Start

Startseite
Abonnieren
Fan-Mail
Gästebuch

Yami wo & Jiyuue

Cassis

yami (wo) alias Jasmin
NAMONAKI JIYUUE alias Mandy

Stuff

Wallpapers

Chaptors

Prolog
1.Kapitel
2.Kapitel
3.Kapitel
4.Kapitel
5.Kapitel
6.Kapitel
7.Kapitel
8.Kapitel
9.Kapitel

Made by

Snowwhite-Innocence

Kapitel 6

 

Durch das Peitschen des Regens gegen das Fenster bin ich aufgewacht. Das traurige Grau des Himmels ließ auch alles andere in diesem Zimmer um mich herum grau und traurig erscheinen. Es fiel mir schwer, lang genug  meinen Kopf angehoben zu halten, denn nicht nur dieser schmerzte so grausam, sondern auch jedes andere Körperteil, welches ich besaß. Mir war warm, aber ich wusste, dass nicht viel Zeit vergehen würde, bis mir wieder kalt wurde. Und wie sehr wünschte ich mir in diesem und auch in jenem anderen Augenblick zuvor, nicht so viel Emotionen in mir zu tragen. Immer wieder reichten diese aus, um mich traurig zu machen - um mir jede einzelne Träne zu entlocken, welche mir ziellos über die heißen Wangen lief. Warum hörte es nicht endlich auf? Während ich meinen müden Blick durch dieses verlassen und einsam erscheinende Krankenzimmer schweifen ließ, wurde mir bewusst, dass die Tatsache, hier zu liegen nie mein Wunsch war. Ja, wie sehr verabscheute ich Krankenhäuser und all die Menschen, die je vor meinen Augen in weißer Tracht erschienen sind. Es war jener Ort, an dem es, genau wie in diesem Augenblick, kein Fünkchen Licht gab. Und ich wusste auch, wann immer ich meinen Blick nach draußen werfen würde, dass es nicht die Sonne war, welche für mich schien, sondern jeglicher, immer wieder erscheinende Lichtblitz, der von lautem Grollen gefolgt durch das Grau des Himmels huschte und der Wunsch, nicht in diesem traurig erscheinenden Zimmer zu liegen, sondern außerhalb dessen erbarmungslos jeden einzelnen Regentropfen auf meiner Haut spüren zu wollen, wuchs von Sekunde zu Sekunde mehr. Und dann versank alles erneut in Dunkelheit...

 

 

 

Ich musste eingeschlafen sein, oder schlief ich noch und das, was ich sah, war nichts weiter als eine Einbildung? Ein Trugbild? Etwas, was in Wirklichkeit gar nicht da war?

Oder war es doch ein Wunsch, welcher aus meinen Gedanken erzeugt wurde?

Ich wusste nicht, warum ich plötzlich so erschrocken, aber gleichzeitig auch überrascht darüber war, Kai in der Tür stehen zu sehen. Sein Anblick schmerzte unwahrscheinlich stark in meiner Brust.

Die dunklen Schatten unter seinen Augen, sein schmal erscheinendes Gesicht und sein zerwühltes, dunkelbraunes Haar trieben mir von neuem Tränen in die Augen. Wieder einmal gelang es mir nicht, meine Gefühle in diesem Moment zu verbergen und somit liefen mir nach einem unkontrolliert lautem Seufzer unaufhaltsam die warmen Tränen über die Wangen.

Warum hast du das getan?.

Warum hast du mit ihm geschlafen?.

Das waren seine Worte, bevor er erneut schwieg. Dabei ruhte sein unruhiger Blick auf mir, welcher mir versuchte deutlich zu machen, dass es für ihn in diesem Augenblick nichts Schmerzhafteres zu geben schien, als von all den Geschehnissen zu wissen.

Ich hasse dich dafür..

Bevor er aus dem Zimmer trat und die Tür geschlossen hatte waren das seine letzten Worte, und dabei hatte er mir nicht einmal mehr ins Gesicht gesehen. Es war wie ein Kloß, welcher mir im Hals versuchte stecken zu bleiben, während ich hastig nach Atem rang. Ja, ich hatte mit einem Mal das Gefühl, als würde mir etwas die Luft zum Atmen nehmen.

Mit dem Gedanken an Kai´s letzte Worte hatte ich mich an die weiße Bettdecke gekrallt, meinen Kopf reflexartig immer wieder von einer Seit auf die nächste geworfen und dabei geschluchzt, wie noch nie zuvor. Ich konnte und ich wollte mich auch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es wirklich Kai´s Worte waren. Nein, bitte nicht, flehte ich innerlich, bevor ich daraufhin einfach den Drang danach verspürte, laut seinen Namen zu rufen. Ich hoffte, dass er noch in meiner Nähe war und mich hören würde. Somit wurde in den darauf folgenden Sekunden aus jeglichem lauten Rufen, unverkennbar und in Tränen erstickende Schreie, die sich außerhalb meines Zimmers auf dem Flur in ein weit reichendes Echo zu verwandeln versuchten. Auch, wenn ich mir innerlich wünschte, dass er zurückkommen würde, kam er nicht. Sicherlich hinterließ ich in jenem Augenblick den Eindruck, als eine Krankenschwester mein Zimmer betrat, wie ein kleines Mädchen, welches wieder einmal versuchte, seinen Willen durchzusetzen. So schnell, wie man daraufhin mich ans Bett gefesselt und mir irgendetwas in den linken Oberarm gespritzt hatte, schien ich gar nicht in der Lage zu sein, mich zu wehren.                                                                                    

Auszug aus Jasmin’s Tagebuch

 

 

Es waren die Sanften Sonnenstrahlen gemischt mit dem kühlen Wind, welche versuchten sich durch die weißen Vorhänge zu kämpfen. Die gänsehautverursachende Stille wurde lediglich durch die Töne des Herzfrequenzmonitors gebrochen. In den sterilen, mit Neonröhren erhellten Fluren herrschte an diesem Morgen reges Treiben, welches durch die quietschenden Räder der Rollbahren, den Durchsagen in den Flurlautsprechern und ständigen Hin-und Hergelaufe  gekennzeichnet wurde.

Eine junge Frau, vermutlich eine Krankenschwester, betrat in steriler, weißer Schutzkleidung das Zimmer. Sie lächelte freundlich, nachdem die ebenso weiße Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

Ihr prüfender Blick fiel sofort auf den Herzfrequenzmonitor, der sich mit leisen, dennoch unregelmäßigen Tönen bemerkbar machte.

“Junges Fräulein, wie geht es Ihnen?”, fragte die Krankenschwester bewusst und wartete auf eine Antwort, die sie jedoch nicht bekam.

“Professor Sugie wird gleich bei Ihnen sein.”, fuhr sie anschließend fort und notierte sich etwas in der roten Kladde, die sie mit in das Zimmer gebracht hatte und verschwand anschließend wieder. Auf Jasmin hinterließ der Anblick dieser zierlichen Person, welche  diese Schutzkleidung trug, einen seltsamen Eindruck und ließ die Minuten darauf wie eine Ewigkeit erscheinen.

Eine Ewigkeit, welche Jasmin mit jeder ihrer Atemzüge versuchte die Kraft zu rauben.

Ihre Augen schmerzten und ihre Lider fühlten sich unglaublich schwer an, jede kleinste Bewegung ließ sie vor Schmerzen zusammenzucken. Jasmin fühlte sich schwach und wagte es nicht einmal mehr, ihren Blick in Richtung Tür zu bewegen, in der nun der Chefarzt des Krankenhauses stand und lächelte. Auch er wandte sich nach Betreten des Zimmers den Herzfrequenzmonitor zu und sah selbst die Veränderung der Herztätigkeit, die über Nacht eingetreten sein musste. “Wie geht es Ihnen heute?”, fragte er darauf und blickte abwartend in Jasmin’s leichenblasses Gesicht. Doch auch er konnte keine Antwort von Jasmin erwarten.

“Ich werde Ihnen heute ein aus Ihren eigenen Blut produziertes Immunserum spritzen. Vielleicht klingt das jetzt hart und unsensibel, aber Sie wären gestern wirklich in den Händen ihrer Schwester gestorben, wenn diese nicht in unserem Krankenhaus angerufen hätte. Sie hätte nichts mehr tun können, denn die Wadenwickel hätten nicht ausgereicht. Aber Sie hatten Glück, junge Frau und nun versuchen wir, Sie wieder gesund zu kriegen und vergessen Sie vorerst Ihre beruflichen Tätigkeiten, denn so lange Sie nicht wieder auf den Beinen sind, solange werden Sie nicht arbeiten können.”, erklärte der Arzt und bemerkte eine erneute Veränderung der Herztätigkeit.

Eine Veränderung, die in ihm ein ungutes Gefühl erweckte.

Sein Blick wanderte vom Herzfrequenzmonitor wieder in Jasmin’s Gesicht und bemerkte, dass ihre Wangen fiebrig glühten und sie leise vor sich hinwimmerte.

“Junge Frau, Sie dürfen sich nicht aufregen. Ich werde Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel spritzen, dann werden Sie etwas schlafen.”, meinte der Arzt mit besorgter Miene und verließ mit eilenden Schritten das Zimmer. Jasmin würde ihre Augen viel lieber schließen, um einfach einschlafen und wenig später aufwachen zu können, in der Hoffnung, sie würde in ihrem Bett liegen und erkennen, dass alles nur ein Traum war. Doch stattdessen rannen ihr vermehrt Tränen über die glühenden Wangen und ließen sie leise wimmern.

Für Jasmin existierte gar keine Möglichkeit mehr, alles nur für einen Traum halten zu können. Vieles war einfach zu real, als das man es für unreal halten konnte.

“Ich will nicht mehr…”, schluchzte sie leise und dabei wollte sie nichts weiter als eine Antwort. Ja, eine Antwort auf all ihre Fragen. Jedoch schien alles vergebens und Jasmin versank völlig in Gedanken, während ihr weiterhin Tränen ihre Wangen benetzten.

Sie spürte nicht, wie ihr jemand die Stirn fühlte.

Sie hörte diese Stimmen nicht, die ihr Fragen stellten.

Sie nahm nicht einmal die eilenden Schritte und das Quietschen der Rollbahre, mit welcher sie in einen der Notfallräume transportiert wurde, war.

 

Alles um sie herum versank im dichten Nebel und letztendlich in Dunkelheit.

“Schwester, machen Sie sofort eine Infusion fertig!”, forderte der Arzt nach betreten des Raumes und kontrollierte sofort Jasmin’s Puls und Blutdruck, während die Krankenschwester ihm eilend zugenickt hatte. Sie reichte ihm darauf auch schon die verlangte Infusion.

“Fräulein, können Sie mich hören?”, fragte nun die Krankenschwester, welche darauf erschrocken zusammenfuhr und dennoch ernst in das Gesicht des Chefarztes, welcher Jasmin soeben die Infusion in den rechten Oberarm gespritzt hatte.

“Sie hat keinen Puls mehr, Professor!”, erklärte sie und sah den Mann, welcher prüfend seinen Blick auf Jasmin gerichtet hatte, nicken, als er das durchgehende Geräusch wahrnahm, welches ihn darauf hinwies, dass Jasmin’s Herz stehen geblieben war.

“Kardiopulmonale Wiederbelebung!”, forderte er.

Die Zeit darauf schien stehen geblieben zu sein. Ein Wiederbelebungsversuch und Infusion nach der nächsten folgte, doch schien alles für umsonst sein zu wollen. Niemand bemerkte das hektische Treiben innerhalb dieser sterilen vier Wände, welche lediglich durch Befehle des Arztes und Piepen der Geräte beherrscht wurden. “Infusionen! Zwei große Infusionen mit Salzlösung und Rinbers-Lektat-Lösung!”, befahl der Arzt, worauf die Krankenschwester nur nickte und ihm zwei große Ampullen der erforderten Lösungen reichte.

Die nächsten Minuten reichten allerdings aus, um Jasmin zurück ins Leben holen zu können. Auch wenn der Chefarzt, Professor Sugie, bereits jahrelang seinen Dienst machte, so war Jasmin die erste Patientin, die so viel Emotionen in ihm erweckt hatte.

Die regelmäßigen Töne des Herzfrequenzmonitors waren noch nie so beruhigend in den Ohren des Arztes und ließen ihn erleichtert aufatmen.

“Herztätigkeit, Puls, Blutdruck und Atmung sind wieder stabil, Professor.”, bemerkte die Krankenschwester, bevor sich diese räusperte.

“Und die Temperatur?”, fragte der Arzt, jedoch ohne die Krankenschwester dabei anzusehen.

“Sie liegt jetzt bei achtunddreißig.”,  sagte die Krankenschwester und sah das sanfte Lächeln auf den Lippen des Mannes ihr gegenüber.

Stunden waren darauf vergangen, doch niemand, nicht einmal Mandy, ahnte, was sich um Jasmin im größten Krankenhaus Tokios angespielt hatte.

Nein, niemand hätte daran gedacht, dass man um Jasmin’s Leben kämpfen musste.

Niemand kannte ihre Qualen, diese Schmerzen oder würde diese nur ansatzweise nachempfinden können.

“Ruki…ich hab Angst.”, sagte Mandy leise, als sie die gläserne Eingangstür des Krankenhauses  anstarrte. Die Nacht hatte sie geprägt, hatte sie zerbrechlich gemacht.

Ruki war der Einzige, der ihr versuchte Trost zu spenden und doch spürte er genau dasselbe Gefühl, wie es Mandy in diesem Augenblick empfand,  in seiner Brust. Ohne auf ihre Worte etwas zu erwidern, hatte Ruki Mandy einfach gepackt und fest an sich gedrückt, als wolle er sagen “Ich bin bei dir”.

 

“Immer, wenn du Angst hast, dann denk an etwas schönes…”, flüsterte Ruki sanft, als würde er in diesem Moment mit einem kleinen Kind sprechen, welches Angst vor den Schatten hatte, die die Nacht an die Zimmerdecke warf.

Und ohne etwas auf diese Worte zu erwidern, betrat Mandy zusammen mit Ruki das Krankenhausgebäude. Der Geruch von Sterilium lag in der Luft und bereitete den Beiden unangenehme Gänsehaut. Der Anblick der weißen Wände war einerseits beruhigend und anderseits ließ er einem kalte Schauder über den Rücken laufen.

“Wir würden gerne jemanden besuchen.”, machte sich Ruki bei der Krankenschwester am Empfang, die über ihre rahmenlose Brille schielte und Ruki skeptisch dabei ansah, bemerkbar und lächelte. “Zu wem möchten Sie denn?”, fragte die Krankenschwester und warf nun Mandy denselben skeptischen Blick zu. Mandy hatte nach einigen Zögern die Frage der Krankenschwester beantwortet und wurde darauf mit Ruki einer anderen Krankenschwester zugewiesen, die die Beiden in einen langen Flur führte.

“Professor Sugie ist der beste Arzt in diesem Krankenhaus. Er wird Ihre Schwester  mit Garantie wieder gesund machen.”, versuchte die Krankenschwester die Stille zu brechen, als plötzlich die Tür aufging, die sie öffnen wollte. Eine weitere Krankenschwester stand nun vor Mandy und Ruki. Sie schüttelte jedoch nur ihren Kopf und flüsterte der Krankenschwester, die die Beiden hier hehr führte, etwas zu und ließ diese erschrocken ihre Hände vor den Mund schlagen. “Sieh zu, dass die beiden ohne Lärm von hier verschwinden. “, waren anschließend ihre Worte, bevor sie wieder in dem Zimmer verschwand, in dem Jasmin lag.

“Was ist?”, fragte Ruki ungeduldig und warf der Krankenschwester einen abwartenden Blick zu. Doch statt ihm zu antworten, schüttelte diese ihren Kopf und schien damit bereits all seine Fragen, die sich in den letzten Sekunden in seinem Kopf gebildet hatten, zu beantworten.

“Es tut mir leid, aber ich muss Sie leider bitten zu gehen. Das junge Fräulein befindet sich derzeit noch in einem der Notfallräume und wird dort von Professor Sugie behandelt.”, versuchte die Krankenschwester dennoch zu erklären. Mandy verwirrte es und Ruki brachte es ein mulmiges Gefühl, welches ihn erschrocken zusammenfahren ließ.

“Was meinen Sie damit, Schwester?”, fragte Mandy und wollte einen Schritt vortreten, wenn Ruki sie nicht kopfschüttelnd daran gehindert hätte und als würde er bereits wissen, was passiert war. “Professor Sugie musste eine Wiederbelebung durchführen. Sie können im Moment nichts tun. Wir werden uns aber melden, sobald Sie Frau Jasmin besuchen können. Und jetzt bitte ich Sie zu gehen.”, drängte die Krankenschwester nach kurzen Schweigen und blickte in die entsetzten Gesichter von Ruki und Mandy. “Nein, das ist nicht wahr…”, seufzte Mandy, welche nun nicht mehr wusste, wohin sie ihren Blick richten sollte. Sie wollte die Worte der Krankenschwester nicht wahrhaben - nein, sie waren viel zu unreal.

“Es tut mir leid.”, erwiderte die Krankenschwester bloß und beobachtete, wie Mandy verzweifelt mit den Tränen kämpfte, während Ruki mit gesenktem Kopf neben ihr stand.

“Wann ist es passiert?”.

“Wann?”, wurde Mandy plötzlich laut und brach in Tränen aus, als sie auf die Knie rutschte und die Hände vor ihr Gesicht schlug.

“Wann?”, schluchzte sie nur wieder und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen.

Die Krankenschwester senkte ihren Kopf, als würde sie sich die Schuld dafür geben und ließ ihre blassen Hände in den Taschen ihres weißen Kittels versinken.

“Vor etwa einer Stunde.”, bemerkte sie dann kleinlaut und brachte Mandy dazu, nur noch heftiger zu schluchzen. Ruki warf der Krankenschwester einen vorwurfsvollen Blick zu, bevor er unverstanden seinen Kopf schüttelte und nervös auf seine Unterlippe biss.

“Vor einer Stunde sagen Sie?”, fragte Ruki darauf mit tränenerstickter Stimme und biss erneut auf seine Unterlippe. “…einer Stunde.”, wiederholte er murmelnd und sah die Krankenschwester bloß nicken. Ruki lachte auf und hockte sich vor Mandy. “Vor einer Stunde haben wir hier angerufen und gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn wir Jasmin besuchen. Dieser Professor hatte uns selbst die Erlaubnis gegeben. Er hatte selbst gesagt, es wäre gut, wenn wir vorbeikämen. Und dann? Dann wäre sie fast krepiert? Was ist das hier eigentlich?”, seufzte Ruki, dem nun vereinzelt Tränen über die blassen Wangen rollten.

“Es tut mir wirklich leid.”, sagte die Krankenschwester nur wieder und schien Ruki damit zur Weißglut zu treiben. “Ja…mir auch.”, meinte Ruki dann und zog Mandy an sich heran, bevor er sie mit sich heraufzog und der Krankenschwester den Rücken kehrte.

Doch dann blickte er in das entsetzte Gesicht von Uruha.

Seine Lippen zitterten und eine Träne nach der anderen rollte ihm über die Wange.

“Das ist nicht wahr…”, wimmerte er leise und trat eine Stück näher an Ruki und Mandy heran. “Sag, dass das nicht wahr ist!”, forderte er dann regelrecht und suchte mit seinen Händen nach der weißgestrichenen Wand, an welcher er sich abstützte. In Ruki brachte es jedoch jegliche Emotionen zum Überkochen, dennoch versuchte er, ruhig zu bleiben.

“Du traust dich wirklich hier her? Bist du wirklich so dreist, Uruha?”, fragte Ruki darauf mit gespielter Ruhe und wollte soeben an Uruha vorbei, wenn sich nicht Mandy von ihm losgerissen und auf Uruha zugestürmt wäre.  

Ihr Blick war wütend auf sein Gesicht gerichtet, während sie Uruha am Kragen seines schwarzen Hemdes packte und leicht rüttelte.

“Du bist schuld! Du bist an allem Schuld!”, schrie Mandy Uruha regelrecht an und rüttelte diesen nur noch kräftiger, während Ruki verzweifelt versuchte, sie von diesem loszureißen.

“Mandy, hör auf damit!”, forderte Ruki und konnte darauf nur beobachten, wie Mandy Uruha eine schallende Ohrfeige verpasst hatte, die Uruha’s Kopf zur Seite fliegen ließ. Sein Gesicht war puterrot angelaufen, Tränen rannen ihm wie ein Strom über die Wangen und seine Augen waren weit aufgerissen. “Du bist schuld, hörst du?”, wimmerte Mandy dann leiser an Uruha’s Brust, während sie sich an seinem Hemd festkrallte. Und Uruha spürte einen immer drückenderen Schmerz in seiner Brust, welcher drohte, sich wie ein Lauffeuer in seinem Körper auszubreiten und ihn zusammenfahren ließ.

“Wenn sie stirbt….dann…”, schluchzte Mandy nun verbitterter und sank von neuem auf die Knie. Sie schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen und ihr ganzer Körper bebte regelrecht, während sie einfach nur verzweifelt zu Uruha hinaufblickte. “Ich will das nicht, verstehst du?”, wimmerte sie wie ein kleines Kind und jeder der Außenstehenden blickte unverstanden und gleichzeitig entsetzt über diese Worte auf Mandy herab.

“Was redest du denn da?”, fragte Ruki daraufhin und hockte sich erneut vor Mandy, deren Gesicht er zwischen seine Hände nahm und ihr abwartend in die Augen blickte. In diese verletzten Augen, die ihm das schmerzende Gefühl gaben, dass jeden Moment irgendetwas in ihm zerreißen wollte. “Sie wird wieder gesund, hörst du? Sie wird wieder gesund.”, flüsterte Ruki ihr sanft zu und strich ihr einzelne  Tränen von den Lippen.

“Es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen. Aber Sie sollten jetzt wirklich gehen.”, machte sich dann die Krankenschwester wieder bemerkbar und blickte abwechselnd von Ruki zu Uruha, welcher immer noch völlig entsetzt vor sich hinstarrte und mit seinen Gedanken schon gar nicht mehr in dieser Welt zu sein schien.

Ruki nickte der Krankenschwester währenddessen zu und bat diese darauf, Mandy ein Beruhigungsmittel zu geben. Die Zeit darauf schlief sie nur, während Ruki und Uruha  schweigend nebeneinander auf der Couch in Ruki’s Wohnung saßen und dabei auf den Fernsehbildschirm starrten, über welchen gerade die Nachrichten zu sehen waren. Ruki griff nach seiner Zigarettenschachtel von der Marke “Pianissimo” und wollte sich soeben eine anzünden, wenn ihn das Sturmklingeln an der Tür nicht daran gehindert hätte und aufstehen ließ. Mit schweren Schritten schlurfte er zur Tür, welche er auch sofort geöffnet hatte und Kai darauf in seine Wohnung stürmte. Ja, Ruki hatte Kai über das Verhältnis zwischen Jasmin und Uruha aufgeklärt und er reagierte genauso aufgebracht, wie jetzt in diesen Moment.

“Wo ist dieses Arschloch, damit ich ihn umbringen kann?!”, wurde Kai auch sofort laut und sah Ruki dabei abwartend an.

“Hör mal, Kai…”, begann Ruki und versuchte Kai zu beruhigen, doch gelang es ihm aus irgendeinen Grund nicht.

“Ich weiß ganz genau, wie du dich fühlst und es fühlt sich wirklich verdammt scheiße an. Aber wir machen doch alles nur noch viel schlimmer, wenn wir uns aufregen.”, flüsterte Ruki nun regelrecht. Aber Kai machte es nur noch wütender und er stieß Ruki zur Seite.

“Uruha, ich bring dich um. Du verdammter Mistkerl!”, wurde Kai immer lauter, als er im Wohnzimmer stand und in Uruha’s teilnahmsloswirkendes  Gesicht blickte.  “Ich glaub immer noch nicht, dass Ruki dir das erzählt hat.”, bemerkte Uruha nur und stand auf.

“Dabei dachte ich immer, wir würden einander vertrauen können.”, fuhr Uruha fort und spürte darauf nur einen kräftigen Schlag im Gesicht, welcher ihn erschrocken auf die Zunge beißen ließ und er nur noch den bittersüßen Geschmack von Blut in seinem Mund schmeckte.

“Vertrauen? Weißt du überhaupt, was das ist?”, fragte Kai und verpasste Uruha erneut einen Schlag, welcher Uruha die Gläser vom Tisch reißen ließ und diese klirrend  auf dem Boden in Scherben zersprangen...

“Ruki, was ist da los?”, fragte Mandy verschlafen, als diese sich aufgerichtet hatte und Ruki die Zimmertür verschließen sah.

“Nichts, es ist nichts.”, sagte er leise und bewegte sich auf das Bett zu, auf dem er sich anschließend niederließ.  Ohne etwas zu sagen hatte Ruki Mandy an sich herangezogen und so fest an sich gedrückt, als wollte jemand sie ihm wegnehmen. Schweigend streichelte über ihr Haar, während er vom Wohnzimmer aus Kai und Uruha streiten hörte.

Mandy ahnte und hörte, dass etwas nicht stimmte.

“Ruki, lüg mich nicht an. Ist Kai da? Ja, er ist da und er streitet mit Uruha…du hast ihm die Wahrheit erzählt, stimmt’s?”, fragte Mandy darauf und riss sich von Ruki los.

“Du hast ihm die Wahrheit erzählt, obwohl du es nicht wolltest. Ist es nicht so? Warum hast du mich angelogen? Warum hast du zu mir gesagt, er wird nichts davon erfahren?”, wurde Mandy plötzlich laut und erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen.

“Wieso hast du mich angelogen? Warum machst du alles kaputt? Warum?”, schluchzte sie darauf los und senkte ihren Kopf. “Nein, das stimmt doch gar nicht.”, erwiderte Ruki und nahm vorsichtig Mandy’s Gesicht zwischen seine Hände. 

“Du brauchst keine Angst haben.”, fuhr er anschließend fort. Doch Mandy schüttelte energisch den Kopf und versuchte sich mit aller Macht von Ruki loszureißen, wenn dieser sie nicht krampfhaft versuchte festzuhalten und nach hinten auf das Bett zu drücken. 

“Ich habe dich nicht angelogen. Ich habe dich nie angelogen und ich habe es weder jetzt, noch irgendwann vor. Aber wir müssen uns endlich eingestehen, dass das, was wir alle getan haben, von Anfang an falsch war. Deswegen bitte ich dich, dass zu ignorieren., was im Wohnzimmer passiert.”, sagte Ruki flüsternd und hielt Mandy vorsichtig den Mund zu. Sie hörte laut und deutlich, wie Kai und Uruha sich anbrüllten und gleichzeitig fragte sie sich, warum Ruki das alles zuließ, warum er das tat.

“Hör nicht hin, ja? Hör ganz einfach nicht hin.”, fuhr er fort, als er merkte, wie Mandy’s Körper unter ihn zu beben begann. Er vernahm ihr Schluchzen, vernahm ihre warmen Tränen, die er einfach von ihren Wangen weggeküsst hatte. Darauf hörte man nur das laute Knallen einer Tür, welches Ruki aus seinem Zimmer in den Flur hasten ließ.  Sein Blick fiel sofort in das Wohnzimmer, in welchem Kai zusammengekauert am Boden saß und wie ein kleiner Junge vor sich hinwimmerte. “Warum bin ich nicht noch geblieben? Warum konnte ich sie nicht davor schützen?”, schluchzte Kai und wirkte dabei auf Ruki wie ein kleiner, verstörter Junge. 

“Du hast keine Schuld…niemand hat schuld. Niemand wusste vorher, dass so etwas passiert. Also hör auf, dir die Schuld dafür zu geben.”, versuchte Ruki Kai zu beruhigen. Doch Kai schüttelte nur seinen Kopf und warf sich die Hände vor sein Gesicht.

Immer und immer wieder schüttelte er seinen Kopf und schluchzte dabei laut “Es ist meine Schuld. Es ist allein meine Schuld.”.

Nun bereute es Ruki auch, dass er Kai angerufen und ihm von dem Verhältnis zwischen Uruha und Jasmin erzählt hatte. Ein tiefer Schmerz entbrannte in seiner Brust und ließ ihn erschrocken zusammenfahren, als er am späten Abend auf dem Balkon stand und die hellen Lichter der Stadt beobachtete, als wären diese etwas Neues für den 25jährigen.

Ruki würde sich in diesem Moment lieber selbst dafür ohrfeigen, dass er etwas schlimmer gemacht hatte, als es ohnehin schon war. Er hatte etwas getan, was er wahrscheinlich nie wieder gut machen konnte und ein verzweifelter Blick machte sich in seinem blassen Gesicht breit, welches auch sofort verriet, dass es Ruki zunehmend quälte.

Ja, und bald würde genau das eintreten, vor dem Reita ihn gewarnt hatte.

“Was habe ich getan?”, seufzte Ruki leise vor sich hin, während ihm vereinzelt Tränen über die Wangen rannen und der kalte Abendwind durch seine Haare wehte. 

Niemand bemerkte, dass er weinte.

Niemand merkte, dass es im inneren seines Herzens wehtat.

 

“Ich habe uns Frenchtoast gemacht.”, sagte Kai, als dieser plötzlich hinter Ruki auf dem Balkon stand.  Er hatte diese Worte wahrgenommen, doch wagte er es nicht, in Kai’s Gesicht zu blicken. Ruki schämte sich, als das er das noch tun könnte und schüttelte stattdessen nur seinen Kopf. “Danke, aber ich habe keinen Hunger.”, erwiderte er dann nur und stürmte an Kai vorbei, welcher daraufhin nur das Knallen einer Tür wahrnahm.

“Ruki?”. Kai sah verwirrt in das Wohnzimmer, in dem auch Mandy saß, welche einen genauso verwirrten Blick im Gesicht trug, wie er ihn  in diesem Moment hatte.

“Was hat er denn?”, fragte sie darauf und sah nur, dass Kai kopfschüttelnd seine Schultern zuckte. “Ich weiß es nicht.”, sagte er und ließ sich gegenüber von Mandy nieder, welche soeben aufstehen und Ruki folgen wollte.

“Lass ihn. Ich glaube, er muss innerlich mit etwas fertig werden und dabei würdest du ihn sicher nicht helfen können.”, meinte Kai und brachte Mandy dazu, sich wieder auf ihrem Platz niederzulassen. Sie senkte ihren Kopf und seufzte leise vor sich hin.

“Was wird jetzt passieren, Kai? Was sollen wir machen?”, fragte Mandy dann plötzlich und blickte verzweifelt in Kai’s Gesicht, welches in diesen Moment noch blaßer wurde, als es ohnehin bereits war. Dennoch breitete sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen aus, welches allerdings nicht verriet, was Kai im inneren wirklich dachte.

“Auch wenn ich als Bandleader eigentlich dazu gezwungen bin, dem Management von den letzten Ereignissen wissen zu lassen, so scheue ich mich davor. Ich habe Angst, große Angst, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Aber genauso habe ich Angst davor, einfach so zu tun, als wäre nichts passiert.”, erklärte Kai und senkte darauf seinen Kopf. Mandy konnte ihm das, was er eben sagte, plötzlich ansehen. Diese Last, diese Verantwortung die ihm wie ein böser Fluch aufgebürdet worden war. Er konnte davor nicht weglaufen, denn es würde ihn verfolgen - egal, wo er sich versuchte zu verstecken.

Zur selben Zeit lief Ruki durch die hell beleuchteten Straßen, die ihm plötzlich so fremd waren, obwohl er sie bereits seit einer Ewigkeit kannte. 

Er hatte mit einem Mal so viele Gedanken, die Ruki beinahe in den Wahnsinn trieben.

Er hatte einfach angefangen zu rennen und ignorierte dabei die Passanten, die er dabei rücksichtslos anrempelte und die ihm schimpfend hinterher riefen. 

All das hörte Ruki nicht mehr, er wollte es nicht. Das Einzige, dass er wollte, war, dass endlich alles ein Ende hatte. Ja, ein Ende und das alles wie früher sein würde.

Mehr wünschte er sich in diesen Moment nicht, in welchem er einfach durch die Stadt rannte und dabei den Eindruck hinterließ, als würde man ihn jagen.

Dabei wurde Ruki lediglich von seinen eigenen Schuldgefühlen gejagt, bis er irgendwann nicht mehr konnte und gezwungen war, stehen zu bleiben und hastig nach Atem zu rangen.

Genau wie in diesen Augenblick, in welchem das laute Tosen des Meeres zu hören war.

Ein kalter Wind fuhr über Ruki’s Gesicht und bereitete ihm Gänsehaut, doch ließ er sich davon nicht abhalten, den Strand zu betreten, welcher durch das Licht des fahlen Mond so unglaublich hell aufleuchtete. Ruki lief planlos durch den Sand, in dem seine Schuhe mit jedem Schritt leicht versickerten. Er lief und lief und auch der Weg schien kein Ende zu kennen, bis Ruki jenen Ort erreicht hatte, an welchem wohl mehr Erinnerungen hingen, als er es gewollt hätte. Es war jener Ort, der wohl der Ursprung von allem war.

Wie ein kleiner Junge, der neugierig seine Umgebung erforschte, kletterte Ruki vom Sand aus auf die Steine, welche vor Überflutungen schützen sollten und ließ sich auf einen von ihnen nieder, während er gedankenverloren auf das Meer starrte und dabei seine Erinnerungen, die sich plötzlich in seinen Kopf drängten, aufleben ließ.

Und es war ähnlich wie das Gefühl, als würde jeden Moment alles vorbei sein… 

 

“Mama, Papa, ich würde gern Musik machen.”, erklärte Ruki damals mit achtzehn Jahren seinen Eltern. Diese hatten ihn nur mit Entsetzen angesehen.

“Das schlag dir sofort aus den Kopf, Takanori. Du wirst studieren und nicht deine Zeit mit solch sinnlosen Dingen verbringen. Aus dir soll schließlich etwas Anständiges werden, oder möchtest du wie dein Bruder enden?”, fragte Ruki’s Mutter und blickte ihren Sohn, welcher schon nach diesen Worten völlig  eingeschüchtert war, abwartend an. Ruki’s Vater beugte sich lediglich zu seinem Sohn herunter und legte seine Hände auf dessen Schultern. “Takanori, wir wollen doch nur das Beste für dich, das weißt du doch.”,  sagte er und tätschelte darauf Ruki’s Kopf. Auch wenn Ruki schüchtern und sich leicht von seinen Eltern unterkriegen ließ, so staute sich bereits seit längeren in ihm der Wunsch, endlich selbst entscheiden zu dürfen, was er für richtig hielt und was nicht.

Ja, in ihm brodelte die Wut wie ein Vulkan, welcher kurz davor war, auszubrechen.

Ruki stiegen darauf Tränen in die Augen und versuchte diese Tatsache jedoch so gut wie es ihm möglich war, zu verstecken.  Aber schien ihm dies nicht gelingen zu wollen und er warf seinen Eltern einen wütenden, mit Tränen gemischten Blick zu und schüttelte dabei unverstanden seinen Kopf.

“Wenn ihr wirklich das Beste für mich wollen würdet, würdet ihr akzeptieren, dass ich nicht einer dieser ewigen Studenten werden möchte. Ich möchte selbst etwas in die Hand nehmen und mich nicht ständig von euch bevormunden lassen!”, plärrte Ruki seine Eltern an und erhielt darauf eine schallende Ohrfeige von seiner Mutter. In ihren Augen standen plötzlich Tränen, gemischt mit dem Entsetzen in ihrem Gesicht. Sie hatte Ruki nie geschlagen und es zerriss ihr beinahe das Herz, als Ruki sie wütend und gleichzeitig verletzt angesehen hatte.

“Takanori, Schatz, es tut mir leid. Ich wollte nicht…”, stammelte sie und wollte beide Wangen von Ruki berühren, wenn dieser nicht wütend ihre Hände weggeschlagen hatte.

“Jetzt verstehe ich auch, warum Wataru abgehauen ist. Ihr wolltet aus ihm euer Ideal zaubern, aber er wollte sein eigenes Leben leben und das wollte keiner von euch beiden akzeptieren. Ihr habt ihm jeden Tag zur Hölle gemacht. Ist es nicht so? Deshalb musste ich immer in meinem Zimmer verschwinden, damit ich es nicht mitkriege. Aber ich habe alles mitbekommen, Tag für Tag. Ich will das nicht und ich lass nicht zu, dass ihr dasselbe mit mir auch macht!”, plärrte Ruki und brach dabei völlig in Tränen aus, die ihm anschließend über die Wangen rollten.

“Lieber würde ich sterben!”, schrie er und spürte darauf nur einen unsanften Druck an seinem rechten Oberarm. Ruki richtete seinen Blick in das vor Wut gerötete Gesicht seines Vaters, welcher ihn anschließend durch den langen Flur in den Garten zerrte. Ruki konnte seine Mutter nur immer wieder weinend schreien hören “Masanori, hör auf damit! Bitte, tu es nicht!”, bis sie verzweifelt versuchte, ihren Mann daran zu hindern, nach dem Bambusstock, welcher immer an der Holztreppe stand, zu greifen. Doch gelang es der zierlichen, kleinen Frau nicht, ihren Mann aufzuhalten, der seinen achtzehnjährigen Sohn auf die Knie zwang und mit dem Bambusstock auf ihn einzuschlagen.

“Wataru hatte es nie begriffen, dass wir uns gewünscht hatten, dass er es zu etwas Anständigen bringen sollte. Stattdessen ist er mit achtzehn Jahren als ein Nichtsnutz abgehauen und hat die Generation unserer Familie mit Schande besudelt. Dich werde ich darzubringen, nicht genauso zu enden, auch wenn es mit Gewalt sein muss, Takanori.”, erklärte Ruki’s Vater mit einem Blick, der einzig und allein Wut zeigte. In ihm schien es in diesem Moment kein anderes Empfinden zu existieren, während Ruki’s Mutter laut schluchzend zusah, wie ihr Mann immer und immer wieder auf Ruki’s schmalen Rücken schlug. Sie schien die Schmerzen zu spüren, die ihr Sohn in diesem Moment mit einem versuchten Schweigen empfand und ihn dennoch leise aufwimmern ließen.

“Masanori, hör endlich auf!”, schluchzte Ruki’s Mutter nochmals, als dann die tief-kratzige Stimme einer weiteren Frau ertönte.

“Masanori, hör auf den Jungen zu schlagen, oder was ist in dich gefahren?!” .

Es war Ruki’s Großmutter, welche mit vollbepacken Einkauftüten da stand und abwartend auf Ruki’s Vater herabgesehen hatte und dieser nur erschrocken den Bambusstock aus den Händen fallen ließ.

“Mutter, du bist schon zurück?”, fragte er erschrocken und beobachtete die alte Dame dabei, welche die Einkaufstüten auf den Boden sinken ließ und sich auf Ruki’s Vater zubewegte. Trotz, dass diese Frau schon alt war, war sie dennoch größer als Ruki’s Vater, welchen sie am Kragen seines weißen Hemdes packte und eine schallende Ohrfeige nach der anderen verpasste, bis dessen Brille auf den matschigen Boden fiel. “Du wagst es, meinen Enkel so zu misshandeln?! Weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt, wenn man mit einem Bambusstock geschlagen wird, Masanori? Ich bereue es, dich nie damit geschlagen zu haben und jetzt geh mir aus den Augen. Ich hoffe, du bekommst Alpträume von deinem heutigen Vergehen!”, zischte Ruki’s Großmutter und stieß dessen Vater so kraftvoll von sich, dass dieser im Matsch neben Ruki landete.

“Schatz, Takanori, ist  alles in Ordnung?”, fragte Ruki’s Mutter, die sofort auf Ruki zugestürmt kam und ihm beim Aufestehen helfen wollte, wenn er diesen Versuch nicht abgewehrt hätte.

“Fass mich nicht an! Fass mich nie wieder an!”, zischte er nur und richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, mit welchem er auch mit hastigen Schritten nach drinnen verschwand. Ruki ließ seine Eltern im Garten stehen und verschwand in seinem Zimmer. Er hatte sich auf sein Bett geworfen und von neuem angefangen zu schluchzen. Sein Rücken brannte und Ruki hatte das Gefühl, sich nicht mehr rühren zu können, als er plötzlich ein kratzendes Geräusch wahrnahm, welches ihn sich erschrocken aufrichten ließ. Als er auf den Boden starrte, blickte er auf einen mit einer roten Satinschleife verzierten, weißen Karton. Mit hochgezogenen Augenbrauen hob er den Karton auf sein Bett und befreite diesen von der Schleife. Als Ruki den Karton öffnete, blickte er in die großen Augen eines Spitz-Welpen, welcher ihn winselnd angesehen hatte und Ruki vermehrt Tränen über die Wangen rannen ließ. Der Welpe kroch aus dem Karton und sprang Ruki in die Arme, leckte ihm die Tränen von den Wangen, während er permanent mit seinem buschigen Schwanz wedelte.

“Hey, woher kommst du denn, Kleiner?”, fragte Ruki und blickte erneut in die großen Augen dieses kleinen, schwanzwwedelnden Welpen, welchem er im Endeffekt den Namen Sabu-chan gab.

Doch seit diesem Tag hatte Ruki sich schlagartig verändert. Er hatte seine Haare blond färben und schneiden lassen. Er änderte auf so radikale Weise sein Äußeres, dass gar seine Großmutter, die ihm Sabu-chan geschenkt hatte, schockiert war und sich innerlich fragte, was mit ihrem Enkel plötzlich los war. Eines war klar, Ruki hatte nun einfach das getan, was er wollte und ließ sich von seinen Eltern nicht mehr bevormunden, auch wenn er immer noch gelegentlich Schläge von seinem Vater bekam. Aber mittlerweile wusch Ruki sich es wie kaltes Wasser ab und wurde zu einem völlig anderen Menschen. Er schwänzte die Schule, durfte nachsitzen und trieb sich oft bis spät in die Nacht in der Stadt herum. Ruki fing an, gnadenlos seinen Spaß zu haben - angefangen bei Mädchen, die ohne Zögern die Beine für ihn breit machten, bis hin zur Musik. Erstaunlich war jedoch, wie Ruki trotz alledem seine schulischen Leistungen meisterte. Er hatte nie schlechte Noten, im Gegenteil, sie schienen immer besser zu werden. Seit dem war bereits ein ganzes Jahr vergangen. Ruki war nun neunzehn und wechselte als Drummer von Mikoto in die Band Ma’die Kusse, welche jedoch noch völlig am Anfang stand und keine komplette Besetzung hatte.

Bis zu jenem Tag, an dem Ruki zum ersten Mal Reita und Uruha begegnete.

“Ruki? Mensch, mach’ gefälligst die Kippe aus und beweg deinen Arsch hier her!”, forderte Miwa, welcher der Sänger von Ma’die Kusse war und welcher in Ruki in jeder Hinsicht einen Rivalen sah.

“Was denn? Du nervst mich!”, konterte Ruki, welcher stöhnend seine angezündete Zigarette auf den Boden warf und ausgetreten hatte, bevor er auf Miwa’s Forderung einging und die Garage, die für den Anfang als Proberaum diente, betrat.

“Komm her und stress nich’ schon wieder rum!”, zischte dieser und winkte Ruki zu sich.

“Ich will dir jemanden vorstellen.”, sagte er dann und rief zwei weitere junge Männer zu sich.

“Ernsthaft?”, fragte Ruki skeptisch und blickte darauf in die Gesichter der Beiden. Miwa lachte auf und klopfte Ruki auf die rechte Schulter. “Sei still und hör zu.”, begann er und wandte seinen Blick auf die Beiden, während er sich kurz räusperte. “Das sind Reita und Uruha. Sehen komisch aus, aber haben echt was auf den Kasten.”, erklärte Miwa darauf und grinste frech.

“Ich bin Reita und werde ab heute euer Bassist sein.”, erklärte der Kleinere von Beiden, welcher sich als Reita vorgestellt hatte und anschließend freundlich in Ruki’s Gesicht lächelte, während er diesem die Hand schüttelte. Darauf hatte sich auch sofort Uruha zwischen die beiden gedrängelt und schien darauf Ruki’s Hand, die er permanent schüttelte, nicht mehr loslassen zu wollen.

“Ich bin Uruha, euer Gitarrist, nett dich kennen zu lernen, Kleiner.”, meinte Uruha mit einem breiten Grinsen, welches Ruki dazubrachte, es zu erwidern. Seit diesem Tag waren Ruki, Reita und Uruha unzertrennlich und brachten Miwa nach einiger Zeit dazu, die drei aus belangloser Eifersucht aus der Band zu werfen. Allerdings schien es die drei weniger zu stören, denn einige Monate später traten die drei der Band Karte Zyanose bei und schienen damit ihren ersten Durchbruch in der Undergroundszene gemacht zu haben.

 

“Ruki, alles in Ordnung?”, fragte Reita, welcher sich im Sand neben Ruki niedergelassen hatte.

Er bemerkte, dass dieser völlig in Gedanken versunken war und einfach nur vor sich hinstarrte. Schon seit einiger Zeit benahm sich Ruki verdächtig seltsam und niemand schien zu wissen, warum.

“Was?”, fuhr Ruki erschrocken auf und nahm sich nervös die schwarzrahmige Brille von der Nase.

“Du bist so ruhig, stimmt irgendetwas nicht?”, fragte Reita darauf und blickte abwartend in Ruki’s blasses Gesicht. Dieser schüttelte jedoch nur lächelnd seinen Kopf und strich sich einige blonde Haarsträhnen aus dem Gesicht.

“Nein, es ist alles in Ordnung. Wo sind Uruha und die anderen?”, entgegnete er nur mit einer Gegenfrage, die Reita lächeln ließ, während er sich eine Zigarette anzündete und anschließend den Rauch genüsslich den strahlend blauen, wolkenlosen Himmel entgegenpustete.

“Seiji ist bereits mit den Jungs auf den Weg hier her. Du weißt doch selbst, wie schwer es ist, mit dem Auto die Stadt zu durchqueren.”, meinte Reita und zog dabei intensiv an seiner Zigarette, als plötzlich sein Handy klingelte. Nachdem er rangegangen war, meldete sich nur eine aufgebrachte Männerstimme, die in diesem Augenblick jedoch wie die eines kleinen Jungen klang.

“Rei? Bist du’s?”.

“Seiji? Alles in Ordnung? Was ist denn los, du klingst so komisch.”, bemerkte Reita sichtlich irritiert und schaltete darauf den Lautsprecher seines Handys ein.

“Unfall…Uru-chan hatte einen Unfall!”, plärrte Seiji entsetzt ins Telefon und schien darauf fast den Tränen nahe zu sein. In Reita‘s, aber vor allem Ruki’s blassem Gesicht spiegelte sich der Schrecken deutlich wieder und ließ beiden schlagartig Tränen in die Augen steigen. Der Puls beider Jungs  pochte nun förmlich und ließ ihr Herz rasen. “Seiji, verarsch mich nicht! Uruha soll einen Unfall gehabt haben? Vor einer halben Stunde hatte ich noch mit ihm telefoniert!”, zischte Reita und wartete mit einem langen Zögern auf Seiji’s Antwort.

“Ich verarsch dich nicht, Rei! Aber...aber…”, stammelte Seiji plötzlich los und im Hintergrund konnte man deutlich das penetrante Geräusch von Sirenen hören.

“Verdammt, was ist passiert?!”, fuhr nun Ruki dazwischen, welcher sich darauf permanent nervös auf die Unterlippe biss und am anderen Ende der Leitung ein Husten wahrnahm.

“Uruha, er wollte die Straße überqueren, um in mein Auto zu steigen. Da kam plötzlich so ein Idiot und hat ihn…umgefahren. Einfach so. Dieses Schwein hat Uru-chan einfach umgefahren und ist abgehauen. Wenn es niemand gesehen hätte, wäre Uru-chan…”, wimmerte Seiji los und brachte Ruki dazu, mit den Fäusten in den Sand zu schlagen und wütend dabei seine Augen zuzukneifen.

“Sei still! Sei still, Seiji!”, schrie Ruki nun regelrecht ins Telefon, während ihm dabei Tränen vom Kinn in den Sand tropften. “Kommt her, bitte!”, waren darauf Seiji’s letzte Worte, bevor er den Beiden erklärte, in welchem Krankenhaus Uruha lag und dann einfach aufgelegt hatte. Nachdem Reita Ruki’s Tränen weggewischt hatte, machten sie sich sofort auf den Weg. Reita, auch wenn er es nicht mochte, raste nun förmlich mit seinem Motorrad durch die Stadt. Er hatte das Gefühl, als würde er mit der Zeit um die Wette rennen. Dabei waren es lediglich Seiji’s Worte, die in ihm so viel Panik aufsteigen ließen und er glaubte, jeden Moment daran zu ersticken. Reita spürte auch, wie Ruki sich immer mehr an seinem Rücken festkrallte, wie sein Körper immer mehr zu beben begann. 

Und viel lieber hätte Reita gesagt “Alles wird gut.”, doch war es ihm nicht möglich gewesen, diese Worte auszusprechen. Die Zeit darauf raste wie ein Zeitraffer an den Beiden vorbei und ohne, dass sie es wirklich wahrnahmen, standen sie vor Seiji, welcher völlig aufgelöst da stand.

“Wo ist Uruha?”, fragte Ruki, der Seiji sofort gepackt und gerüttelt hatte.

Dieser senkte jedoch nur seinen Kopf und seufzte dabei “Er hat zu viel Blut verloren und die Ärzte versuchen gerade, welches mit seiner Blutgruppe zu besorgen.”.

 

 

Es brachte Reita, sowohl Ruki einen entsetzten Gesichtsausdruck und ließ den Beiden  kalte Schauder über den Rücken laufen, als sie diese Worte hörten. Jene Worte, die so grausam erschienen, dass man sie gar nicht wahrhaben wollte.

“Wenn es die Ärzte nicht schaffen, dann wird er sterben!”, schrie Ruki darauf regelrecht los und fiel auf die Knie. Er wirkte wie ein verstörter kleiner Junge, als er dann das Gesicht in seinen Händen vergrub. Niemand ahnte, welches Chaos in ihm herrschte. Niemand ahnte, was er wirklich fühlte.

Für Ruki war Uruha nicht nur in guter Freund geworden, sondern war für diesen wie ein großer Bruder, den Ruki viel zu früh verloren hatte. 

“Entschuldigt, dass ich euch unterbreche. Aber, welche Blutgruppe wird gesucht?”, machte sich darauf eine unbekannte Männerstimme hinter Reita und Ruki bemerkbar, welche Ruki schlagartig die Hände aus dem Gesicht nehmen und einen Blick nach hinten werfen ließ. Er war gezwungen, aufzustehen und blickte schließlich in das Gesicht eines jungen Mannes. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, ein Mädchen würde vor Reita und Ruki stehen. Seine Gestalt war beinahe schon zu zierlich, als das man sie für die eines Mannes halten konnte.

“Er hat Blutgruppe null.”, seufzte Ruki und wischte sich verzweifelt die Tränen aus dem Gesicht.

“Da habt ihr noch mal Glück gehabt, Yune hat auch Blutgruppe null.”, ertönte die Stimme eines weiteren jungen Mannes, der nun ebenfalls vor Reita und Ruki stand. Er grinste unverschämt frech und entblößte dabei die kleine Zahnlücke seiner beiden Vorderzähne.

“Dann kommst du jetzt mit mir.”, mischte sich darauf Seiji wieder ein und zerrte den jungen Mann, welcher mit den Namen Yune angesprochen wurde,  hinter sich her.

“Danke.”, seufzte Ruki und wischte sich von neuem die Tränen aus dem Gesicht.

“Das war bloß Zufall. Wir haben euer Gespräch belauscht und mitbekommen, wie ernst die Lage zu sein scheint. Außerdem sind mir eure Gesichter nicht ganz unbekannt.”, waren darauf die Worte des jungen Mannes, welcher sich anschließend als Aoi vorgestellt hatte. “Ihr seid Jungs von Karte Zyanose, nicht wahr?”, fragte Aoi darauf und sah abwartend in die Gesichter von Ruki und Reita.

Reita nickte lächelnd und reichte Aoi freundlich seine linke Hand. “Ja, ich bin Reita und der Kleine hier heißt Ruki.”, erklärte dieser und sah Aoi nur lächelnd nach diesen Worten abwinken.

“Ich weiß, wer ihr seid. Yune ist der kleine Bruder von eurem Sänger Kato, deswegen weiß ich so einiges über euch zwei und auch über diesen Uruha.”, meinte Aoi und bat Reita und Ruki darauf, mit nach draußen zu kommen. Wie viel Zeit darauf vergangen war, wusste niemand.

Nicht einmal Ruki, welcher kurze Zeit später am Bett von Uruha saß und schweigend seinen Blick auf diesen gerichtet hatte. Schon lange hatte er nicht mehr dieses Gefühl, dass ihm jemand so wichtig war, wie es Uruha in diesen Moment zu sein schien. Dabei suchte Ruki nur nach einer Person, die ihn so akzeptierte wie er war - eine Person, die ihn verstand.

“Hey, Uru-chan, mach doch endlich deine Augen wieder auf.”, seufzte Ruki vor sich hin, in der Hoffnung, irgendeine Reaktion von Uruha erwarten zu können.

Doch Uruha reagierte nicht auf diese Worte.  Er atmete leise und zuckte gelegentlich.

“Du hast uns allen einen großen Schrecken eingejagt, weißt du das?”, fuhr Ruki fort und ein geistesabwesendes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, während er auf die Schrammen in Uruha’s Gesicht starrte. Er wachte an diesem Tag auch nicht mehr auf, sondern schlief einfach weiter. In den Tagen, in denen er aus dem Krankenhaus entlassen wurde,  hatte man Uruha nicht zu Gesicht bekommen - nicht einmal zu den Proben. Einige Wochen sind seit dem bereits vergangen.

Irgendwo klingelte Seiji’s Handy, doch schien dieser es nicht sofort auffinden zu können. Es klingelte und klingelte, bis es letztendlich von Reita gefunden wurde und dieser es Seiji lächelnd in die Hände drückte. Auf dem Display erkannte man lediglich die Anzeige, welche darauf hinwies, dass jemand, ohne seine Nummer mitzuschicken, anrief. Seufzend nahm Seiji ab und hörte am anderen Ende der Leitung Tora’s aufgebrachte Stimme.

 

“Seiji? Bist du’s?”, fragte Tora und seine Stimme klang dabei so, als hätte er soeben einen Marathon hinter sich gebracht. Er hustete krampfhaft und schluckte anschließend, bis er endlich eine Antwort von Seiji bekam. “Wer soll es sonst sein? Natürlich bin ich es. Ist was passiert? Du klingst so abgehetzt.”, bemerkte Seiji sichtlich irritiert von Tora‘s abgehetzten Klang seiner Stimme und nahm darauf ein Schluchzen wahr.

Ein Schluchzen, welches gleichzeitig das Aus für Karte Zyanose bedeutete.

 

“Kato…Man hatte ihn vorgestern tot in seiner Wohnung aufgefunden.”, seufzte Tora nun ins Telefon und brachte Seiji dazu, dass Handy aus seinen Händen gleiten zu lassen. Er wurde mit einem Mal zunehmend blasser im Gesicht und begann, etwas vor sich hinzumurmeln. Doch niemand verstand seine Worte, sondern starrte ihm nur fragend ins Gesicht.

“Seiji? Was ist passiert?”, fragte Reita sofort und rüttelte Seiji vorsichtig. Dieser fuhr erschrocken zusammen und starrte sofort auf sein Handy, welches nun kaputt auf dem Boden lag. Daraufhin hatte Seiji Reita an den Oberamen gepackt und ihn dabei angesehen, als würde er jeden Moment den Verstand verlieren. Sein Blick war so steif und entsetzt, dass es Reita kalte Schauder über den Rücken laufen und zusammenfahren ließ.

“Kato…Kato ist tot…”, seufzte Seiji nun an Reita’s Brust, während Ruki erschrocken die buchefarbenen Sticks aus seinen Händen gleiten ließ und diese darauf mit einem eigenartig matten Ton auf den Boden fielen.

“Das’n Witz, oder, Seiji??”, fragte Ruki skeptisch und kroch hinter seinen Drums hervor.

“Das ist ein Witz, ja? Sag mir, dass es nur ein dummer Witz ist!”, forderte er dann regelrecht und sah nur, wie Reita seinen Kopf schüttelte, als wollte er Ruki’s Frage damit beantworten.

Es war ein harter Schlag für alle - für Seiji, für Reita, für Ruki und vor allem für Yune. Denn Kato war Yune’s älterer Bruder. Nun spürte auch er, wie es sich anfühlte, wenn man etwas Wichtiges in seinem Leben verloren hatte. Doch es war um einiges schlimmer und grausamer.

Aber Ruki schien in diesem Moment der einzige zu sein, der nur ansatzweise wusste, was Yune empfand, als dieser plötzlich im Proberaum von Karte Zyanose stand und entsetzt in die Gesichter, von Reita und Ruki starrte. “Kato ist tot…”, seufzte er nur, bevor er sein Gesicht in den Händen vergrub und auf die Knie rutschte. “Er ist tot…er ist tot…”, wimmerte er darauf immer wieder und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen, als plötzlich jemand tröstend seine Hände auf Yune’s Schultern legte. Als Yune die Hände aus seinem Gesicht nahm, blickte er in Ruki’s trauriges, dennoch sanft lächelndes Gesicht. Doch in Yune erweckte es nur das Gefühl, jeden Augenblick den Verstand zu verlieren. Er stand auf und rannte einfach davon, rempelte Aoi an, als dieser ihm entgegenkam. Dabei war Aoi Yune hinterhergelaufen, hatte diesen aber aus den Augen verloren und stand nun hier, blickte verwirrt in die traurigen, gleichzeitig fassungslosen Gesichter der anderen drei.

“Er war also schon bei euch, nicht wahr? Ich wollte ihn daran hindern, aber er ließ sich nicht aufhalten.”, versuchte Aoi schüchtern lächelnd zu erklären und Ruki, der unmittelbar vor ihm stand, nickte ihm bloß zu. “Ich kann ihn verstehen.”, meinte dieser dann und stürmte an Aoi vorbei, um Yune zu folgen. Er rannte ihm nach, als wollte er ihn verfolgen und obwohl Ruki Yune nicht wirklich kannte, so hatte er das Gefühl, dass er wirklich der Einzige war, der diesen Schmerz, den Yune zu spüren bekam, nachempfinden konnte - auch wenn es auf einer anderen Art und Weise war.

Ruki war Yune letztendlich zum Strand gefolgt und versuchte verzweifelt, diesen zum Stehen zu bringen, bis beide vor aus dem Meer herausragende Steine, welche lediglich vor Überschwemmungen schützen sollten, standen und hastig nach Atem rangen.

“Wieso rennst du mir nach? Was willst du von mir?”, fragte Yune hastig atmend und ohne sich dabei zu Ruki umzudrehen. Dieser lächelte in sich hinein und begann, auf die Steine zu klettern, auf denen er dann stehen blieb und auf Yune herabsah. 

“Weil ich weiß, wie du dich fühlen musst.”, meinte er und streckte seine rechte Hand nach Yune aus, um diesen beim Betreten der Steine zu helfen, auf welchen sich beide anschließend niederließen und auf das blaue, endlose Meer starrten.

“Weil du weißt, wie ich mich fühlen muss? Ich brauche kein Mitleid und schon gar nicht von jemandem, den ich so gut wie überhaupt nicht kenne.”, zischte Yune darauf und fuhr sich mit beiden Händen durch sein dunkelbraunes, schulterlanges Haar.

Ruki lachte auf, während er seinen Kopf schüttelte. “Du verstehst mich nicht.”, meinte er dann und sah in Yune’s rot geweinte Augen. Sie zeigten nicht mehr das fröhliche Lächeln, wie es zu sehen war, als Ruki Yune im Krankenhaus begegnet war. “Vielleicht klingt das, was ich jetzt sage, blöd, aber ich weiß, dass es dich zunehmend quält, wenn du an Kato’s Tod denkst. Du wirst daran kaputt gehen, verstehst du? Ich habe auch meinen Bruder verloren, aber auf eine andere Art und Weise. Doch es schmerzte ähnlich, als wäre er gestorben.”, versuchte Ruki zu erklären und brachte Yune nur ein skeptisches Lächeln auf die Lippen, welches aber rasch wieder verblasste. Darauf vergrub Yune nur von neuem das blasse Gesicht in seine Hände und begann plötzlich von selbst, Ruki alles von seinem Bruder Kato zu erzählen. Und Ruki merkte, dass Kato mehr als nur ein großer Bruder für Yune war. Aber Ruki war nicht in der Lage, ähnliches von seinem Bruder behaupten zu können. Er hatte ihn selten zu Gesicht bekommen und eigentlich hatte es Ruki bis langen immer ausgereicht, wenn Wataru da war.

Ja, seine bloße Existenz und Nähe waren ihm ausreichend und nicht das, was er tat oder wie er es tat. Und dennoch schien mit einem Mal ein unsichtbares Band zu existieren, welches Ruki mit Yune verband…

Irgendwann war der Tag, an dem die Jungs von Karte Zyanose Abschied von Kato nehmen wollten.

Jedoch schien immer noch unklar zu sein, warum Kato sterben musste und vielleicht durfte es auch niemand erfahren, aus Angst, dass es die Jungs noch mehr quälen würde.

“Ist Ihr Sohn da´”, fragte Reita schüchtern lächelnd, als er zusammen mit Ruki vor der Haustür von Uruha stand, um diesen abzuholen, damit sie mit ihm gemeinsam Kato’s Beerdigung besuchen konnten.  Uruha’s Mutter nickte schweigend und verschloss darauf die Tür vor der Nase beider Jungs.

Man hörte sie darauf nur, wie sie laut nach Uruha schrie, welcher ihr im genervten Ton antwortete, als er schlurfend den Flur betrat.

“Kouyou, ich möchte nicht, dass du da hingehst.”, sagte Uruha’s Mutter sofort, während sie ihre Arme verschränkte und in das verwirrte Gesicht ihres Sohnes blickte.

Dabei schien sie völlig zu vergessen, dass Reita und Ruki außerhalb dieser vier Wände all das, was sie in ihrem lauten Ton von sich gab,  mitbekamen.

“Wohin denn? Meinst du Kato’s Beerdigung?”, fragte Uruha darauf verwirrt seine Mutter, welche ihm nur mit ernster Miene zugenickt hatte und seufzte.

“Was hast du denn davon? Du tust dir doch nur selbst weh, Schatz. Außerdem wäre es sinnvoller, wenn du deiner Großmutter im Laden hilfst. Sie fragt ständig nach dir.”, erklärte sie darauf und brachte Uruha lediglich dazu, lächelnd seinen Kopf zu schütteln. Nein, das wollte er sich von seiner Mutter nicht verbieten lassen. Nicht so und auf diese Art und Weise.

“Mama, ich werde zu Kato’s Beerdigung gehen. Du kannst es mir nicht verbieten.”, erwiderte Uruha und wollte soeben wieder in seinem Zimmer verschwinden, wenn seine Mutter ihn nicht grob an beiden Oberarmen festgehalten und wütend dabei angesehen hätte.

“Und ob ich es dir verbieten kann, Kouyou! Solange du deine Beine unter meinen Tisch steckst, tust du das, was man dir sagt und nicht anders! Und ich sage dir, du wirst nicht auf diese Beerdigung gehen!”, drohte Uruha’s Mutter nun regelrecht ihren Sohn und schien diesen mit ihren Worten in den Boden trampeln zu wollen. “Ich erkenne dich gar nicht wieder, Kouyou. Seit du mit der Musik angefangen und diese Jungs kennen gelernt hast, bist du zu einem völlig anderen Menschen geworden. Das ist kein richtiger Umgang für dich! Ich kann nicht verstehen, wie dein Vater das zulassen konnte.”, fuhr Uruha’s Mutter fort und blickte in die weit aufgerissenen Augen von ihres Sohnes.

“Die Jungs sind völlig in Ordnung, also hör auf, schlecht über sie zu denken!”, fuhr Uruha seine Mutter an, von welcher er sich losriss und er unverstanden seinen Kopf schüttelte.

“Von wegen, sieh sie dir doch mal genau an, Kouyou! Oder willst du mir wirklich weiß machen, dass du diese Menschen als deine Freunde bezeichnen willst, die es letztendlich geschafft haben, dich ins Krankenhaus zu befördern?”, fragte seine Mutter nun aufgebrachter als zuvor und sah Uruha nur dabei zu, wie dieser erneut seinen Kopf schüttelte und anschließend in seinem Zimmer verschwand.

“Kouyou, sieh es doch ein! Willst du wie Kato enden? Willst du das wirklich?”, reagierte Uruha’s Mutter darauf regelrecht hysterisch, als diese mit beiden Fäusten gegen die verschlossene Zimmertür ihres Sohnes schlug. Doch Uruha schien die Worte seiner aufgebrachten Mutter nicht zu hören, sondern stopfte hastig einige Klamotten in eine schwarze Reisetasche und zog sich anschließend einen schwarzen Anzug an, mit welchem er auch sein Zimmer verließ. “Was hast du vor?”, fragte seine Mutter sofort, als sie erschrocken  ihren Blick auf die Reisetasche in Uruha’s rechter Hand richtete.

“Kouyou, was hast du vor?”, fragte sie nochmals und versuchte verzweifelt, ihren Sohn davon abzuhalten, die Haustür zu öffnen.

“Ich werde erst wiederkommen, wenn du dich beruhigt und deine Meinung über meine Freunde geändert hast.”, fuhr Uruha seine Mutter an und wollte diese zur Seite schieben, wenn diese ihm nicht plötzlich eine Ohrfeige verpasst hätte.

“Ich will nicht mehr, dass du dich in die Hände von solchen Nichtsnutzen begibst. Ich will, dass du die Musik aufgibst und weiter im Laden deiner Großmutter arbeitest.”, forderte sie darauf mit tränenerstickter Stimme und riss Uruha die Reisetasche aus den Händen, welche sie anschließend in die Ecke warf. “Ich will das nicht mehr und jetzt geh wieder in dein Zimmer. Sofort!”, fuhr sie fort und zerrte Uruha von der Haustür, welche sich in diesen Moment öffnete und Ruki plötzlich hereinplatzte.

“Das dürfen Sie nicht tun!”, sagte Ruki und blickte in das erschrockene Gesicht der Frau, welche verzweifelt versuchte, ihren Sohn davon abzuhalten, etwas zu tun, was sie nicht wollte.

“Was mischst du dich denn ein?”, fragte Uruha’s Mutter und richtete ihren Blick  abwertend auf Ruki herab. “Wieso mischst gerade du dich hier ein? Hast du nicht selbst genug Probleme mit deinen Eltern? Ich weiß mehr über dich, als dir lieb ist.”, fuhr Uruha’s Mutter fort und blickte in Ruki’s erschrockenes Gesicht, welches plötzlich rot anlief und Ruki seinen Kopf  rasch senkte.

“Mama, hör auf damit. “, versuchte Uruha dazwischen zu gehen, doch schien seine Mutter seine Worte nicht hören zu wollen, trotz, dass Uruha nervös an den Ärmeln der Frau zerrte, welche  soeben angefangen hatte , Ruki in Grund und Boden zu trampeln.

“Wie sieht’s aus, soll ich auspacken, Taka-chan?”, fragte Uruha’s Mutter darauf und trug dabei ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen.

 

“Vielleicht begreift mein Sohn dann endlich, dass er den falschen Umgang hat.”, fuhr sie fort und spürte, dass Uruha zunehmend nervöser an ihren Ärmeln zerrte.

“Mama, hör endlich auf damit!”, wurde dieser nun auch ungeduldiger und entfernte sich letztendlich von seiner Mutter, welche ihm nur einen genervten Blick zuwarf und als wollte sie damit sagen “Hör auf mich ständig zu unterbrechen.”.

“Ich lasse mir meine Freunde von dir nicht verbieten, kapier’s endlich!”, zischte Uruha, als er dann einige Meter entfernt vor seiner Mutter stand. 

“Ich lasse mir überhaupt nichts mehr von dir verbieten, weil du einfach nichts kapierst!”, fuhr er dann fort und sah seine Mutter nur kopfschüttelnd lächeln. “Dann verschwinde doch, Kouyou. Verschwinde aus meinen Augen.”, sagte sie dann und verschwand, nachdem sie Uruha die schwarze Reisetasche vor die Füße geworfen hatte, türknallend im Haus. Für sie war dieses Kapitel abgeschlossen, für Uruha jedoch hatte es in diesen Moment erst begonnen. Er war verwirrt und sichtlich verärgert über die Worte seiner Mutter. Darauf  hatte Uruha sich ununterbrochen bei Ruki  entschuldigt, doch dieser versicherte Uruha, das alles in Ordnung wäre und das Uruha sich keinen Kopf um ihn machen müsste und das sie sich doch lieber beeilen sollten, denn Kato’s Beerdigung würde sicher bald beginnen.

“Yune, wir sind da.”, ertönte Aoi’s Stimme neben Yune, welcher erschrocken zusammenfuhr und darauf in Aoi’s sanft lächelndes Gesicht blickte. Yune nickte zögernd und immer noch geistesabwesend, bevor er aus dem Auto stieg. Sein Blick viel sofort auf die Menge schwarzgekleideter Menschen, die das Friedhoftor passierten. Einige von ihnen schluchzten laut, andere schwiegen einfach nur. Yune machte dieser Anblick sichtlich nervös und es wurde auch sofort von Aoi bemerkt, welcher Yune einen weißen Rosenstrauß in die Hände drückte und ihn bloß wieder anlächelte.

“Lass uns gehen, die anderen erscheinen sicher auch bald.”, meinte Aoi dann und zog Yune hinter sich her in die Menge. Viele Leute, die darauf die Kirche betraten, kannte Yune gar nicht und umso nervöser wurde er, als es plötzlich mit regnen begonnen hatte.

“Komm schon, oder willst du im Regen stehen bleiben?”, fragte Aoi irritiert, als dieser beobachtete, wie Yune einfach im Regen stehen geblieben war und sein blasses Gesicht in den grauen Himmel richtete.

In der Kirche ertönte bereits der Chor, welcher Kato’s geschriebenes Lied, welches den Titel “Listen to the Rain” trug und welches man ihm heute gewidmet hatte, sang. Yune lauschte schweigend dem Regen und den sanften Gesängen zu, welche ihm die Tränen in die Augen trieben und leise schluchzen ließen. Jegliche Erinnerungen an Kato flossen mit jedem einzelnen Regentropfen an ihm herab und umso größer schien der Schmerz, der in seinem Herzen tobte, werden zu wollen. Es ließ Yune zusammenfahren und immer lauter schluchzen. Aoi schien er gar nicht wahrnehmen zu wollen, als er sagte, er solle doch mit reinkommen.

 

“Kazuya, komm mit rein.”, ertönte eine sanfte Frauenstimme, welche Yune schlagartig aus den Gedanken riss. Er blickte in das gequält lächelnde Gesicht seiner Mutter, welche ihm die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, während sein Vater ihm nur auf die rechte Schulter klopfte und seinen Sohn anschließend den Rücken kehrte. “Mein herzliches Beileid.”, machte Aoi sich darauf schüchtern lächelnd bemerkbar, bevor er sich vor Yune’s Eltern verbeugt und diese ihm nur zustimmend zugenickt hatten, bis sie anschließend in der Kirche verschwunden waren. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis endlich auch Ruki, Reita und Uruha vor der Kirche standen und Yune ihr Beileid aussprachen, welchem er nur zustimmend zunickte, bevor auch er sich endlich dazu entschlossen hatte, die Kirche zu betreten. Nach wenigen Minuten verstummte auch der Chor und das Grollen des Donners schien das Schweigen in der Kirche brechen zu wollen.

Darauf ertönte das Räuspern des Pfarrers, welcher von seinem Altar aus zu den Gästen sprach.

“Wir sind heute zusammengekommen, um den viel zu jung verstorbenen Kato Aoki in die Hand Gottes zu geben…”, ertönte darauf die raue Stimme des alten Mannes, welcher prüfend seinen Blick auf alle Anwesenden sinken ließ und sich nochmals räusperte. “Wir wollen ihn preisen und alle Ehre aussprechen, die er verdient hat.”, fuhr dieser anschließend fort. In Yune machte sich bei diesen Worten ein Gefühl breit, welches sich ähnlich anfühlte, als würde sein Herz jeden Moment zerreißen.

Für Yune und alle anderen, die Kato in irgendeiner Hinsicht nahe standen, war alles wie ein grausamer Film, welcher immer noch kein Ende kannte. Warum konnte dieser nicht endlich vorbei sein? Warum gab es kein Ende, welches man im Endeffekt mit einem Lächeln betrachten konnte?

Viel zu sehr klammerte Yune in diesen Moment an diesen Wunsch, dass ihm bereits von neuem unaufhaltsam Tränen über die Wangen rollten und ihm vom Kinn herabtroften ließ, während er den Bund weißer Rosen fest in seine Hände drückte. Er spürte nur den leicht stechenden Schmerz der Dornen, welche sich versuchten in seine blasse Haut zu bohren, bis letztendlich Blut hervorquoll.

Aoi, welcher neben ihm saß und Yune’s Treiben beobachtet hatte, reichte diesem mit den Worten “Deine Hände bluten”, ein weißes Stofftaschentuch. Yune nickte nur schweigen und lauschte darauf den weiteren Worten des Pfarrers, welche mit dem Satz “Und nun lasset uns seinen Leib mit Erde besiegeln.”  beendete. Darauf herrschte ein reges Treiben durch Matsch, Regen und Donner, gefolgt vom Chor, welcher nochmals Kato’s Lied sang.  Bald würde alles vorbei sein - ja, das dachte Yune, aber auch alle anderen, die die Sargträger dabei beobachteten, wie diese Kato’s schweren Eichensarg in die Vertiefung sinken ließen.  “Kazuya, Schatz…”, wimmerte Yune’s Mutter und riss ihren Sohn, welcher genauso fassungslos in die Vertiefung starrte, wie sie, an sich heran und erstickte ihr Schluchzen in Yune’s rechter Schulter. Und dieses schmerzende Gefühl in seiner Brust steckte ihm wie ein Kloß im Hals und hinderte ihn daran , atmen zu können. Seine Lippen zitterten, fühlten sich in diesem Moment jedoch unglaublich trocken an. Yune fühlte sich beobachtet, wurde plötzlich nervös und zitterte, während der Regen erbarmungslos auf ihn niederprasselte. Er schrie. Er schrie laut den Namen seines Bruder, sodass dieser mit einem lauten Echo widerhallte.

“Kato…”, schluchzte Yune dann und riss jegliche Blicke auf sich.

“Alles in Ordnung?”, fragte Aoi, welcher die ganze Zeit über in seiner Nähe war und blickte abwartend in Yune’s Gesicht. Dieser schüttelte jedoch nur seinen Kopf und ließ immer und immer wieder den Namen seines Bruders über die Lippen huschen, ohne, das es  jemand wirklich zu hören schien. Sein Blick war von Trauer und Schmerz zerfressen, dass man Yune viel lieber in die Arme genommen und davor beschützt hätte.

Doch es war die grausame Realität, die alles unmöglich werden ließ.

Es war Realität, als man begonnen hatte, die weißen Rosen in die Vertiefung zu werfen.

Es war Realität, als der Pfarrer seine letzten Worte sprach, bevor er dann verschwunden war.

Und es war auch Realität, als Yune vor der Vertiefung stand und in diese hineinstarrte, als würde er in einen tiefen Abgrund blicken.

“Hey, deine Rosen!”, machte sich darauf Ruki neben Yune bemerkbar und ließ diesen erschrocken zusammenfahren. Yune fiel plötzlich auf die Knie und starrte von neuem in die Vertiefung, in welche er eine weiße Rose nach der anderen warf. Die letzte weiße Rose in seiner Hand starrte Yune an, als käme diese nicht von dieser Welt. Er lächelte bevor er sie samt blutigem Taschentuch in die Vertiefung warf und sie auf dem kleinen Haufen aus weißen Rosen gemischt mit Dreck  landete.

“Er hat…Kato hat Selbstmord begangen, weil er von den Drogen nicht wegkam.”, ertönte darauf Uruha’s Stimme, welche völlig neu in Yune’s Ohren klang und diesen erschrocken in Uruha’s Gesicht blicken ließ.  “Was?”, ertönte es darauf krächzend aus Yune’s Mund und ließ seinen Gesichtsausdruck vor Entsetzen fast schon starr erscheinen.

“Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber dein Bruder war drogenabhängig und das schon sehr lange.”, erklärte Uruha mit einem sanften, dennoch von gleicher Trauer zerfressenem Lächeln.

“Uruha, woher wusstest du das?”, fragte Reita, welcher hinter Uruha stand und blickte diesem darauf erschrocken in das beinahe schon zu feminingehaltene Gesicht.

“Ich kenne Kato noch bevor an Karte Zyanose überhaupt gedacht wurde , weshalb ich auch eine Menge über ihn wusste. Es ist hart, wenn man so etwas zu erfahren bekommt und es tut auch verdammt weh. Aber letztendlich hat sich Kato mit seinem Tod nur selbst einen Gefallen getan.”, antwortete Uruha schließlich und spürte darauf, wie Yune an dessen Ärmeln zerrte und ihn immer wieder anschrie, er solle doch seinen Mund halten.

“Das hätte Kato niemals getan! Niemals!”, schluchzte Yune dann leise vor sich hin, ohne, dass er jemanden dabei ansah. Dabei war allen klar, dass Yune nie von so etwas hören wollte. Er hatte immer viel von seinem Bruder gehalten, bis zu jenem Tag, an dem Yune Kato das letzte Mal gesehen hatte.

Nein, er würde diese Wahrheit nie akzeptieren und er wollte es auch nicht, nicht jetzt.

“Das ist alles gelogen! Kato…das hat er nie getan!”, schluchzte Yune von neuem und schlug dabei immer und immer wieder gegen Uruha’s Brust, wurde dabei immer lauter und energischer.

“Ich versteh deine Situation, wir alle tun das. Aber irgendwann musst du die Wahrheit akzeptieren, auch wenn sie noch so grausam ist.”, versuchte Uruha darauf ruhig zu erklären, doch schien jedes ausgesprochene Wort von ihm, in Yune alles schlimmer zu machen.

“Jungs, wer ist dieser Typ? Er sollte lieber aufhören, Yune zu reizen.”, machte sich daraufhin Aoi im Flüsterton bei Reita und Ruki bemerkbar. Sie verstanden in diesen Moment nicht wirklich, was er damit meinte und ignorierten seine Worte bis zu jenem Augenblick, in welchem Yune Uruha angeschrieen hatte und anschließend einfach davon gerannt war.

Man konnte in Uruha’s Blick deutlich die Verwirrung erkennen, genau wie den Schrecken über Yune’s Worte “Du bist daran Schuld, das Kato jetzt tot ist!”. Nein, dass konnte unmöglich Yune’s Ernst gewesen sein - das dachte auch Uruha, als er diese Tatsache mit einem beinahe schon verlegenen Lächeln gegenüber Aoi  betrachtete, während Ruki Yune einfach gefolgt war.

“Lasst mich einfach alle in Ruhe!”, schrie Yune jeden an, der ihn daran hindern wollte, seinen Weg fortführen zu können. Dabei wusste Yune nicht einmal, wohin er eigentlich wollte. Er rannte planlos durch die Straßen und dem Regen, welcher mit einem Schlag immer heftiger zu werden schien.

Und Ruki rannte diesem völlig in sich zusammengebrochenen Menschen einfach nach, ohne Ahnung, was er anschließend zu ihm sagen sollte. Yune selbst wusste nicht einmal, wovor er eigentlich wegrannte. Vor der Wahrheit? Vor sich selbst? Oder vor den Gefühlen, die er in sich trug?

Letztendlich blieb Yune auf dem Gehweg einer Seitenstraße stehen und beobachtete stillschweigend die fahrenden Autos, die Fußgänger, welche Yune nur mit irritierten Blicken anstarrten.

“Yune…”, ertönte darauf Ruki’s außer Atem geratene Stimme, welche Yune zusammenzucken und umdrehen ließ. Er blickte unverstanden auf Ruki, welcher nur hastig nach Atem rang.

“Lasst mich in Ruhe.”, seufzte Yune nur. “Lasst mich alle in Ruhe…”.

Ruki lächelte darauf und dieses Lächeln schien in Yune eine Welt verändert zu haben. Auch wenn die Tage darauf hart und grausam für ihn waren, so wusste er, dass es in seinem Leben doch noch Menschen gab, die für ihn da waren. Für ihn zählte es nicht, wer sie waren oder wie sie aussahen. Es waren Menschen, die ihm das Gefühl gaben, nicht allein auf dieser Welt zu sein, die so grausam zu ihm war. Jene Welt, die ihm etwas genommen und gleichzeitig etwas wiedergegeben hatte.

 

“Uru, musst du hier immer halbnackt in der Gegend herumlaufen? Was sollen meine Eltern von dir denken, wenn sie dich so sehen?”, fragte Ruki seufzend von seinem Bett aus, als er Uruha, welcher nur mit einem dunkelblauen Handtuch um die Hüften bekleidet in Ruki’s Zimmer schlurfte und dabei laut gähnte. Uruha hatte sich seit der Beerdigung von Kato bei Ruki, mit dem Einverständnis seiner Eltern, niedergelassen  und dieser Tapetenwechsel schien dem damals Zwanzigjährigen gut zu tun.

Uruha lächelte. “Komm schon, Ruki. Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Nach einer Woche müsstest du dich aber daran gewöhnt haben. Dem Kleinen hier scheint es nicht zu stören. Außerdem schlafen wir in einem Bett, vergiss das nicht.”, sagte dieser dann und steuerte auf Sabu-chan, welcher ihn nur schwanzwedelnd von seinem Körbchen aus  mit seinen großen Augen ansah und winselte. Ruki erwiderte nichts auf Uruha’s Worte, sondern kehrte ihm den Rücken zu. Er war auf einmal so müde und gleichzeitig viel zu wach, um einfach so einschlafen zu können. Er machte sich zu viele Gedanken, stellte sich zu viele Fragen und dennoch schien er keinen Ausweg für all das finden zu können. Dabei wollte Ruki nur wissen, wie es nun weitergehen und was seine Zukunft bringen würde.

Mehr wollte er in diesem Moment einfach nicht.

“Alles in Ordnung?”, ertönte darauf Uruha’s Stimme wenig später und riss Ruki aus seinen Gedanken. Er belächelte diese Tatsache und drehte sich anschließend wieder auf seinen Rücken.

Ein Klopfen an der Tür ertönte und Ruki’s Mutter stand darauf mit einem schön garnierten Teller voller Reiskuchen im Zimmer ihres Sohnes und lächelte freundlich.

“Jungs, ich habe euch eine Kleinigkeit zu essen gemacht.”, sagte sie, als sie den Teller auf Ruki’s Schreibtisch stellte und anschließend wieder aus dem Zimmer verschwand.

“Deine Mutter ist sehr hübsch und du siehst ihr auch sehr ähnlich.”, meinte Uruha, während dieser beobachtete, wie Ruki vom Bett kroch und mit dem Teller zum Bett zurückkam. Allerdings verwunderte ihn diese Spuren, welche deutlich auf Ruki’s nackten Rücken zu sehen waren.

Er war irritiert und war sich auch nicht zu schade, Ruki einfach danach zu fragen, denn schließlich erzählten sie sich alles und es war immer egal, von was es handelte.

“Sag mal…”, begann Uruha und blickte in Ruki’s Gesicht, während dieser bereits an einem der Reisbällchen knabberte. Noch ahnte er nicht, was sich für Fragen in Uruha’s Kopf gebildet hatten. Fragen, die Ruki vielleicht nicht einmal beantworten wollte.

“…was ist das auf deinem Rücken? Ich meine, es sieht nicht normal aus.”, fuhr Uruha daraufhin fort, worauf Ruki sich an seinem Reisbällchen verschluckte und sofort rot anlief.  Es war ein amüsanter Anblick, welcher Uruha jedoch nicht lächeln ließ. Sein Blick hatte sich schlagartig verfinstert und ließ Ruki kalte Schauder über den Rücken laufen, welche ihn schließlich zum Zusammenfahren brachten.

Er war darauf aufgestanden und widmete sich seinem schwarzlackierten Holzschrank zu, aus welchem er ein schwarzes T-Shirt holte und es sich überzog, bevor er schweigend und mit gesenktem Kopf zu seinem Bett zurückkam. Er ließ sich mit dem Rücken zu Uruha gekehrt darauf nieder und sein Schweigen, schien Uruha in den Wahnsinn treiben zu wollen. In Ruki erweckte es ein eigenartiges Gefühl, als er spürte, wie Uruha ihm prompt das T-Shirt hochgezogen und mit den Worten “Denk nicht, ich wäre schwul.” mit seiner rechten Hand über Ruki’s Rücken strich. Ruki hingegen erwiderte nichts darauf, sondern zuckte erschrocken zusammen und zog rasch sein T-Shirt nach unten. Ein fast schon unsanfter Druck machte sich darauf aus seinen Schultern bemerkbar und er spürte deutlich Uruha’s angenehme Nähe, welche ihm das Gefühl gab, jemanden zu haben, der immer für ihn da sein würde. “Hat man dich geschlagen?”, bohrte Uruha darauf weiter und doch schien es eine Antwort von Ruki  auf seine Frage nicht zu geben. Er schwieg nur wieder mit weiterhin gesenktem Kopf. “Hast du nicht selbst einmal zu mir gesagt, wir würden einander vertrauen können? Ich konnte dir bislangem immer alles erzählen, warum verschweigst dann ausgerechnet du mir so viele Dinge?”, fragte Uruha beinahe schon flüsternd und ließ sich neben Ruki nieder. Er sah, wie dieser das Gesicht in seinen Händen vergraben hatte, während es von einigen seiner blonden Haare verdeckt wurde. Und Uruha wurde bewusst, dass es Dinge gab, die Ruki selbst ihm nie erzählen konnte, oder es wollte. Innerlich verletzte es Uruha, denn er hatte nie Scheu davor, Ruki all das zu erzählen, was ihn quälte, verärgerte und traurig machte. Es fing bei Kleinigkeiten wie Liebeskummer an und endete mit Dingen wie den heftigen Streitereien mit seiner Mutter, die immer häufiger vorkamen und immer schlimmer wurden. 

“Ich weiß es nicht.”, seufzte Ruki darauf bloß und schüttelte seinen Kopf. Uruha wusste nicht, wovor Ruki Angst hatte und doch spürte dieser innerlich, dass es etwas zu geben schien, was Ruki daran hinderte, es auszusprechen. Ihm all das zu sagen, was er in jenem Augenblick dachte und was er in jenem Augenblick fühlte.

“Du weißt es nicht?”, Uruha blickte Ruki unverstanden an und begann darauf, diesen leicht zu rütteln. “Du weißt es nicht?”, wurde er dann auch schon ungeduldiger.

War es denn wirklich so schlimm, alles über einen Menschen erfahren zu wollen, von dem man nicht einmal wusste, dass dieser in der Zukunft einem näher stand, als man es ahnen konnte?

 

 

Uruha schüttelte immer wieder unverstanden seinen Kopf und richtete sich anschließend vom Bett auf. Nervös lief er in Ruki’s Zimmer hin und her, raufte sich das dunkelbraungefärbte Haar und murmelte dabei etwas vor sich hin, was jedoch niemand hätte verstehen können, nicht einmal Ruki. Er hatte seinen Kopf gehoben und fragend in Uruha’s Richtung geblickt. Er verstand in diesem Moment nicht, weshalb Uruha sich Gedanken um ihn machte. Warum er beinahe schon aufgebracht darüber reagierte, weil Ruki ihm nicht auf seine Frage antwortete.

Vieles verstand der Neunzehnjährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht und es war auch noch nicht klar, ob er es in ferner Zukunft verstehen würde. Ja, Ruki dachte in der darauf folgenden Zeit viel an die Zukunft und nicht nur, weil er Uruha, Reita, Yune, Aoi und all die anderen plötzlich aus den Augen verloren hatte. Eines war jedoch klar, Karte Zyanose gab es nicht mehr und mittlerweile war es Herbst. Einmal mehr drückte Ruki gelangweilt die Schulbank und starrte dabei aus den Fenster zum Schulhof hinunter, auf welchem sich spielende Kleinkinder tummelten. Die Welt, in welcher er in jener Zeit gelebt hatte, existierte nur noch in zerbrochenen Erinnerungen, welche langsam aber sicher verblassten. Ein leichter Schmerz durchfuhr dabei seine Brust und ließ ihn zusammenzucken. Die raue Stimme seines Lehrers ertönte mit der Aufforderung, den Text, der in dem aufgeschlagenen Buch vor seinen Augen stand, vom Japanischen ins Englische zu übersetzten. Doch Ruki sah den Mann, welcher abwartend mit den Händen in die Hüften gestützt hinter seinem Lehrerpult stand, nur schweigend an, als würde er nicht wirklich verstehen, was er von ihm wollte.

“Was?”, kam es darauf nur über Ruki’s Lippen und wurde anschließend von seinem Lehrer vor die Tür geschickt. Aus all dem schien Ruki sich jedoch nichts zu machen. Er lief mit gesenktem Kopf  durch den langen Schulflur, sah gelegentlich aus dem Fenster und summte dabei eine Melodie, welche ihm fremd und gleichzeitig doch so vertraut vorkam. Doch wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als er plötzlich einen harten Aufprall spürte, welcher ihn erschrocken in das Gesicht eines Mädchens  blicken ließ.

“Entschuldigung. Ich hatte es eilig. Ich hoffe, du hast dir nicht wehgetan?”, fragte sie und half Ruki beim Aufstehen. Ruki selbst spürte, wie sein Gesicht rot anlief und er rasch seinen Kopf senkte. Das Mädchen welches kichernd vor ihm stand, hatte prompt sein gerötetes Gesicht zwischen die Hände genommen  und ihn angesehen.

“Du musst nicht rot werden. Es war bloß eine ganz normale Frage.”, meinte sie und brachte Ruki ein schüchternes Lächeln auf die Lippen. Es war schon eine ganze Weile her, dass Ruki in ein Mädchen verliebt war und auch sonst war der Kontakt mit ihnen, bis auf gelegentliche Bettgeschichten, gering. Selbst seine Mutter hatte ihn bereits gefragt, ob er sich wohl doch eher zu Männern hingezogen fühle. Ruki musste bei diesen Gedanken plötzlich laut loslachen und das Mädchen, welches immer noch vor ihm stand, sah Ruki nur verwirrt dabei zu.

“Oh Gott, es tut mir leid. Nicht das du jetzt denkst, ich lache dich aus.”, bemerkte Ruki, als er sich endlich wieder beruhigt hatte und er einfach in das Gesicht des Mädchens starrte. Ja, sie war in der Tat sehr hübsch, schlank und hatte langes, schwarzbraunes Haar. Doch in Ruki erweckte es nicht das Verlangen, nackte Haut spüren zu wollen und selbst an ein solches Bedürfnis dachte Ruki schon lange nicht mehr. Nein, er hatte sich geschworen, auf die Richtige zu warten - auf das Mädchen, in das er sich unsterblich verlieben würde. Von daher sah Ruki nun weiter keinen Grund mehr, dieses Mädchen weiterhin aufzuhalten und ließ sie ihre Wege mit den Worten “Das nächste Mal bist du mir was schuldig!”  gehen. Ruki wollte im Moment auch keine Gedanken an Mädchen verschwenden. Er wollte sich selbst nicht noch mehr wehtun, er wollte anderen nicht wehtun.

Und ohne, dass Ruki irgendjemandem bescheid gesagt hatte, war er einfach vom Schulgelände verschwunden und lief nun durch den Park, welcher sich ganz in der Nähe seiner Schule befand.

Die Blätter in den Bäumen hatten sich bereits in den verschiedensten Tönen gefärbt, einige waren braun und andere goldgelb. Die Strahlen der Herbstsonne kämpften sich durch die freien Stellen in den Kronen und fielen vereinzelt auf den Boden. Es war ein friedlicher, beinahe schon zu romantischer Anblick und wieder summte Ruki dieselbe Melodie von vorhin vor sich hin, während er über das zertretene Laub  auf dem Weg schlurfte und seine Hände in die Taschen seiner schwarzen Jacke vergrub. Ein seichter Wind kam auf, welcher ihm durch die blonden Haare fuhr und in ihm plötzlich das Gefühl aufstieg, von jemandem verfolgt zu werden, welches ihn letztendlich zum Stehen brachte.

 

“Du bist ein Egoist, Ruki.”, ertönte es drauf hinter Ruki und das Geräusch, wenn jemand auf einen Ast trat, ertönte und ließ Ruki erschrocken umdrehen. Er blickte darauf in die lächelnden, fast schon unverschämt frech grinsenden Gesichter von Uruha, Reita, Aoi und Yune.

“Hat es dir Spaß gemacht, monatelang den Einzelgänger heraushängen zu lassen? Müsstest du nicht um diese Zeit auch die Schulbank drücken?”, grinste Uruha ihm entgegen, während dieser sich eine Zigarette anzündete. Ruki verstand die Welt nicht mehr und diese Verwirrung machte sich in seinem Gesicht deutlich, brachte die anderen dazu, lautstark loszulachen. Dabei dachte Ruki bis jetzt, dass man ihn einfach so sitzengelassen hatte und doch fiel ihm plötzlich ein, dass seine Mutter zu ihm öfter sagte, dass Uruha oder einer der anderen vier angerufen und nach ihm gefragt hatte. Doch Ruki ignorierte die Worte seiner Mutter und lebte weiter blind das Leben des egoistischen Einzelgängers.

“Wollen wir von vorn beginnen?”, fragte Reita darauf und blickte Ruki abwartend an. Diesem stiegen nur schlagartig Tränen in die Augen und diese Tränen rollten ihm mit einem Mal über seine Wangen. Er hinterließ den Eindruck eines kleinen, vergessenen Jungen, welcher dennoch von jemanden tröstend in die Arme genommen wurde. Man hatte diesem kleinen Jungen gezeigt und verständlich gemacht, dass es immer jemanden geben würde, der führ ihn da wäre.

“Ich hab euch vermisst!”, schluchzte Ruki los, als er sich an Uruha’s Jacke festkrallte und das Gesicht gegen dessen Brust drückte, während einer der anderen ihn tröstend auf die Schultern klopfte.

“Der soll aufhören zu heulen, sonst mache ich auch gleich mit.”, seufzte Aoi im Flüsterton und brachte Reita, welcher neben ihm stand, ein Lächeln auf die Lippen.

Und es dauerte auch nicht mehr lange, bis Aoi und Yune aus der Band Artia austraten und sich Uruha, Reita und Ruki anschlossen. Zu Beginn war es ein einfaches Zusammensein, bis man sich letztendlich am 10. März 2002 dazu entschlossen hatte, eine gemeinsame Band zu gründen. Der Name dieser Band lautete  schlicht und einfach “Gazette”. Den Sänger hatten sie auch in Ruki gefunden und Yune besetzte die Drums, während alle anderen ihren Instrumenten treu blieben.

Darauf flimmerten “Gazette” erstmals über die Fernsehbildschirme im Tokioter Stadtteil Harajuku. Der Einfluss ihrer Musik war dort besonders groß, vor allem bei den Jugendlichen.

Im Oktober unterschrieben “Gazette” einen Plattenvertrag bei dem Label Matina und veröffentlichten weitere Singles, Musikvideos und gaben ihr erstes Konzert.

Doch lange schienen die Jungs unter keinem guten Stern zu stehen, denn erste Streitereien brachten ein reges Durcheinander zwischen den Jungs. Und auch wenn diese endlich geklärt waren, so lag es letztendlich an Yune, welcher mit all dem Stress, welchen die Musik mit sich brachte, nicht zurecht kam und schließlich die Band verließ. Aber er gab den Menschen, mit denen er so viel erlebt hatte, ein Versprechen- sie würden immer Freund bleiben, egal, was geschehen würde…

Es war noch nicht all zu viel Zeit vergangen, als Yune die Band verlassen hatte. Der Januar war sehr kalt, aber statt den erwarteten Schnee gab es nur Regen. Die Straßen wurden durch den nächtlichen Frost glatt und es passierten in letzter Zeit viele Unfälle, so berichteten es jedenfalls die täglichen Nachrichten. Für die Jungs von “Gazette” schien es nach Yune’s Ausstieg das Aus zu sein, dabei war kaum ein Jahr vergangen. Die Medien zerrissen sich die Mäuler um die Jungs, welche verzweifelt auf der Suche nach einen neuen Drummer waren. Doch jeden Versuch, den sie machten, schlug fehl.

Sie fanden einfach nicht das Richtige, bis zu jenem Tag, an dem sich das Blatt wenden sollte.

 

Der Regen prasselte erbarmungslos auf den grauen Asphalt der Straße, welche soeben mit eiligen Schritten von einem jungen Mann überquert wurde.

Seine schwarzbraunen Haare klebten ihm in Strähnen in seinem blassen Gesicht und seine Kleidung klebte an seinem schmalen, fast schon dürren Körper.

Niemand sah durch den Regen diesen verzweifelten Blick, welchen er in seinem Gesicht trug.

Ein Blick gemischt mit Tränen, welche vom Regen weggewaschen wurden.

Zur gleichen Zeit befand sich Ruki auf jener Straßenseite und wurde auch soeben unsanft zu Boden gerissen. Mit schmerzverzerrtem und gleichzeitig erschrockenem Gesicht blickte Ruki daraufhin in das Gesicht dieses jungen Mannes, welcher in seiner Eile Ruki zu Boden gerissen hatte.

“…‘tschuldigung.”, stammelte dieser darauf und richtete sich rasch vom Boden auf und reichte Ruki seine zitternde rechte Hand.

Man konnte deutlich sehen, dass ihm kalt war. Seine Lippen zitterten und waren bereits bläulich angelaufen. Ruki lächelte aber nur kopfschüttelnd und richtete sich ebenfalls vom Boden auf.

“Schon gut, es ist ja nichts passiert.”, meinte Ruki und musterte sein gegenüber. Er bemerkte sofort, dass seine Klamotten bis auf jede einzelne Faser durchnässt waren und schüttelte seinen Kopf.

“Es ist Winter und du läufst klitschnass durch die Gegend?! Bist du verrückt?!”, bemerkte Ruki daraufhin beinahe schon aufgebracht und blickte in das erschrockene Gesicht des jungen Mannes.

Er machte auf Ruki in diesen Moment einen schüchternen Eindruck und er schüttelte abermals seinen Kopf. “Ich…ich hatte es eilig…”, stammelte  dieser darauf und blickte völlig nervös in Ruki’s fast schon frech grinsendes Gesicht. “Ich bin bekloppt, aber du kommst jetzt mit zu mir und wärmst dich auf.”, sagte Ruki darauf und zerrte den völlig durchnässten, jungen Mann, welcher sich nicht einmal dagegen wehrte, hinter sich her. Es war kaum viel Zeit darauf vergangen, als beide bei Ruki Daheim auftauchten. Seine Mutter blickte verwirrt in das Gesicht ihres Sohnes, welcher ihr aber nur ein freches Lächeln schenkte.

“Kouyou hat vor wenigen Minuten angerufen, er hatte nach dir gefragt.”, sagte die Frau, welche nicht gerade mal viel größer als ihr eigener Sohn war. Doch Ruki blickte dieser Frau nur abwartend ins Gesicht, statt  sofort danach zu fragen, was Uruha von ihm wollte.

“Was hat er gesagt? Ruft er noch mal an?”, fragte Ruki aber dann doch und sah seine Mutter weiterhin abwartend in das blasse Gesicht. Schweigend nickte sie ihrem Sohn zu und verschwand anschließend, und ohne weitere Worte in der Küche.

Ruki schüttelte seinen Kopf und führte sein durchnässtes Mitbringsel in sein Zimmer, gab ihm trockene Klamotten und schob ihn anschließend in das aufgeheizte Badezimmer, um warm duschen zu können. All das beanspruchte nicht sehr viel Zeit, doch für Kai, so der Name des jungen Mannes, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Mit den Händen vor das Gesicht geschlagen stand er in der Duschkabine und ließ erbarmungslos das warme Wasser auf sich niederprasseln.

Ihm selbst schien es ein Rätsel zu sein, warum es ihm plötzlich schlecht ging.

Kai war mit der Welt, in der er bislang lebte, unzufrieden. Ihm fehlte ein Ort, an welchem er sich geborgen und willkommen fühlen konnte. All das gab es bislangem nie für ihn und umso größer wurde die Sehnsucht danach. Doch plötzlich nahm Kai laute Stimmen aus dem Flur war, welche ihn erschrocken zusammenfahren ließen. Das Zetern einer Frau war zu hören und wie sie jemanden anzuschreien schien. Kai erkannte  bereits an der Stimme, dass es Ruki’s Mutter war.

“Ich weiß nicht, Takanori, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass du unser Haus zu einem Hotel machen willst. Die Nachbarn unterhalten sich bereits darüber.”, meinte Ruki’s Mutter etwas ruhiger, als diese in der Tür ihres Sohnes stand und diesen beinahe schon eindringlich ansah.

Ruki vermittelte ihr jedoch nicht wirklich das Gefühl, als würden ihn die Worte seiner Mutter interessieren. Er ging weiterhin seiner Beschäftigung nach und behandelte seine Mutter wie Luft.

“Entweder das hört auf, oder dein Vater und ich sind gezwungen, dich rauszuwerfen.”, drohte Ruki’s Mutter nun und selbst dies schien ihren Sohn nicht im geringsten zu interessieren, bis er seiner Mutter einen wütenden Blick zuwarf und doch versuchte er dies mit einem  Lächeln zu vertuschen.

“Damals hattet ihr euch beschwert, warum ich keine Freunde habe. Und heute denkt ihr gleich, ich wäre vom anderen Ufer, nur weil ich Freunde zu mir nach Hause einlade. Jetzt? Jetzt wollt ihr mich auch noch rauswerfen? Ihr seid Spießer, man  kann euch nichts recht machen.”, zischte Ruki und blickte darauf in die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter. Und Ruki wusste, dass er bei seiner Mutter bereits Grenzen erreicht hatte, die er lieber nicht überschritten hätte.

Er ahnte bereits, dass sie jeden Moment auf ihn zugestürmt kommen und ihn ohrfeigen würde, doch wehrte sich Ruki nie dagegen - weil er Angst davor hatte, plötzlich Dinge zu tun, die er  sich niemals verzeihen könnte. Er steckte lieber ein, als auszuteilen.

“Takanori, ich meine es ernst.”, meinte seine Mutter und ´betrat das Zimmer ihres Sohnes.

 

“Ihr seid Heuchler! Hinterhältige und dreckige Heuchler! Warum habt ihr mich eigentlich in die Welt gesetzt? Nur, um mich jetzt niederzutrampeln? Wieso hast du mich nicht abgetrieben? Wieso?”, schrie Ruki seine Mutter an und wirkte nun mehr als ein verzweifelter, alleingelassener Junge.  Er wusste in jenem Moment nicht, was er tun sollte. Was war richtig und was falsch?

“Wieso hast du es nicht getan, dann wäre mir eure Heuchelei erspart geblieben!”, schrie Ruki weiter und schmetterte das Glas in seinen Händen mit voller Wucht auf den Teppichboden. Ein klirrendes Geräusch ertönte, welches Kai schlagartig aus dem Badezimmer treten ließ. Nervös fuhr er sich durch das nasse, schwarzbraune Haar und blickte zu Ruki, welcher ihm entgegenkam. Sein Gesicht war rot vor Wut und Tränen standen ihm in den dunklen Augen. “Ruki?”, Kai war verwirrt und folgte Ruki nach draußen. Die Luft war kalt und feucht, bereitete unangenehme Gänsehaut. In der Dunkelheit versuchte Kai Ruki zu finden, obwohl er nicht wusste, warum. Kai wusste zu jener Zeit so vieles noch nicht, denn er selbst schien ein wandelndes Rätsel zu sein.

Aber nachdem er in die ewige Dunkelheit starrte, erblickte er Ruki - völlig in sich aufgelöst und wütend. Doch plötzlich hatte Kai das Gefühl, das jeden Moment etwas geschehen würde, was sein Leben verändern könnte. Vielleicht war es aber doch nur eine Illusion, welche in jenem Moment wie eine Seifenblase zerplatzte, als Kai sah, wie Ruki auf der Straße stehen blieb, ohne, dass er wirklich zu realisieren schien, dass ein LKW auf ihn zugerast kam.

Die Zeit darauf  schien stehen geblieben, als Kai auf Ruki zugestürmt kam.

Seine Knochen fühlten sich schwer wie Blei an und als würde er sich nicht von der Stelle rühren können. Das grausame Geräusch quietschender Reifen ertönte und der verzweifelte Schrei einer Frau hallte in der Dunkelheit wieder und dennoch geschah es…

“Ruki!!!”

Gratis bloggen bei
myblog.de