darauf war kaum Zeit vergangen, als die Bewohner der Etage, in der Mandy und Jasmin wohnten, durch das heftige Treiben der Assistenzärzte geweckt wurden und einfach nur beobachteten, wie Jasmin auf einer Trage aus der Wohnung geholt wurde. Da Mandy ihre einzige Angehörige in diesem Moment war, war es ihr auch gestattet, sie in das Krankenhaus zu begleiten. Auf den Weg dort hin kümmerte man sich intensiv um Jasmin, während Mandy nur durch Beruhigungsmittel einigermaßen in Ruhe kommen konnte.

Alles andere darauf verging wie ein Zeitraffer. Man hatte Jasmin sofort in die Notaufnahme gebracht und dort von Mandy getrennt. Diese war dabei völlig außer sich geraten und wollte Jasmin in diesem Moment nicht alleine lassen.

“Junge Frau, hören Sie. Ihrer Schwester geht es sehr, sehr schlecht. Hätten Sie keine Wadenwickel gemacht, wäre sie heute Nacht vielleicht gestorben. Sie braucht jetzt eine sehr intensive Behandlung. Das Fieber muss dringend zum Sinken gebracht werden und wir müssen ein Immunserum herstellen. Was ich Ihnen aber eigentlich sagen will ist, dass Sie jetzt nichts für Ihre Schwester tun können. Sie können natürlich gerne hier übernachten, wir stellen Ihnen auch ein Zimmer dafür bereit und würden Ihnen noch ein Beruhigungsmittel geben. Aber Sie können auch nach Haus gehen, wenn Ihnen das lieber ist. Wir würden Ihnen dann so schnell wie möglich über den Zustand ihrer Schwester mitteilen. Aber jetzt geht es nicht, dass Sie ihrer Schwester Beistand leisten können. Sehen Sie das bitte ein.”, erklärte einer der Assistenzärzte, die Jasmin und Mandy in das Krankenhaus gebracht hatten. Doch seine Worte waren für Mandy wie ein kräftiger Schlag ins Gesicht. Sie blickte den Assistenzarzt unverstanden und gleichzeitig verzweifelt an, während ihr erneut eine Träne nach der anderen über die Wangen rollte. “…nicht helfen?”, murmelte sie dann leise vor sich hin und entfernte sich langsam mit beinahe schon entsetztem Blick von dem Assistenzarzt, der sie nicht zu ihrer Schwester lassen wollte.

Und auch wenn ein schöner Tag begonnen hatte, so endete dieser nach wie vor mit kühlem Regen, der sich erneut erbarmungslos über der Erde ergoss.

Mandy war darauf einfach aus dem Krankenhaus verschwunden, lief durch den Regen, welcher sie durchnässt hatte. Sie lief ohne ein bestimmtes Ziel durch die Nacht, welche sich auch langsam dem Ende näherte. Mandy wusste nicht, wie viel Zeit bereits vergangen war. Das einzige, was sie wusste war, dass ihr kalt war und sie am ganzen Körper zu zittern begann. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr zu wissen, zu wem sie gehen sollte und doch trieb sie es plötzlich zu Ruki, an dessen Tür sie auch wenig später stand und klingelte.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür öffnete und Mandy in Ruki’s müdes und gleichzeitig verwundertes Gesicht blickte. Er hatte Mandy, die im Regen stand, einfach nur angestarrt, als käme sie nicht von dieser Welt. Rasch erkannte er aber, dass irgendetwas passiert sein musste, worauf Mandy sich ihm auch schon in die Arme geworfen hatte und laut schluchzte.

“Komm erstmal mit rein, du bist ja völlig durchgenässt.”, sagte Ruki sanft und verschloss darauf seine Wohnungstür. Im Flur sah Ruki Mandy prüfend an, bevor er lächelte.

“Bevor du mir erzählst, was passiert ist, hopst du unter die Dusche und wärmst dich auf. Ich besorg dir in dieser Zeit etwas Trockenes zum Anziehen und mache dir einen Tee.”, erklärte Ruki darauf und schob Mandy dabei in das kleine Badezimmer.

Kurze Zeit später saß diese dann in einem roten T-Shirt, sowie einer schwarzen Boxershorts bekleidet und in einer Wolldecke eingewickelt Ruki gegenüber, welcher sie nur abwartend angesehen und sich dabei eine Zigarette angezündet hatte. “Erzähl, was ist passiert?”, forderte Ruki dann und musste Minuten lang auf eine Antwort von Mandy warten. Diese seufzte bloß und hatte sich darauf die Hände vor ihr Gesicht geschlagen.

“Es,…ich weiß nicht. Jasmin, sie hatte sehr hohes Fieber bekommen und ich…konnte ihr nicht helfen. Sie liegt jetzt im Krankenhaus…und wäre fast gestorben. Ich hätte nichts dagegen tun können…nichts gegen diese Immunschwäche, unter der Jasmin seit Geburt an leidet…”, schluchzte Mandy, welche nun umso mehr wie ein verstörtes Mädchen auf Ruki wirkte. Er war von seinem Sessel aufgestanden und ließ sich neben Mandy auf der Couch nieder.

“Hey, ganz ruhig.”, sagte Ruki sanft und beinahe schon flüsternd, während er sie an den Schultern an sich herangedrückt und seine Arme um sie gelegt hatte. Auch wenn es für ihn unfassbar war und man es ihm deutlich ansah, spürte er deutlich das Vibrieren ihres Körpers und wie sie immer mehr zu schluchzen begann, während sie sich stärker mit den Fingern in seinem T-Shirt festkrallte.

“…hat es etwas mit Uruha zu tun?”, fragte Ruki darauf und spürte, wie Mandy ihm zögernd zunickte, ohne, dass sie Ruki dabei ansah.

“Und weißt du auch, was er getan hat?”, fragte Ruki weiter und es störte ihn zunehmend mehr, dass Uruha immer wieder etwas tat, was andere zu quälen schien.

Mandy schüttelte ihren Kopf und wimmerte dabei “Ich weiß es nicht…ich habe Jasmin nicht danach gefragt, weil…”.

Darauf schob Ruki Mandy vorsichtig von sich, um dieser ins Gesicht blicken zu können.

“Weil?”, drängelte er dann beinahe schon und Mandy fragte sich, warum er all das wissen wollte und doch wagte sie es nicht, ihn danach zu fragen, sondern sah Ruki einfach nur an.

“…weil er sicher wieder gemein zu ihr war und sie hat trotzdessen mit ihm geschlafen. Ich weiß nicht, wie das zwischen den beiden noch enden soll.”, wimmerte diese und senkte darauf ihren Kopf. “Ich werde ihm so die Fresse polieren, dass er Angst bekommt, wenn er sich im Spiegel sieht.”, murmelte Ruki sichtlich wütend und riss Mandy von neuem an sich.

“Keine Angst, ich werde dir irgendwie helfen. Egal, wie ich es anstellen muss und schließlich sehe ich doch, dass es dich quält.”, fuhr dieser dann fort und drückte Mandy, die er ohnehin schon fest in seinen Armen hielt, nur noch fester an sich heran als hätte er Angst, jemand würde sie jeden Moment von ihm losreißen wollen.

Mandy blickte darauf in Ruki’s vor Wut leicht gerötetes Gesicht, welches sie mit ihren zittrigen Händen berührt hatte.

“Wieso sagst du so etwas?”, fragte sie und sah Ruki jedoch nur lächeln.

Ein solch verträumtes Lächeln, welches gar die in seinem Gesicht geschriebene Wut verschwinden ließ, hatte Mandy noch nie auf Ruki’s Lippen gesehen und es beruhigte sie irgendwie. Er antwortete jedoch nicht auf ihre Frage, sondern war einfach aufgestanden und in seinem Schlafzimmer verschwunden, aus dem er wenig später wieder kam und dabei bereits sein Handy am rechten Ohr hielt. Mandy ahnte bereits, dass Ruki Uruha anrief und er solange versuchen würde, diesen zu erreichen, selbst wenn er ihn damit aus dem Bett holte. Anders wollte es Uruha nicht. Nachdem Minuten vergangen waren, ging Uruha endlich an sein Handy. Er war gereizt, das hörte Ruki deutlich an der Tonlage seiner Stimme, doch er musste damit rechnen und etwas anderes hätte er auch gar nicht erwarten können.

“Sag mal, macht es dir Spaß, Leute mitten in der Nacht aus den Bett zu jagen?”, reagierte Uruha regelrecht aufgebracht und Ruki brachte es jedoch nur dazu, lautstark über Uruha’s Frage zu lachen. “Macht es dir Spaß andere Leute krankenhausreif zu quälen?”, entgegnete Ruki und ahnte bereits, dass Uruha nicht wissen würde, wovon Ruki redete.

“Was soll ich?! Irgendwie scheinst du nicht ganz richtig im Kopf zu sein.”, behauptete Uruha darauf irritiert und raufte sich im Licht seiner Nachttischlampe sein Haar, während er die Wand, die ihm gegenüber lag, anstarrte. Er war sichtlich verwirrt über Ruki’s Worte und es war ihm ein Rätsel, wie er ihm nur so etwas unterstellen konnte. Doch hatte Ruki in gewisser Hinsicht recht mit dem, was er zu Uruha sagte und auch weiterhin zu ihm sagen würde. Dennoch schien Uruha weiterhin nicht den Eindruck zu hinterlassen, als wüsste er genau, was Ruki im jetzigen Moment von ihm wollte.

Und somit spielte Uruha weiterhin den Unwissenden.

“Sagte ich dir nicht schon mal, dass du ihr nicht wehtun sollst?”, musste Ruki dann doch lauter werden. “Von wem redest du?”, gähnte Uruha daraufhin ins Telefon.

Uruha’s momentan erscheinende Gelassenheit machte Ruki noch wütender.

Wusste Uruha denn wirklich nicht, wovon Ruki redete?

Doch, das wusste er. Es war die Tatsache, dass Uruha wirklich etwas getan hatte, was er unter den gegebenen Umständen lieber nicht getan hätte. Er versuchte nach dem er Jasmin’s verstörten Anblick erlebt hatte, die Schmerzen, die in seiner Brust zu wüten begannen, so schnell, wie nur möglich, zu verdrängen.

Allerdings schien es ihm aufgrund dessen, dass er es einfach nicht vergessen konnte, zu misslingen. Das Ruki bereits als Mitwisser, was das Verhältnis zu Jasmin anging, galt, machte jeden weiteren Versuch für Uruha, die Augen vor der bitteren Realität zu verschließen, nur noch unmöglicher. Immer und immer wieder würde es neben Mandy einen weiteren Menschen geben, der ihm mit der schmerzhaften Wahrheit Steine in den Weg räumen würde.

Doch schien es den Weg zurück auch nicht mehr zu geben, denn diese Dinge, diese Fehler, von welchen er selbst Jasmin förmlich unter Zwang versucht hatte abzuraten, hatte er selbst begangen. Ja, er hatte sich selbst damit verletzt und schien nun auch nicht mehr genug Stolz, Ehre, geschweige denn Kraft und Mut zu haben, um davor wegzulaufen.

“Jasmin! Sie liegt im Krankenhaus und wäre fast krepiert, du Idiot! Raffst du das? Sie wäre fast verreckt, weil keiner, außer Mandy, wusste, wie schwer krank sie eigentlich ist!”, brüllte Ruki nun regelrecht. Es glich einem Zeitraffer, welcher sich wie ein Film gemischt mit den Erinnerungen an Jasmin, in Uruha’s Kopf abspielte. Zeitgleich brachte er dann auch nur ein leise krächzendes “Was?” über seine trockengewordenen Lippen. Ja, genau so hatte auch reagiert, als Mandy ihm über Jasmin’s Zustand in Kenntnis gesetzt hatte.

Auch er war fassungslos und bestürzt darüber und schien das, was in diesem Moment in ihm vorging, ähnlich wie bei Uruha, nicht in Worte fassen zu können.

“Scheiße.”, flüsterte Uruha, obwohl er einer jener Menschen war, der solche Ausdrücke weniger gebrauchen wollte. Allerdings war es in diesem Augenblick und auch in jenen zuvor, was seine Fehler in Bezug auf Jasmin anging, die passende Beschreibung dafür.

“Du hast sie runter gemacht, oder? Los, sag es mir! Du hast sie runter gemacht, sie bedrängt und dann dazu gebracht, mit dir zu ficken. Stimmt’s? Uruha, mach den Mund auf, los! Ich will das jetzt wissen!”.

Nun war es Ruki, welcher plötzlich wie aus heiteren Himmel in Tränen ausbrach. Er seufzte, wimmerte und hinterließ somit auch bei Mandy den Eindruck eines kleine, unverstandenen Jungen - wie er da so neben ihr saß, mit leicht nach vorn gelehnten Oberkörper, in der rechten Hand das Handy, während seine linke Hand zitternd an einzelnen Strähnen seines Ponys zupfte. Ihm war es selbst unbegreiflich.

Er begriff selbst nicht, wieso er plötzlich weinte und weshalb ihm alles so nah ging.

Vielleicht lag es ja an Mandy , welche plötzlich ebenfalls wieder angefangen hatte zu schluchzen. Mit beiden Händen hatte sie sich an den Ärmeln seines schwarzen T-Shirts festgehalten, bevor sie ihren Kopf gegen seinen linken Oberarm gelehnt hatte.

Ja, es lagt tatsächlich an ihren Anblick, welcher Ruki deutlich machte, dass es ein grausames Leid nicht nur für ihre Schwester, sondern auch für Mandy selbst sein musste.

Und ihm wurde plötzlich bewusst, während Mandy sich noch fester an sein Shirt krallte, dass er viel lieber von diesem Leid nichts gewusst hätte.

Ihm wurde auch klar, während Uruha ihm noch immer durchs Telefon schwieg, dass er selbst nie schuld daran sein wollte, wenn es anderen schlecht ging.

In erster Linie galten diese Gedanken dem Mädchen, welches neben ihm saß und so traurig und zerbrechlich erschien, dass er sie viel lieber an sich reißen und festhalten würde, in der Hoffnung sie vor so viel Ungerechtigkeit wie Jasmin sie erfahren hatte, beschützen zu können. Es war für Ruki ein Gefühl von Bestätigung, dafür, sie wirklich beschützen zu können, als Mandy bereits schon völlig aufgelöst vor seiner Tür stand.

“Sag mir, dass es so ist!”, wurde Ruki auch schon wieder laut.

Damit hinterließ er ohne Zweifel auch den Eindruck, als würde er Uruha nicht nur mit seinen Worten in der Luft zerreißen wollen, sondern auch in diesen Moment zu weiteren Aggressionen fähig sein.

Dabei hatte Uruha schon längst aufgegeben, auf irgendeine Art und Weise an Ruki’s Recht zu zweifeln. Ja, er stritt es schon gar nicht mehr ab, fühlte sich aber auch nicht mehr wirklich in der Lage, es mit Worten zu bestätigen.

Als er dann aber endlich antworten wollte, schluchzte Ruki erneut los. Er wurde laut und energisch, als er daraufhin “Dann sag mir wenigstens, dass du sie liebst, du Arschloch!” ins Telefon brüllte. Aber im Endeffekt war nichts von alldem, was Ruki verlangte, von Uruha zu hören. Ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung war zu hören.

Es war kaum zu verkennen, dass nun auch Uruha weinte.

Und in diesem Augenblick verwirrte es nicht nur Ruki, den es aufgrund dieser Tatsache total aus der Bahn zu werfen versuchte, sondern auch Uruha selbst, der wiederum nicht mehr wirklich wusste, wohin er mit all seinen Emotionen sollte.

“Ich weiß nicht weiter, Ruki. Verstehst du das nicht?”, wimmerte Uruha daraufhin leise.

“Nein.”, erwiderte Ruki tonlos, bevor er seinen linken Arm um Mandy’s Schultern gelegt und diese noch fester an sich drückte.

In diesem Moment schien es das Einzige noch positive Gefühl in ihm zu sein, während außerhalb seiner vier Wände das Chaos sich zu vermehren versuchte.

Nein, er konnte Uruha aufgrund seines Verhaltens überhaupt nicht verstehen. Und am wenigsten hätte er gedacht, dass dieser in der Lage sein würde, einen Menschen aufgrunddessen offenen, direkten und eigenwilligen Charakters solche Schmerzen zuzufügen, diesen so psychisch zu erniedrigen und dessen Ehre so zu beschmutzen. Er wollte auch gar nicht begreifen, dass ein Mensch wie Uruha, der eigentlich selbst ein Feind solcher Dinge war, zu so etwas fähig sein konnte.

Uruha wagte es allerdings auch nicht, ihm mit einem “Warum” zu antworten, sondern schwieg schluchzend und leise vor sich hinwimmernd.

“Du bist nicht mehr der smarte, wundervolle und von vielen weiblichen Fans begehrte Uruha, weißt du das? Du hast eine Frau kennen gelernt, aus der du auf brutalstem Weg dein Ideal zu zaubern versuchst! Weil es dir nicht auf Anhieb gelungen ist und es bei allen weiteren Versuchen schief ging, drehst du am Rad. Du lässt es ihr büßen, weil sie sich von dir nicht umzaubern lassen will. Warum sie? Warum machst du uns erst jetzt deutlich, wie scheiße du doch zu Frauen sein kannst, Uruha? Jetzt drehst du durch, weil sie Kai verfallen ist. Du bist eifersüchtig, gib’s doch zu. Sie hat mit ihrer Art einen wunden Punkt in dir getroffen und damit kommst du nicht klar, weil es vor dir noch keine andere geschafft hat. Du gibst vor, sie nicht zu mögen, aber in Wirklichkeit ist sie für dich Feuer und Flamme. Du willst sie für dich und kannst nicht es ab, dass sie Kai mehr als dich mag. Es ist doch so, oder? Also, lüg mich nicht an. Los, sag, dass ich recht hab, sonst prügele ich es aus dir raus und lass die anderen dabei zu sehen…”, bevor Ruki lauter werden konnte, hatte ihn Mandy mit einem noch lauteren “Hör auf!” unterbrochen.

“Lass die Finger von ihr, sonst lass ich die anderen von deinen Machenschaften wissen. Und ich glaub nicht, dass besonders Kai daran Gefallen finden würde.”, drohte Ruki nun förmlich.

“Hör auf, Ruki!”, schluchzte Mandy erneut. Irritiert sah er daraufhin in das erschrockene Gesicht von Mandy. Sie schüttelte ihren Kopf und ihre Lippen zitterten.

“Weißt du nicht, was du damit anrichtest, Ruki?”, schluchzte sie weiter.

Ja, er wusste, dass er sich damit auch selbst schaden konnte, denn auch dann würde jeder wissen, in welcher Beziehung er zu Mandy stand. Wollte er das wirklich riskieren?

Während Mandy mit ihren Blicken an ihm vorbei zum Fenster wanderte, von welchen man gut die Blitze, die gelegentlich den Nachthimmel erhellten, beobachten konnte, hoffte sie natürlich, dass es nur bloße Worte von Ruki waren. Ja, nur leere Worte sollten es ein, welche Mandy irgendwann erleichtert aufatmen lassen würden.

“Ich hoffe, du bist nach deinem Vorhaben zufrieden und fängst dann auch endlich mal an, die Probleme mit deiner Potenz in den Griff zu kriegen. Oder glaubst du, ich merk nicht, was da mit Mandy und dir abläuft? Fass dich erst an deine eigene Nase, bevor du dich in Sachen einmischst, die dich nicht betreffen.”.

Das waren nach langem Schweigen Uruha’s letzte Worte, bevor man im darauf folgenden Moment nur ein langes Rufsignal hören konnte, welches daraufhin deutete, dass Uruha das Gespräch beendet haben musste, da nach Ruki’s überraschenden Blick zu urteilen er keine Taste auf seinem Handy gedrückt hatte...

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