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Yami wo & Jiyuue

Cassis

yami (wo) alias Jasmin
NAMONAKI JIYUUE alias Mandy

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Snowwhite-Innocence

Kapitel 8

“Du Idiot! Du verdammter Idiot!!!”, kreischte Mandy regelrecht, als sie sah, wie Kai in Fumie’s Armen lag und sich von dieser das Gesicht berühren ließ. Ja, es war sein scheinbar zufrieden wirkendes Lächeln, welches Mandy wütend werden ließ, sodass ihr schlagartig Tränen in die Augen stiegen. “Du bist ein Arschloch!!!”, kreischte sie nur wieder und bewegte sich mit hastigen Schritten über den Flur.
Fumie hatte erschrocken die Augen aufgerissen und Kai von sich geschoben, auf welchen sich Mandy wie eine wild gewordene Bestie stürzte.
“Warum machst du so etwas? Wieso? Wieso bist du so ein Idiot?”, schrie Mandy Kai an, obwohl dieser noch gar nicht realisiert hatte, dass Mandy vor ihm stand und ihn versuchte, in Grund und Boden zu trampeln.
“Wovon redest du?”, waren nur die Worte, die über seine Lippen kamen, bevor Mandy ihm eine schallende Ohrfeige verpasst hatte. Diese Frage konnte unmöglich sein Ernst sein?
Und es machte Mandy umso wütender, sodass sie Kai eine Ohrfeige nach der anderen verpasste und ihn immer wieder unter Tränen anschrie.
“Ich hasse dich! Ich hasse dich, Kai!”, kreischte sie und brachte nun auch alle anderen dazu, verwirrt blickend in den Flur zu treten.
“Was ist denn hier los?”, lallte Reita, welcher es gerade noch schaffte, sich am Türrahmen festzuhalten, während er sichtlich amüsiert in seinem Zustand das Szenario zwischen Kai, Fumie und Mandy beobachtete, während es Ruki und Aoi aus der Fassung brachten.
“Und du kleines Miststück…”, zischte Mandy und wandte sich darauf Fumie zu, nachdem sie Kai einfach stehen und sich selbst überließ. Es interessierte sie nicht, dass seine Wangen fiebrigrot glühten und brannten. Es interessierte sie auch nicht, dass Blut am rechten Mundwinkel herab lief und ihm plötzlich Tränen über die Wangen rollten.
Kai schien wie festgenagelt, als nun auch er Mandy dabei beobachtete, wie diese Fumie hemmungslos beschimpfte und niedertrampeln wollte.
Ja, in ihr hatte sich alles, was in den letzten Stunden passierte, gesammelt und nun nutzte sie die Gelegenheit, alles herauslassen zu können. Sie schien in diesem Moment jedoch nicht das Mädchen zu sein, in welches Ruki sich verliebt hatte - denn er starrte sie entsetzt an und schien dabei keinen Menschen mehr in Mandy zu sehen.
“…lass die Finger von den Jungs! Denn seit du hier bist, hast du nichts Besseres zutun, als alles kaputt zu machen! In meinen Augen bist du die billigste Schlampe, die mir unter die Augen gekommen ist. Mich würde es echt nicht wundern, wenn du für  einen von den Jungs die Beine breit gemacht hättest.”, keifte Mandy und blickte von Wut zerfressen in Fumie’s blass gewordenes Gesicht.
“Beruhig dich doch erstmal. Du hast nur zu viel getrunken, das bildest du dir alles nur ein.”, versuchte Fumie Mandy darauf zu beruhigen, wenn diese nicht plötzlich angefangen hatte, spottend über Fumie’s Worte zu lachen.
“Klar…ich renne ja auch total blind durchs Leben. Sorry, aber so’n Schaden wie du habe ich noch lange nicht!”, schrie Mandy von neuem los  und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen. Ihr Gesicht lief puterrot an und ihr wurde unglaublich warm, auch das Blut in ihren Schläfen pochte und plötzlich überkam Mandy ein leichter Schwindel, welcher sie taumeln ließ. Sie nahm darauf nur Ruki’s Stimme wahr, doch verstand sie seine Worte nicht. Er packte Mandy am Arm und wollte diese von Fumie, welche völlig in Tränen ausgebrochen war, wegzerren, wenn sie sich nicht krampfhaft dagegen wehrte und Ruki von sich wegstieß.

“Lass mich in Ruhe mit deinen Moralpredigten! Wenn du ihr über den Weg traust, dann tu dir keinen Zwang an, aber dann musst du auf mich verzichten!”, zischte Mandy und blickte in Ruki’s erschrocken wirkendes Gesicht, welches schlagartig Reue ihren Worten gegenüber auslöste.
“Sorry…”, murmelte sie anschließend und ergriff die Flucht nach draußen.
Der Abend war vorbei, endete in einem Chaos aus Tränen und Streit - das wurde Mandy bewusst, als sie den Gehweg entlang lief und weder nach rechts, noch nach links blickte, als sie die Straße überqueren wollte. In diesem Moment war ihr alles egal und innerlich gab sie Fumie Recht, zu viel getrunken zu haben.
Doch darauf nahm Mandy lediglich die Worte “Pass auf!” wahr, bevor ein leichter Schmerz ihren Körper durchfuhr und zusammenzucken ließ.
“Pass auf…”, wiederholte es sich leiser und näher als zuvor.
Ja, es war diese angenehme Wärme und der Gänsehaut verursachende Geruch von Parfum gemischt mit kaltem Zigarettenrauch, welcher Mandy realisieren ließ, dass sie zu Boden gerissen wurde und auf dem Gehweg der anderen Straßenseite lag.
“Hast du keine Augen im Kopf?”.
Es war das Gesicht von Aoi, welches Mandy nun vor sich sah und welches ihr von neuem Tränen in die bereits geröteten Augen trieb.
Sie verstand nicht, warum er hier war.
Sie verstand so vieles nicht und wollte es auch gar nicht.
“Lass mich…”, murmelte sie und drückte Aoi von sich herunter, um aufstehen zu können.
“Bist du echt so scharf darauf, dich von’nem LKW überrollen zu lassen?”, fragte Aoi darauf sichtlich abwartend und beobachtete Mandy dabei, wie diese schweigend mit den Schultern zuckte und ihn prompt stehen ließ. Sie lief einfach weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin und genauso wenig wusste sie, warum Aoi ihr noch immer hinter herlief. Er redete permanent auf sie ein, doch ignorierte sie die Worte, endlich umzukehren und lief unverändert weiter.  Wo sie im Endeffekt landen würde, wurde Mandy erst bewusst, als sie sich auf einer Wiese eines dicht bewachsenen Parks niedergelassen hatte und in die dunklen Baumkronen starrte. Ihre Arme waren ausgebreitet wie Flügel und Gänsehaut überflutete ihren Körper, als sich das feuchte Gras an sie schmiegte.
“Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden?”, ertönte Aoi’s Stimme in einem leicht gereizten Ton, als dieser sich abwartend mit den Händen in die Hüften gestützt vor Mandy stellte.
Diese aber lächelte nur teilnahmslos und erinnerte dabei an eine Abhängige, die die Wirkung ihrer Drogen verspürte.
“Kannst du nicht einfach still sein und mich in Ruhe lassen?”, fragte Mandy darauf seufzend und richtete ihren Oberkörper auf. Sie starrte lediglich Aoi’s Hosenbeine an, statt ihren Blick in sein Gesicht zu richten. Aoi hingegen verstand die 23jährige nicht und hockte sich vor dieser wie vor einem kleinen Kind hin.

“Nein, dass kann ich nicht. Ich bin kein Unmensch und will auch nicht, dass dir etwas passiert. Für heute Abend war das echt genug.”, erklärte Aoi, trotz, dass er lieber zu den anderen zurückgehen würde. Doch kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, konnte Aoi im hellen Laternenlicht beobachten, dass Mandy erneut Tränen über die Wangen liefen und wie diese sie sich schweigend wegwischte.
“Ich will das alles nicht mehr…”, seufzte sie und warf sich beide Hände vor ihr Gesicht. Mandy verspürte darauf Aoi’s Hände auf ihren Schultern und wie dieser sie an sich drückte.
“Du hast nur zu viel getrunken, der Alkohol hat dir nicht gut getan.”, meinte Aoi und riss sofort Mandy’s Blick auf sich. Energisch hatte sie ihren Kopf geschüttelt und Aoi von sich gestoßen. “Es ist nicht der Alkohol, es liegt auch nicht daran, dass mir heiß ist. Es liegt einfach an diesem kleinen Miststück von Fumie!”, wurde Mandy laut und richtete sich vom Boden auf, während sie völlig aufgeregt gestikulierte und Aoi unverstandene Blicke zuwarf. “Sie ist an allem Schuld!”, wurde sie nur lauter und Aoi Mühe hatte, Mandy zu beruhigen, als er ihr prompt den Mund zuhielt.
“Meinst du nicht, dass es langsam reicht? Was, wenn sie dich jetzt hören könnte?”, fragte er mit gespielter Ruhe und Mandy sich erneut von ihm losriss.
“Das ist mir scheißegal! Soll sie mich doch hören!”, schrie Mandy nun regelrecht, während Aoi versuchte, sie daran zu hindern, wild um sich zu schlagen.
“Ich hasse sie! Ich hasse sie einfach nur und von mir aus soll sie doch verrecken, ich würde ihr keine Träne nachheulen!”, schrie sie weiter und Aoi keine andere Möglichkeit mehr fand, Mandy zum Schweigen zu bringen, in dem er ihre Lippen mit seinen Mund berührte.
“Sei doch endlich still.”, flüsterte er darauf an ihrem Hals, während er seine Hände fest gegen Mandy’s Rücken und diese somit gegen seinen Körper presste.  
Seine Lippen berührten darauf immer und immer wieder Mandy’s Lippen, ohne, dass diese sich wirklich dagegen versuchte zu wehren.
Mandy hatte in diesem Moment nicht die nötige Kraft dazu.
Sie fühlte sich schwach und gab Aoi nach - ihre Beine fühlten sich wie Gummi an und ließ sie zusammenbrechen.
“Es tut mir leid…”, seufzte sie in die vor ihr Gesicht geschlagenen Hände.
“…aber ich weiß im Moment weder ein noch aus.”, fuhr Mandy fort und spürte, wie Aoi ihr die Hände aus dem Gesicht strich. Sein Lächeln und die Wärme seiner Hände in ihrem tränennassen Gesicht versuchten ihr zu signalisieren, dass das alles nicht so schlimm war, wie sie vielleicht dachte. Doch was wäre, wenn Aoi sich irren würde?
“Hör auf zu weinen.”, sagte dieser und strich Mandy vorsichtig die Tränen von den Wangen. “…das alles ist ein bisschen viel für mich.”, schluchzte Mandy nur heftiger und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen.
Aoi seufzte, drückte Mandy ins Gras und ließ sich neben ihr nieder.
“Ich glaube, dass ist es für uns alle. So viel Druck gab es lange nicht mehr und schon gar nicht in diesem Ausmaß, wie jetzt.”, sagte er flüsternd und ließ dabei seine linke Hand auf Mandy’s Bauch sinken. Aoi spürte deutlich das Heben und Senken, wenn Mandy atmete.
Es war ein beruhigendes Gefühl, einfach so neben ihr zu liegen, als plötzlich das Klingeln des Handys in Aoi’s Jackentasche diese Atmosphäre zerstörte.
“Geh nicht ran.”, seufzte Mandy unter Tränen und versuchte, Aoi daran zu hindern, an sein Handy zu gehen, welches noch immer penetrant klingelte.
“Geh nicht ran…bitte.”, flehte sie nun regelrecht und blickte in Aoi’s erschrockenes Gesicht.
“Und was, wenn es wichtig ist?”, fragte er und ließ seine linke Hand von Mandy’s Bauch in die Tasche seiner Jacke gleiten.
Sein Blick fiel auf das Display, auf welchem Yoshi’s Nummer zu erkennen war.
“Es ist Yoshi.”, erklärte er und sah nur, dass Mandy energisch ihren Kopf schüttelte.  
“Ich will da nicht wieder hin…”, schluchzte sie von neuem los und war reflexartig aufgestanden. Aoi jedoch blieb nichts anderes übrig, als Yoshi’s Anruf zu beantworten, während sein Blick noch immer an Mandy haften blieb.

“Was gibt es?”, fragte der 28jährige darauf und hörte Yoshi am anderen Ende der Leitung räuspern. “Ich habe die anderen ins Hotel gebracht. Du und Mandy solltet besser auch zurück, schließlich müsst ihr morgen wieder zeitig auf den Beinen sein.”, erklärte Yoshi in ruhigem Ton, welcher Aoi jedoch nur zum Seufzen brachte.
“Ich habe verstanden.”, erwiderte er schließlich und blickte noch immer in Mandy’s Richtung. Doch verriet er Yoshi mit seinem Ton, dass irgendetwas nicht stimmen musste und so fiel auch sofort seine Frage, ob auch wirklich alles in Ordnung sei.
Aoi bestätigte es immer und immer wieder und suchte nach einer Möglichkeit, dass Gespräch mit Yoshi so schnell wie möglich wieder zu beenden.
“Wir sehen uns später.”, sagte Aoi und ließ sein Handy wieder in seiner Jackentasche verschwinden. “Lass uns zurückgehen. Yoshi will uns ins Hotel bringen, die anderen sind auch schon da.”, erklärte er darauf Mandy, welche jedoch unverändert mit ihrem Kopf schüttelte. “Nein, ich will nicht”, wimmerte sie und erinnerte dabei an ein trotziges Kind, welches seinen Willen nicht bekommen hatte.
Dabei existierte etwas in Mandy, welches in ihr die Scheu erweckte, ins Hotel zurückzukehren. Wenn sie überall hingehen würde, so wollte sie nicht zurück in das Hotel. Sie wollte nicht an jenen Ort, der sie mit all den Dingen konfrontierte, die ihr auf unerklärliche Weise wehtaten.
Sie schluchzte darauf nur, denn jede einzelne Silbe, blieb wie ein Kloß in ihrem Hals stecken und hinderte sie daran, all das auszusprechen, was ihr in diesen Moment in den Sinn kam.
Stattdessen schüttelte sie ihren Kopf, während Aoi schon gar nicht mehr zu wissen schien, was er tun sollte, um Mandy umzustimmen.
“Hör auf, dich lächerlich zu machen und komm mit.”, seufzte Aoi, während er sich durch sein dunkles Haar fuhr.
Doch mehr als ein Kopfschütteln konnte er nicht erwarten.
“Nein.”, sagte Mandy nur wieder und entfernte sich mit unauffälligen Schritten von Aoi, welcher ihr nur unverstanden in das Gesicht blickte.
“Ich komme nicht mit…”, seufzte sie und verschwand darauf zwischen den Bäumen.  
Aoi begriff in diesem Moment, der ihn so aussichtslos erschien, nichts mehr.
Er fühlte sich hilflos und statt weiter darüber nachzudenken, machte er sich bei Yoshi bemerkbar.
“Was ist los? Ich stehe schon vorm Club und warte auf euch.”, seufzte Yoshi ins Telefon und nahm darauf Aoi’s aufgesetztes Lachen wahr.
“Es gibt da ein kleines Problem…”, stammelte Aoi und zupfte dabei nervös an seiner Jacke aus  schwarzem Jeans.
“Das wäre?”, fragte Yoshi sofort und ohne dass Aoi länger zögerte, teilte er Yoshi mit, dass Mandy einfach weggelaufen war und er nun nicht wusste, was er tun sollte.
“Komm erstmal zum Club und dann sehen wir weiter. Sicher hat sie es sich anders überlegt und ist  auch bereits auf den Weg zurück.”, waren darauf Yoshi’s Worte, welche Aoi völlig aus der Fassung brachten und über seinen Rücken Schauder laufen ließen.

“Das ist nicht dein Ernst, oder?”, stammelte Aoi und ohne, dass Yoshi seine Reaktion in irgendeiner Hinsicht verstehen konnte.
“Was gibt es dagegen einzuwenden? Sie ist dreiundzwanzig und kein kleines Mädchen mehr, dass man ständig an der Hand hinter sich herzerren muss.”, meinte Yoshi, welcher sich in Aoi’s Augen wirklich keine Gedanken darum machte, dass Mandy etwas passierte, was man in anderer Hinsicht hätte verhindern können.  
Doch selbst Aoi musste seinen Kopf schütteln, als dieser Gedanke in seinem Kopf umherschwirrte - was, wenn sie wirklich noch dieses kleine Mädchen war, auf das man stets aufpassen musste?
“Es gibt viel dagegen einzuwenden, Yoshi. Denke mal daran, wen du vorhin völlig betrunken ins Hotel gefahren hast! Bist du echt so scharf darauf, dass noch etwas passiert?”, fuhr Aoi Yoshi darauf an, obwohl Yoshi darauf versuchte, auf ihn einzureden, erst einmal zurückzukommen und abzuwarten, bevor er sich weiter verrückt machen würde.
Aoi wäre jedoch kein Mensch gewesen, wenn er Mandy einfach zurück und sich allein überlassen würde. Und nun stellte er sich auch die Frage, warum er sie nicht einfach festgehalten  und daran gehindert hätte, wegzulaufen.
Ja, er hätte sie einfach an sich reißen sollen und nicht gehen lassen, egal, wie sehr sie sich dagegen wehrte. Aber so schnell dieser Gedanke existierte, genauso schnell verflog er, als Aoi erneut Yoshi’s Worte vernahm.

“Was ist eigentlich los mit dir? Vorher hat es dich doch auch nicht interessiert, wo sie steckt oder was sie tut! Habt ihr jetzt alle einen Schaden?!”, regte sich Yoshi regelrecht auf und brachte Aoi nur ein hämisches Lächeln auf die Lippen.
“Du hast doch gar keine Ahnung, Yoshi. Manchmal habe ich das Gefühl, dass du gar nicht willst, dass Mandy und Jasmin hier sind. Gib doch zu, dass es dir lieber wäre, sie würden wieder verschwinden.”, konterte Aoi und konnte sich bereits vorstellen, wie rot Yoshi vor Wut sein würde. Er lächelte und schien damit nicht aufhören zu können.
“Und ich frage mich, wie alt du bist, damit du dich in solche Kindereien einmischen musst. Oder soll ich eher sagen, dass du völlig schwanzgesteuert in der Welt herumläufst? Bist du schon so geil auf Mandy, dass du ihr schon permanent am Arsch kleben musst? Komm schon Aoi, was soll dieser Blödsinn? Wir sind erwachsene Menschen und kein Kinderverein. Lass Mandy doch einfach machen, vielleicht braucht sie einfach ihre Ruhe und nicht jemanden, der ihr auf die Nerven geht.”, seufzte Yoshi ins Telefon und schien gar nicht weiter auf dieses Thema eingehen zu wollen.
Aoi lachte jedoch ins Telefon und schüttelte dabei leicht seinen Kopf.
Er wollte einfach nicht begreifen, dass selbst Yoshi so leichtfertig mit dieser Situation umging. Dabei konnte sich dieser Mann scheinbar nicht in die momentane Lage hereinversetzen. Wäre Ruki jedoch an Yoshi’s Stelle gewesen, so hätte er sicherlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit Mandy zurückkommen würde.
Und genau dieser Gedanke machte Aoi schlagartig wütend, obwohl er nicht wusste, was genau zwischen Ruki und Mandy ablief, so war es doch ein ansteigend seltsames Gefühl.
Warum dachte er gerade jetzt an Ruki?
Weshalb verschwendete er jetzt seine Zeit damit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was Ruki in dieser Situation, in welche Yoshi sich nicht hineinversetzen konnte, tun würde?
Wieso tat Aoi es, wenn er doch selbst in der Lage sein konnte, genauso zu handeln?


“Du hast einfach keine Ahnung. In meinen Augen ist Mandy noch immer ein kleines Mädchen, welches einfach beschützt werden muss. Wenn du sie einfach gehen lassen würdest, soll das nicht meine Sache sein. Aber ich werde zusehen, dass ich sie finde und ins Hotel bringe, egal, wie lange ich suchen muss.”, waren darauf Aoi’s letzte Worte, bevor er einfach aufgelegt und schweigend seinen Blick in die dunklen Baumkronen gerichtet hatte. Waren das wirklich seine Worte, die er Yoshi zukommen ließ?
Aoi begriff schlagartig seine Situation nicht und schon gar nicht seine Worte.
Einerseits waren sie wahr, doch anderseits hätte er sie im Stillen für sich behalten können.
Es waren Worte, für die der 28ährige selbst noch keine Bedeutung fand - nicht jetzt.
Er wollte sich einfach beweisen, dass er auch in der Lage sein konnte, ein Mädchen zu schützen, egal, wie nah er diesem stand. Doch wovor wollte er Mandy schützen?
Vor sich selbst? Vor ihrer immer mehr werdenden Wut auf Kai? Davor, dass der heutige Abend und all der momentan anhaltende Druck  sie in sich zusammenbrechen lassen würde? Oder davor, dass sie nicht völlig in ihren Tränen ertrank?  
Aoi war sich seiner Worte nicht wirklich bewusst gewesen, ähnelten einem leeren Blatt, auf welchem er planlos Kreise zeichnete.
“Und was mache ich jetzt? Wo soll ich dich suchen?”, murmelte Aoi dem dunklen Himmel entgegen und begann darauf, den Park zu durchqueren.
Dass sein Weg so weit werden würde, konnte selbst der 28jährige nicht ahnen. Es glich einem Labyrinth, welches ihn immer wieder an dieselbe Stelle führte und auch ein Ausweg aussichtslos erschien.
Aoi seufzte, strich sich Strähnen seines dunklen Haares aus dem Gesicht und starrte weiterhin schweigend auf den Weg vor sich, während die Innenfläche seiner blassen, dennoch schlanken rechten Hand den Zaun streifte, welcher ihn auf einen Spielplatz führte.
Das Quietschen einer Schaukel im Wind ertönte und ließ kalte Schauder über Aoi’s  Rücken laufen, brachten diesen zum Zusammenzucken.
Darauf konnte Aoi nur ein leises Schluchzen wahrnehmen.
Es war das Schluchzen eines Mädchens, welches mit gesenktem Kopf auf eine der vom Wind wiegenden Schaukeln saß.
Über Aoi’s Lippen kam ein kurzes Lächeln, als er dieses Mädchen dort sitzen sah und er wusste genau, dass es nur Mandy sein konnte. Er näherte sich ihr und lächelte unverändert, auch noch, als er vor ihr stand und auf sie herabschaute, bis er seine rechte Hand hob und über ihr Haar streichelte. “Du hättest nicht weglaufen müssen…”, waren darauf seine Worte und brachten Mandy schließlich dazu, ihr weinendes Gesicht gegen Aoi’s von seiner Jacke bedeckten Bauch zu pressen und ihre Arme um seine Hüften zu schlingen. Ihr lautes Schluchzen versiegte in Aoi’s Jacke und schien auch nicht verstummen zu wollen.
“Es tut mir leid…”, wimmerte sie leise und ließ Aoi nur unverändert lächeln.
Er löste sich von Mandy und hockte sich anschließend vor ihr, nahm ihr weinendes Gesicht zwischen seine Hände und strich vorsichtig mit beiden Daumen die Tränen weg.
“Es ist okay, solange es dir gut geht. Schließlich wäre es auch meine Schuld gewesen, wenn dir etwas passiert wäre...”, versuchte Aoi zu erklären und entlockte mit seinen Worten auch Mandy ein schwaches Lächeln.  
Ein ganz anderes Gefühl stieg in Mandy auf, als sie Aoi’s Nähe verspürte - ein Gefühl, welches sie nicht definieren konnte, egal, was sie unternehmen würde.
Doch darauf schlich sich eine Frage in ihren Kopf, welcher zuvor vollkommen leer erschien.
Warum tat Aoi das? Warum für sie?

Sie dachte nach, versuchte es zu verstehen und doch fand sie keine Antwort, nur ein verwirrter Blick, welchen sie in Aoi’s Gesicht richtete.
“Wieso?”, kam es schließlich nur tonlos über ihre von Tränen benetzten Lippen, welche bis eben noch ein schwaches Lächeln zeigten und dieses schlagartig verblasste.
“Wieso?”, wiederholte Aoi, welcher Mandy nicht zu verstehen schien, sei es ihr verwirrter Blick oder ihre Worte.  
“Wieso ich das tue? Ich weiß es selbst nicht genau. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass im Moment genug passiert…vor allem, was deine Schwester angeht.  Es reicht schon, dass sie völlig am Boden ist, deswegen bin ich der Meinung, dass man dich davor bewahren sollte, genauso zu enden.”, versuchte er schließlich zu erklären und vermittelte Mandy dabei das unangenehme Gefühl, als würde Aoi mit einem kleinen Kind, statt einer jungen Frau reden. Ja, als behandelte er sie wirklich wie dieses kleine Mädchen, von dem er vorhin gesprochen hatte. Völlig unverstanden hatte Mandy darauf in Aoi’s Gesicht geblickt.
“Wieso behandelst du mich wie ein Kind, dass nicht in der Lage ist, allein auf sich aufzupassen. Außerdem ist es doch allein meine Sache, was ich tue.”, regte sie sich auf und erhob sich von der Schaukel, während ihr angehender Versuch, sich an Aoi vorbeizudrängeln, scheiterte und sie von ihm von neuem aufgehalten wurde.
Sein Blick, welcher der 28jährige in seinem Gesicht trug, war so stechend, dass in Mandy das Gefühl aufstieg, einen völlig fremden Menschen vor sich stehen zu haben. Sie kannte Aoi bisher mit einem sanften Ausdruck im Gesicht, egal, in welcher Situation er sich befand. Doch nun wendete sich das Blatt schlagartig und Mandy schien alles andere als begeistert davon zu sein. Dabei war sie wohl immer diejenige, die in Aoi einen kleinen Jungen sah, welcher nicht in der Lage war, das Leben wirklich ernst zu nehmen - schon immer war es mehr Schein als Sein. Mandy hatte sich geirrt und spürte, wie Scham gegenüber dem 28jährigen in ihr aufstieg und ihren Kopf senken ließ.
“Ist es wirklich so schwer, zu begreifen, dass man nicht immer alles alleine schaffen kann? Vor allem du, die es schon immer schwer zu haben schien, in ihrem Leben richtig klar zu kommen.”, meinte Aoi mit sichtlich gespielter Ruhe, während er Mandy dazu brachte, wieder in sein Gesicht zu blicken.
Seine Hände waren so weich und warm, dass Mandy in diesen Moment nicht in der Lage war, etwas zu erwidern. Sie blieb einfach stehen und blickte erneut in Aoi’s Gesicht.
Hier, in seiner Gegenwart, schien alles in Ordnung zu sein - weit abgeschnitten von den anderen und den Tatsachen, die sie hierher geführt hatte….

“Hau ab, lass mich in Ruhe! Ich will dich nicht sehen!”, plärrte Jasmin in ihrem Hotelzimmer, während Uruha im Versuch war, Kai von ihrem Zimmer fernzuhalten. Er schien sich für das, was an diesem Abend vorgefallen war, zu schämen - suchte nach Rechtfertigungen und Erklärungen, die scheinbar nicht zu existieren schienen.
“Ich glaub es ist besser, wenn du jetzt gehst. Oder macht es dir Spaß, sie so fertig zu machen? Aber lass dir eines bewusst werden, Kai, du bist sie ein für alle mal los und warum? Weil du es anscheinend nicht anders wolltest. Dabei hättest du es dir so einfach machen können, schon allein, weil du nicht anders als Jasmin fühlst. Na ja, Doofheit muss eben bestraft werden.”, trampelte Uruha Kai beinahe in den Boden. Dabei waren Uruha’s Worte wahr. Kai war selbst schuld, dass sich alles so schlagartig geändert hatte - dass Jasmin ihn ohne Zweifel hasste und viel lieber sterben würde, als ihm noch einmal unter die Augen treten zu müssen.


“Mehr, als entschuldigen, kann ich mich nicht. Ich weiß, dass es ein Fehler war.”, seufzte Kai, welcher plötzlich den Tränen nahe war und gar nicht zu wissen schien, wie er diese weiter verstecken konnte. “Lass mich bitte zu ihr…Bitte, Uruha.”, flehte Kai darauf und blickte Uruha abwartend in das Gesicht, welches einen so kalten Ausdruck besaß, dass es Kai kalte Schauder über den Rücken laufen ließ.
Uruha jedoch  tat nichts der gleichen, sondern lächelte Kai nur frech in das verzweifelt wirkende Gesicht.

“Das Spiel ist aus für dich. Du hast verloren, Kai.”, kam es darauf über die Lippen des Gitarristen, welcher anschließend im Zimmer von Jasmin verschwand.
“Das ist nicht wahr. Das ist einfach nicht wahr…”, seufzte Kai und vergrub nervös das Gesicht in seinen Händen, während er sich langsam von der Tür wegbewegte.
Alles zog sich in ihm zusammen und glich einem schrecklichen Traum, den Kai gerade durchleben musste. Das, was er in diesen Moment fühlte war weder Hass noch Wut, sondern unerträgliche Seelenschmerzen die ihn wie einen kleinen Jungen weinen ließen.
Nichts schien für ihn schlimmer zu sein, als einen Menschen zu verlieren, den er von Herzen liebte und aus eigener Schuld genauso verlor.
Kai konnte nicht begreifen, warum sich alles plötzlich so ins Negative änderte und dass er selbst dafür verantwortlich war. Ja, er merkte, dass das, was er bis langen zu besitzen schien, nun endgültig verloren hatte.
“Ich will das nicht.”, seufzte er schließlich immer und immer wieder, während er das Gefühl hatte, von einer tiefen Finsternis verschlungen zu werden - er wagte es kaum zu atmen, geschweige denn, noch einen Schritt zu gehen.
Noch nie hatte er sich so leer gefühlt, wie jetzt.
Darauf waren es einfach nur Gedanken, die in seinem Kopf umherschwirrten, als Kai aufgelöst in seinem dunklen Zimmer stand - Gedanken an den Tag, an dem er Jasmin kennen lernte.
“Es tut mir leid, aber ich kann jetzt nichts anderes, als das zu tun.”, sagte er, bevor er sie einfach geküsst hatte. Ja, er tat es, obwohl er Jasmin erst seit wenigen Stunden kannte.
Schließlich waren es nur seine Versuche, sich dafür zu rechtfertigen, die jedoch kläglich scheiterten. “Wieso versuchst du dich dafür zu rechtfertigen? Ich find es nicht schlimm.”, hatte Jasmin darauf nur gesagt und schien wirklich kein Problem damit gehabt zu haben, eher im Gegenteil. “Auch wenn ich dich noch gar nicht richtig kenne, bin ich gerne in deiner Nähe. Das ist komisch, oder? Mir ist so etwas noch nicht passiert und es verwirrt mich etwas.”, lächelte er ihr schüchtern ins Gesicht und doch waren es nun Worte, die wie Glas zerbrachen und klirrend zu Boden fielen. Ein Gänsehaut verursachendes Geräusch, welches Kai darauf inmitten seines Zimmers zusammenzucken und schließlich auf die Knie sinken ließ.

Waren sie denn wirklich so gelogen, dass man ihn jetzt dafür bestrafte?
Nein, sie waren wahr und doch schien es niemand mehr zu sehen. Kai hatte seine Chancen verspielt und ohne, dass er sie sich wirklich zu Nutzen machen konnte. Man hatte ihm keine Möglichkeit dazu gegeben und nun war es zu spät.
Wie ein kleiner Junge kniete er mit vor das Gesicht geschlagenen Händen auf den Boden und schluchzte. Kein klarer Gedanken blieb mehr, der ihn daran hindern konnte, zu weinen. Alles war so unbegreiflich und brachte Kai nur dazu, noch mehr in seinen verbitterten Tränen zu versinken…


“Ich habe ihn weggeschickt.”, sagte Uruha zu Jasmin, als er diese eine Weile von der Tür aus beobachtet hatte. Ihr Zustand, unabhängig von den Unmengen Alkohol in ihrem Körper, ähnelte einer Flut, welche man einfach nicht mehr bändigen konnte. Völlig in ihren Tränen versunken saß Jasmin zusammengekauert auf ihrem Bett und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen.
Die Geräuschkulisse wurde lediglich von ihrem Schluchzen und gelegentlichen Beschimpfungen auf Kai und Fumie gerichtet untermalt.

Nichts und niemand konnte Jasmin in diesen Moment mehr von ihrem Schmerz lösen, dass merkte auch Uruha, als dieser sich fast schon übervorsichtig in Jasmin’s Richtung bewegte.
Sie so zu sehen, brachte sein Herz zum schmerzen.
“Hör auf zu weinen, er ist es nicht wert.”, kam es darauf über seine Lippen und brachte Jasmin dazu, erschrocken in sein Gesicht zu blicken.
“Was weißt du denn schon?”, schluchzte sie laut und schien auch sonst nicht weiter darauf eingehen zu wollen und eigentlich wollte sie nur noch schlafen - ja, einfach die Augen, welche so furchtbar brannten, schließen und alles um sich herum vergessen. “Ich weiß und sehe genug, mehr, als es nötig ist und mehr, als ich es ertragen kann.”, reagierte Uruha darauf beinahe schon angegriffen von Jasmin und das, obwohl er jede weitere Aufregung vermeiden wollte.   
Was am nächsten Morgen jedoch geschah, überstieg all das, was den Abend zuvor fast schon lächerlich erscheinen ließ.
Keiner der Jungs tauchte  am nächsten Morgen am Frühstückstisch auf, sodass diese Tatsache die Stuff - Mitglieder stutzig werden ließ. Vor allem Yoshi, welcher seit dem Vorabend mit Aoi in den Haaren lag, brachte es dazu, kaum seinen Mund still zu halten.
Fumie hingegen konnte nur lächelnd den Worten dieses Mannes zuhören.

“Erst kippen sie sich die Birne zu und dann schaffen sie es nicht einmal, zum Frühstück zu erscheinen. Dabei scheint man wohl vergessen zu haben, dass heute ein Termin ansteht.”, regte sich Yoshi permanent auf und schlug dabei mit der rechten Faust auf den Tisch. Einerseits konnten es die restlichen Stuff-Mitglieder verstehen, anderseits aber auch nicht. Man befand sich regelrecht in einem Zwiespalt, sodass man nicht wusste, auf welcher Seite man stehen sollte.
“Yoshi, jetzt reg dich nicht so auf. Spar dir deine Nerven und warte ab. Die Jungs und die beiden Mädchen werden bestimmt jeden Moment hier erscheinen.”, seufzte Kusaka, dessen vollständiger Name  Kazuhito Kusaka  lautete und er der Tourmanager von Gazette war, welcher die Situation, über die Yoshi sich aufregte, sehr gelassen nahm. Er vertraute den Jungs völlig und wusste, dass sie jeden Termin einhalten würden, egal, was am Tag zuvor passiert war. Doch schien Kusaka nicht zu wissen, was am Abend zuvor vorfiel, da er bereits frühzeitig ins Hotel zurückgekehrt war und von all dem nichts mitbekam, was sich hinter seinem Rücken abspielte.
“Du bist so ahnungslos, Kazuhito.”, lachte Yoshi und sah in das verwirrt blickende Gesicht von Kusaka, welcher dabei langsam seine Kaffeetasse sinken ließ.

“Was heißt hier ahnungslos? Gibt es da etwas, was ich wissen sollte?”, fragte er sofort und starrte abwartend in Yoshi’s verräterisch grinsendes Gesicht.
“Es ist besser, wenn du gewisse Dinge nicht weißt, glaub mir.”, meinte Yoshi und verschwand anschließend vom Tisch und ohne, dass Kusaka eine Möglichkeit hatte, etwas darauf erwidern zu können.
“Kann mich mal jemand aufklären?”, fuhr er schließlich genervt auf und starrte in Fumie’s Gesicht, schien die restlichen Stuff-Mitglieder gar nicht weiter zu beachten.
“Sag mal, Fumie, du warst doch den ganzen Abend mit den Jungs und den beiden Mädels zusammen, oder nicht? Gibt es etwas, was du mir erzählen könntest?”, fragte Kusaka und bemerkte ein schüchternes Nicken von Fumie, welche auch mit einem leisen “Ja.” antwortete. Kaum wenige Minuten darauf waren die Beiden verschwunden.

“Er ist dein Freund! Warum tust du ihm so weh? Reicht es nicht, dass ich es tue?”.
“Lass uns damit aufhören!”.
“Es macht alles nur noch schlimmer.”.

Der vibrierende Schmerz in ihrem Kopf versuchte Jasmin daran zu hindern, die Augen zu öffnen. Alles an ihrem Körper fühlte sich plötzlich mit jeder einzelnen Bewegung so unglaublich schwer an.
Im verschwommenen Tageslicht sah sie Uruha am Fenster ihres Hotelzimmers stehen. Schweigend hatte er ihr den Rücken gekehrt und schien in den nächsten Minuten auch nicht wirklich das Bedürfnis danach zu haben, auf ihre Worte zu reagieren.
“Es ist nach, wie vor so, dass mit unserem Auftauchen bei euch so einiges aus den Fugen geraten ist. Ich würde es gern ungeschehen machen. Ist das okay?”.
Und wieder stiegen ihr schlagartig Tränen in die Augen. Deutlich spürte sie das Kribbeln in ihrer Nase, während sie sich an die weiße Bettdecke gekrallt und die Augen fest zusammengekniffen hatte.
Nein, es war nicht okay.
Nichts war okay, denn das Geschehene war nun nicht  mehr ungeschehen zu machen.
Und sie wusste, dass weder sie, noch irgendjemand sonst etwas daran ändern  konnte.
Zunehmend mehr begann das Blut in Uruha’s Schläfen zu kochen.
Schon wochenlang ließ er sich auf Jasmin´s Selbstmitleid ein.
Es fühlte sich ähnlich an, wie die Tatsache, als würde er all den Weltschmerz als Last auf seinen Schultern tragen und sich nicht dagegen wehren können.
Wie gern würde er sie jetzt anschreien, ihr deutlich machen, dass sie sein Leben nicht länger festhalten konnte. Aber das konnte er nicht, denn er war derjenige, welcher sie versuchte, festzuhalten.
Er war es, der nicht ohne sie konnte und somit versuchte, sich an ihr festzuhalten.
In diesem Moment, in dem er sich zu ihr herumdrehte und in ihr rotgeweintes, feuchtes Gesicht blickte, wusste er, dass die Zeit, in welcher er sich nicht mehr dagegen wehren konnte, wenn andere versuchten, sie von ihm loszureißen, nicht einmal mehr einen Lidschlag entfernt war. Dabei fragte niemand, ob er das wollte, oder nicht. Die Welt war rücksichtslos.
Und somit sah er keinen Sinn mehr darin, das alles so hinzunehmen, ihr Verhalten so zu akzeptieren, wie es zu diesem Augenblick war.
Nein, das wollte er nicht. Schließlich machte es alles nicht besser.
Er wusste, wie es sein konnte, aus Selbstmitleid krank zu werden.
Noch einmal musste er das nicht erleben. Und, um so mehr ihm bewusst wurde, dass er es von Anfang an hätte verhindern können, desto wütender wurde er plötzlich.
Mittlerweile konnte er nicht einmal mehr verstehen, weshalb er sich überhaupt in Jasmin verliebt hatte.


Weshalb er von Anfang an gegen private und persönliche Angelegenheiten rebelliert hatte, obwohl er zu jenem Zeitpunkt ihrer Begegnung bereits innerlich nach Vollendung verlangt hatte.
Seit jeher, als sich zum ersten Mal ihre Blicke trafen, schrie seine Seele bereits ihren Namen.
Er hatte nie in irgendeiner Art und Weise Einfluss darauf.
Niemand fragte, ob er es wollte, oder nicht, auch, wenn er mittlerweile wusste, dass von Anfang ihre Gefühle nicht ihm allein gelten sollten.
Und nun war es ihm in diesem Moment auch völlig gleichgültig, dass er zu Jasmin ans Bett stürmte, sie an den Schultern packte, rüttelte und anschrie.
Er  tat es einfach und hinterließ dabei beinahe schon den Eindruck eines Irregewordenen. Dabei fragte auch niemand, ob sie es wollte, oder nicht.
Sie begann einfach zu schluchzen, brachte kaum ein Wort über ihre zitternden Lippen.
Sollte das schon das Ende sein?
Ein Ende, von dem man nicht einmal den Anfang kannte?
“Wann hörst du endlich auf, den Weltschmerz an dich zu reißen und andere damit zu belasten? Du kannst immer nur klagen, aber nie für deine Sache, über die du klagst, kämpfen! Was bist du bloß für ein schwacher Mensch? Merkst du nicht, dass du dich lächerlich verhältst? Kein Wunder, dass Kai dich nicht will!”, fauchte Uruha, an eine Bestie erinnernd.

“Das ist eine Lüge.”.
“Das stimmt nicht!”.
“Du kannst ihn nicht an meiner Seite sehen!”.

“Freiheit ist doch bloß eine Illusion, nicht wahr? Und weil wir nicht in einer Illusion leben können, klammern wir uns so fest aneinander. Eine bittersüße Realität, gegen die wir uns nicht wehren können.”, sagte sie leise, während sie mit beiden Händen Uruha am Kragen seines weißen Hemdes gepackt hatte.
“Ich wünschte, du hättest von Anfang an deine Finger von mir gelassen.”, fuhr sie fort, als sie sich nach seinem Kuss das warme, bittere Blut von der Oberlippe geleckt hatte und prompt daraufhin feststellen musste, dass sie selbst seine Grobheit kaum noch spüren konnte.
Der physische Schmerz auf ihren Lippen trat erst Sekunden später ein.
Und genauso wenig bemerkten beide, dass schon seit einigen Minuten Kusaka, von Fumie gefolgt, in der Tür des Hotelzimmers gelehnt stand und genau das zu sehen bekam, was er zu Anfang noch für unglaubwürdig und hirnrissig hielt. Niemals hätte er für möglich gehalten, dass seine Jungs so unter Einfluss stehen konnten. Ja, er bezeichnete es als Einfluss, denn scheinbar hatte Fumie ihm nur die halbe Wahrheit erzählt. Eine Tatsache, die zunehmend mehr dafür sorgte, dass Kusaka wie ein Blitz  zu Uruha ans Bett raste, ihn von Jasmin losriss und diese prompt geohrfeigt hatte.
Nicht auf Anhieb konnte sie den brennenden Schmerz auf ihrer linken Wange spüren.
Er trat erst ein, als sie Uruha neben dem Bett auf dem Boden knien und ihn erschrocken ihren schmerzverzerrten Blick erwidern sah.
“Ist es das, was du wolltest, als du bei uns angefangen hast, ja? Jeden einzelnen von ihnen vögeln, und scheinbar ist deine Schwester auch keine Ausnahme. Nur leider stand in eurem Vertrag nichts darüber.”, brüllte Kusaka unerwartet laut.
Es lag nicht wirklich in seiner Natur, Frauen zu schlagen oder sie anzuschreien.

Aber vermutlich reichte sein unzulängliches Vertrauen Jasmin gegenüber aus, um Fumie’s Worten Glauben zu schenken.
Andererseits war sie ihm sympathisch und, wenn er ehrlich zu sich selbst sein würde, so würde ihm ganz schnell bewusst werden, dass ein Reueempfinden in diesem Augenblick klüger, als jede vermeintliche Ohrfeige, wäre. Wieder ohrfeigte er sie. Ihr Aufschrei hallte wie ein nie endendes Echo durch das Zimmer. Erschrocken, beinahe schon ängstlich hatte nun auch Uruha seine Augen zusammengekniffen. Sollte dies schon die bittersüße Realität sein, von der Jasmin geredet hatte?
Sie hatte Recht. In dieser wollte er nicht leben.
Dabei übersah er das fast schon schmachtende Lächeln Fumie’s, welche förmlich von sich selbst überzeugt erscheinend in der Tür gelehnt stand und dieses derzeitig leidvolle Szenario zu genießen schien.
“Hör auf.”, hatte sie dann aber gesagt. Allerdings klang ihre Stimme eher weniger überzeugend.
Nur schienen Jasmin und Uruha die Einzigen zu sein, die diese Tatsache bemerkt hatten, bevor Kusaka mit dem Befehl an Uruha, den heutigen Termin abzusagen und umgehend in der Firma zu erscheinen, das Zimmer wieder verlassen hatte.
“Mir ist übel.”, krächzte Jasmin, die Mühe hatte, sich aus dem Bett in Richtung Badezimmer zu bewegen. Uruha’s Hilfeversuche wehrte sie dabei immer wieder schluchzend ab.
Dabei hatte er plötzlich das Gefühl, als hätte Kusaka´s Verhalten ihm erst so richtig deutlich gemacht, dass es nichts wichtigeres gäbe, als das, was man liebt, mit aller Kraft festzuhalten.
Nein, wahrscheinlich war es auch nur die Tatsache, nichts unternommen zu haben, aus Angst, den gleichen Schmerz, wie Jasmin, zu empfinden.
Ja, eigentlich bewies es nur, dass Uruha zu feige war, für seine Sache einzustehen.
Das war eine Tatsache, die ihn selbst zum Schluchzen brachte.
Wieso, wenn er es doch nicht wollte?
Weshalb lag er nachts stundenlang in seinem Bett, von unzähligen Gedanken wach gehalten?
“Es tut mir so leid.”, wimmerte er, in dem er ihr trotz dessen ins Badezimmer gefolgt war.
“Verschwinde”, zischte sie, als sie vor der Toilette kniete.
Doch Uruha wollte nichts von dem, was Jasmin gerade von ihm verlangte, tun.
“Nein!”, entgegnete er ihr laut, in dem er auf sie zu stürmte und sich hinter ihr auf die Knie sinken ließ, um sie anschließend zu umklammern, sein Gesicht gegen ihren warmen Rücken zu pressen und ihren süßlichen Geruch einzuatmen.
“Vielleicht würden wir uns wünschen, die Zeit zurückzudrehen, wenn wir es könnten...”, begann er leise wimmernd.
“.... Aber bitte wünsche es dir nicht. Ich wusste von Anfang an, dass du niemals so viel für mich tun würdest, wie du es in manchen Momenten für Kai getan hättest...”, fuhr er fort, während seine Finger sich noch fester in den Stoff ihres schwarzen Nachtkleides krallten.
“...Und wenn ich jetzt gehe, ist es garantiert, dass jeder versuchen wird, mich von dir fernzuhalten. Jeder wird Fumie glauben. In gewisser Hinsicht hat sie vielleicht Recht, aber hätte sie die ganze Wahrheit erzählt, wäre Kusaka nie so ausgerastet, denn eigentlich seid ihr ihm sehr sympathisch.”.
“Sympathie allein reicht oft nicht, weißt du das nicht? Es geht hier um euren und um unseren Job.”, meinte sie zu ihm.
Er hatte von ihr abgelassen, als sie sich zu ihm umgedreht und ihm in das rotgeweinte Gesicht gesehen hatte. Solche Worte war sie von ihm nicht gewohnt, überhaupt nicht.
Und sie war auch gar nicht überrascht von der Tatsache, dass er sie daraufhin erneut einfach an sich gerissen hatte.
“Bitte schick mich nicht weg. Nicht jetzt, okay?”, flüsterte er an ihrem Hals.
Sein Atem, seine Wärme, die  schon so oft Gänsehaut überall an ihrem Körper verursacht hatte, tat es auch dieses Mal, allerdings schrie tief in ihrem inneren, nach wie vor , ihre kleine Seele nach Kai.
Sie winselte darum, dass Uruha sie endlich aufgeben würde, aber nie war es ihr gelungen, sich wirklich gegen ihn zu wehren. Oft war sie nachts aufgewacht, hatte sich gefragt, warum ein Mensch solch einen überwältigenden Einfluss auf sie haben konnte.
Eine Antwort auf diese Frage fand sie nicht. Warum? Musste sie alles so hinnehmen, wie es geschah? Gab es wirklich kein Gegenmittel?

In den darauf folgenden Sekunden wurde ihr aber bewusst, dass sie damit rechnen konnte, bald von den Jungs weg zu müssen. Ein schmerzlicher Gedanke, welcher sie dazu brachte, sich erwidernd an Uruha festzukrallen.
Wäre alles verschwunden, wenn sie die Augen schließen würde?
Mit zusammengepressten Augen drückte sie ihre blutigen Lippen gegen Uruha’s Hemdkragen.
“Ich werde dich nicht wegschicken.”, sagte sie mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen, als sie den Kopf hob und mit den zitternden Fingerspitzen ihm einige Haarsträhnen von den Wangen strich.
“Ich weiß nämlich, dass ich bald gehen muss, denn ohne weitere Arbeitserlaubnis darf ich hier nicht bleiben. Ich weiß, dass ich an vielem Schuld bin, aber ich kann vielleicht auch nichts dafür, dass ihr beide euch in mich verliebt habt. Nie wollte ich, dass ihr euch wegen mir streitet, aber egal, was ich getan habe, es wurde immer schlimmer. Und irgendwann ist man halt nicht mehr in der Lage, sich mit seinen Gefühlen irgendwo zu verstecken. Ich wollte einfach nur meine Arbeit machen, nichts weiter, aber stattdessen...”, erneut schluchzte sie und stieß Uruha dabei von sich.
“Nein! Nein! Nein!”, flehte er plötzlich verbitterter, als zuvor.
“Lass mich nicht los!”, wieder riss er sie an sich.
Ihr Schluchzen nahm an Lautstärke zu. Was war der Grund für ihre plötzliche Bewegungslosigkeit?
Wie sehr würde sie ihn auf Knien anflehen, doch von ihr abzulassen.
Warum aber ging es nicht?
“Ich liebe dich. Und wenn du gehst, nimm´ mich mit, bitte.”, seufzte er an ihrem Ohr, während seine Finger sich in ihrem Haar vergruben.
“Ich kann dich nicht so lieben, wie Kai. Warum verstehst du das nicht?”.
Es war das erste Mal, dass sie so offenkundig zu ihren Gefühlen stand.
Und so richtig konnte sie in diesem Augenblick auch noch nicht wahrnehmen, dass Kai zusammen mit Yoshi bereits im Badezimmer stand, um nach Kusaka´s Ausbruch an Uruha und den Rest der Band die Situation zu prüfen und, wenn möglich, zu schlichten.
Aber vermutlich war es bereits dafür zu spät, denn auch Yoshi bekam nun den Beweis dafür, was Fumie in diesem Moment bereits dem Management verkündete, hautnah und mit eigenen Augen.
“Lass sie los.”, ertönte Kai´s zitternde Stimme hinter Uruha, der wiederum nichts dergleichen tat. Bekam er es nicht mit?
Währenddessen starrte allerdings Jasmin schon in das völlig in Tränen aufgelöste Gesicht von Kai.
“Ich habe gesagt, du sollst sie nicht anfassen!”, wurde Kai nun lauter.
Yoshi konnte Kai gerade noch an den Schultern klammernd davon abhalten, auf Uruha loszugehen.
“Ich habe es die ganze Zeit gewusst. Schließlich bin ich ja nicht blind, allerdings habe ich irgendwie auch gehofft, dass alles sich im Rahmen hält und nicht so ausartet, wie es bereits der Fall ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier irgendwem von euch glauben kann, aber aufgrund meiner Sympathie euch gegenüber will ich versuchen, es in der Firma so glimpflich, wie nur möglich, ausgehen zu lassen. Ich hoffe, dass es lediglich eine Abmahnung, und nicht gleich eine Kündigung geben wird. Und nun sollten die Jungs erstmal mit mir in die Firma zurück. Ihr wartet ihr. Ich rufe an, sobald ich etwas weiß.”, mischte Yoshi sich daraufhin einfach dazwischen, um Kai´s angestaute Aggression zu bändigen.
Und so schnell Yoshi seine Worte in den Raum geworfen hatte, so schnell konnte Jasmin im nächsten Augenblick gar nicht realisieren, dass dieser sich zusammen mit Uruha und Kai bereits wieder auf dem Flurgang des Hotels im zweiten Stock befand.
Es fühlte sich schmerzlich stark nach Abschied an.
Sie war inmitten des Ganges schluchzend auf die Knie gegangen, während ihre Blicke noch starr den drei Männern nachhingen, und Mandy, die an ihrer Zimmertür einige Meter hinter Jasmin gelehnt stand, das leidvolle Szenario fast schon hautnah miterleben konnte.
Jasmin ähnelte fast schon einer krankhaften Irren, so, wie sie dort mit ihrem Oberkörper wippend am Boden kniete und schluchzte. Ihr Gesicht war plötzlich voller Blut, welches von ihrem Kinn herab aufs Dekollete tropfte. Durch ihren Blutdruckanstieg hatte sie Nasenbluten bekommen.
“Ich werde ihn anzeigen!”, schrie sie plötzlich. Und wie ein Echo hallte ihr Schrei durch die restlichen Etagen des Hotels. “Ich werde Kusaka anzeigen! Er verdient es mehr, dafür bestraft zu werden, Frauen zu schlagen!”, schrie sie weiterhin.
Kaum hatte sie ihre letzten Worte ausgesprochen, so wurde sie auch schon von ihrer Schwester in den Armen gehalten. “Ich glaub, manchmal bin ich mehr große Schwester für dich, obwohl es doch eher der umgekehrte Fall sein sollte, oder?”, versuchte Mandy mit einem schwachen Lächeln und selbst schon den Tränen nah, ihre Emotionen zu bändigen.
“Willst du sie nicht auch trösten?”, rief Mandy Kai am Ende des Ganges entgegen.
“Das hast du doch sonst auch getan!”.
“Du liebst sie doch, hab ich Recht? Das gibt dir nicht das Recht, so mit ihr umzugehen!”.
“Kai!”, rief sie weiter.
Und für einen kurzen Augenblick glaubte Mandy sogar, einen kurzen Blick von ihm erhascht zu haben. Tatsächlich war er für Sekunden eines erwidernden Blickes stehen geblieben.
Allerdings schlief die Zeit nicht, und somit war auch dieser kurze Moment schnell vorüber, und weder Kai, noch Yoshi oder Uruha waren nun noch zu sehen. Sie waren verschwunden.
Sie hatten nichts weiter zurückgelassen, außer zwei von Gefühlen zerfressene Mädchen, die in diesem Moment nichts weiter tun konnten, als selbst füreinander da zu sein.

Du warst immer da...
...und doch so weit weg.



“Hat sie Kusaka angezeigt?”, fragte Kai, welcher bei Jasmin, die seit Tagen wieder mit Fieberschüben zu kämpfen hatte und die meiste Zeit über nur schlief, am Bett saß und auf eine Antwort von Mandy wartete, die wiederum müde erscheinend am Fenster stand und in Gedanken versunken hinaus starrte.
“Ihre Wangen waren ganz blau, ihre Lippen bluteten und Nasenbluten hatte sie auch. Sie war völlig verstört. Sie fragte mich ständig, ob es okay sei, dass sie dich liebt, sich aber nicht sicher ist, ob sie dir das jemals selbst sagen könnte. Sie fragte mich, ob ich ihr glaube, dass Kusaka Uruha von ihr losgerissen und sie permanent geohrfeigt hat. Im Schlaf ruft sie ständig nach dir. Sie isst kaum, liegt die meiste Zeit nur im Bett und schweigt.”, erzählte Mandy völlig fern von dem, was Kai überhaupt gefragt hatte.
Kai´s Phantasie reichte allerdings so weit aus, um Mandy‘s Erzählungen nach die ganzen Geschehnisse für fast schon psychotisch skurril zu halten.
Doch niemals zweifelte er an der Wahrheit ihrer Worte, schließlich hatte er ähnliche Dinge in der Vergangenheit selbst schon miterlebt.
Jedes Mal stimmten ihn die Erinnerungen daran, dass Jasmin fast gestorben wäre, traurig, wenn er daran dachte.
“Sie brauch einen guten Arzt, vielleicht eine Therapie...”.
“Und du gleich einen Leichenwagen, du Penner!”, entgegnete Ruki, als er durch einen leichten Schlag auf Kai´s Hinterkopf seine Aufmerksamkeit für sich gewinnen konnte.
Erschrocken hatte Kai sich umgedreht.
“Bist du auch heimlich gekommen?”, fragte Kai ohne wirklich überrascht über Ruki’s plötzliches Auftauchen zu sein.
Er nickte und begrüßte Mandy mit einer Umarmung.
Sofort hatte er sich Jasmin zugewandt, während Mandy sich mit ihren Augen erneut dem Sonnenuntergang außerhalb des Hotelzimmerfensters widmete.
“Ihr Fieber sinkt nicht und sie phantasiert...”, meinte Kai zu Ruki, als dieser Jasmins warme Stirn berührte. “Sie muss hier weg. Sie glüht ja regelrecht. Habt ihr schon mal einen Arzt angerufen?”, reagierte Ruki plötzlich völlig aufgebracht.
Und auch er dachte sofort wieder an damals, als Mandy wegen ihrer Schwester völlig aufgelöst Tag für Tag in seinen Armen weinte.
“Nein. Sie braucht keinen Arzt.”, sagte Mandy in einem Ton, in dem man glauben könnte, dass es ihr völlig unwichtig sei.
“Bist du verrückt geworden? Sie brauch medizinische Versorgung!”, sagte Ruki laut, als er auf Mandy zugestürmt war und sie an den Schultern gepackt hatte.
Unaufhaltsam waren ihr dann einfach die Tränen über die Wangen gelaufen. Natürlich ging ihr die gesamte Situation auch sehr nah. Wieso dachten viele Leute immer sofort das Gegenteil?
“Ich kann nicht mehr. Versteht das auch mal jemand?”, begann sie zu seufzen.
“Wir rufen jetzt einen Arzt an und dann gehst du auch ins Bett. Kai wird auf deine Schwester aufpassen, versprochen.”, sagte er lächelnd, während er Kai über Mandy‘s rechte Schulter zunickte und dieser seine Gestik ebenfalls mit einem Nicken erwidert hatte.
Nicht viel Zeit war vergangen, bis ein Arzt kam, um Jasmin Immunaufbaumedikamente und ausreichend Ruhe zu verordnen. Bevor er ging, hatte dieser ihr noch eine Immunlösung in den linken Oberarm gespritzt und angeordnet, dass immer jemand in der Nähe sein sollte, der ihre Körpertemperatur kontrolliert. Kai übernahm ohne Widerrede diese Aufgabe, schließlich war er selbst schon fast von Schuldgefühlen zerfressen. Er redete sich ein, während er bis spät in der Nacht bei ihr am Bett gesessen und ihre Hand gehalten hatte, ihr das, und noch viel mehr schuldig zu sein.
Und so kroch die Zeit dahin.
Eine Zeit, die selbst Mandy das Einschlafen schwer zu machen versuchte.
Oft war sie aufgewacht, aus dem Bett gekrochen und im Zimmer nervös auf und ab gelaufen.
Von Ungewissheit und Schuldgefühlen gekennzeichnet starrte sie auch dieses Mal wieder in das gutmütig, aber müde erscheinende, liebliche Gesicht von Ruki, welcher selbst von Schlafstörungen geplagt am Fenster ihres Hotelzimmers stand und darauf wartete, dass die Zeit verging, oder vielleicht auch stehen blieb.

Außerhalb des Fensters dämmerte bereits der Morgen. Die Turmuhr in unmittelbarer Ortsnähe schlug vier Uhr morgens.
Die darauf folgende Stunden vergingen schweigend langsam und auf den Fluren des Hotels war bereits der morgendliche Verkehr wieder eingetreten.
“Aoi kommt nachher auch vorbei, um zu sehen, wie es dir geht. Schön, oder? Sie alle machen sich Sorgen.”, hörte sie eine sehr vertraute Männerstimme ganz in ihrer Nähe sagen. Eine warme, sanfte Berührung auf ihren Wangen brachte Jasmin kurz zum Zusammenzucken, aber die Augen öffnen wollte sie nicht. Ja, zu oft hatte sie in der Vergangenheit den Wunsch gehegt, vor so vielen grausamen Dingen die Augen zu verschließen. Sie belächelte die sanften Worte, schwieg aber weiterhin.
“Ich weiß...., dass du in diesem Augenblick vielleicht viel lieber von Kai berührt werden möchtest.”.

Uruha?

Seine Stimme hatte sich schon seit langem, wie ein Mal, in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Sie wollte ihre Augen öffnen. Warum fiel ihr diese Tatsache allerdings nur so schwer?
Erinnerungen drängten sich plötzlich in ihren Kopf. Sie sah es vor sich. Das, was einst geschah. Uruha hielt sie im Arm.
“Lass sie los!”. Kai´s Stimme ertönte laut in ihrem Kopf. Er hatte hinter Uruha gestanden, aber noch immer hatte er sie nicht losgelassen.
“Ich habe gesagt, du sollst sie nicht anfassen!”, brüllte Kai.
Seine Stimme war so unglaublich nah und laut in ihrem Kopf.
Noch immer hielt sie ihre Augen geschlossen. Etwas aus Glas oder Porzellan fiel zu Boden und zerbrach, ein lauter Schrei folgte.
Letztendlich riss sie durch eine ruckartige Bewegung die Augen auf. Recht unsanft war Jasmin mit dem Kopf irgendwo dagegen gestoßen, und nun durchfuhr ein stark stechender und vibrierender Schmerz ihren Kopf. Sie schrie auf und begann zu schluchzen, und während der heftigen Auseinandersetzung zwischen Uruha und Kai in ihrem Hotelzimmer, bemerkte niemand von beiden, dass Jasmin sich zwischen dem Dasein des Phantasierens und Schlafwandel, hervorgerufen von Angst und Panik, aus dem Zimmer entfernt hatte.
Wie in Trance irrte sie von einer Etage zur nächsten.
Als würde sie nach jemandem suchen.

Mandy?
Mandy, wo bist du?
Ich bin hier.
Hier bin ich.
Wo bist du?
Aoi kommt auch gleich, um zu schauen, wie es mir geht.
Schön, oder?
Aber mir geht es gut, siehst du?
Ihr müsst euch keine Sorgen mehr machen.
Auch du nicht, Schwesterchen.

Die Schmerzen in ihrem Kopf nahmen wieder zu und erschwerten ihr auch die Sicht.
Zuerst war es hell - sie konnte alles klar und deutlich erkennen.
Aber nach und nach verblassten die warmen Sonnenstrahlen, welche durch die Fenster des Flures in der letzten Etage direkt in ihr Gesicht fielen.
Es wurde dunkel. Der schrille Schrei einer Frau hallte daraufhin durch die Gänge.

Keine Schmerzen mehr, Ich spüre nichts.
Auch die Sonnenstrahlen sind weg. Ich kann nichts sehen.
Wo kommen plötzlich all diese Stimmen her?
Sie rufen meinen Namen. Kannst du sie auch hören?

“Beruhig dich, kleines. Ich bin ja da.
Glaub mir, alles wird gut, das verspreche ich dir.”, flüsterte Ruki liebevoll an Mandy‘s Hals, während er sie in seinen Armen fest an sich gedrückt hielt und außerhalb des Zimmers eine leise Unruhe entstanden war.
“Küss mich.”, forderte er daraufhin, ohne, dass beide wirklich von dem Geschehen auf den Fluren etwas mitbekamen. “Ich kann nicht.”, erwiderte sie seufzend, in dem sie sich zu wehren versuchte und sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
“Doch, du kannst.”, sagte er und tat es daraufhin an ihrer Stelle, allerdings schien selbst diese Tatsache Mandy‘s innerliche Unruhe nicht bewältigen zu können. Es war fast so, als könnte sie ahnen, dass etwas in diesem Augenblick passiert war. Dieses Gefühl schlug ihr so auf den Magen, dass ihr förmlich übel wurde. Ruki schien von all dem aber nichts zu bemerken.
Wieder küsste er sie und im darauf folgenden Moment wurde aber die Zimmertür recht unsanft aufgerissen. Im ersten Augenblick konnten beide noch nicht so recht realisieren, dass  es Aoi war, der vor den Beiden mit recht fassungsloser Miene im Zimmer stand.
Es waren unzählige Nadeln, die dem Gefühl eines unendlichen Brennens in seinen Augen glich, als diese sich mit einem Mal mit Tränen füllten.
Es war nicht allein die Tatsache der Verkündung, dass Jasmin verschwunden war, sondern auch ein Hauch von Eifersucht und Wut, die ihn zum plötzlichen Ausbruch seiner Gefühle brachte. “Anscheinend habt ihr beide es im Blut, euch so über den Verlust bestimmter Dinge hinweg zu trösten.”, begann er laut zu frotzeln.
Als Mandy ihn bewusst dort stehen sah, so verletzt und verbittert, hatte sie rasch von Ruki abgelassen. Wahrscheinlich würde er jetzt mit Worten, wie “Es ist nicht das, wonach es aussieht.” rechnen, aber weder sie, noch Ruki brachten solche oder ähnliche Worte über die Lippen. Mit seiner zittrigen, rechten Hand wanderte er in die Tasche seines schwarzen Kurzmantels und holte sie wieder heraus.
“Es ist bislang das Einzige, was ich von dir haben konnte. Ich wollte es dir irgendwann wieder geben...”, seufzte er mit gesenktem Kopf.
“....und zwar dann, wenn du nicht nur allein deinen Anhänger nimmst, sondern...”, fuhr er fort.

“...vielleicht auch mich.”, beendete er seinen Satz, bevor er den verloren gegangenen Handyanhänger zu Boden warf. Ja, Mandy erinnerte sich daran, ihn bei ihrer ersten Begegnung verloren und seitdem nicht wieder gefunden zu haben. Sie hatte keine Ahnung davon, dass Aoi ihn die ganze Zeit über bei sich getragen hatte.
Es war im nächsten Augenblick sein in Tränen aufgelöstes Gesicht, was er präsentierte, als er den eigentlichen Grund seines Auftauchens verkündete.
Im ganzen Hotel suchte man bereits nach Jasmin.
Allerdings war es Mandy, die Ruki dann einfach von sich stieß und wie eine Besessene nur in Hemd bekleidet durch das Hotel irrte, um nicht noch stärker das Gefühl empfinden zu müssen, eventuell noch etwas Wichtiges zu verlieren.

“Uruha und ich haben gestritten. Es tut mir so leid. Wir haben nicht aufgepasst”, hörte sie Kai in unmittelbar Nähe wimmern.
Aufgelöst in Tränen und völlig verzweifelt außer Atem schluchzend hatte Mandy sich durch die rege Menschenmasse in der letzten Fluretage gekämpft.
Dort sah sie dann ihre Schwester bewusstlos und verletzt in Aoi’s Armen liegen.
Er weinte und überall an seinen Händen klebte Blut.
“Bringst du sie mir auch zurück?”, begann Mandy erneut zu schluchzen, als sie unmittelbar vor ihrer Schwester zu Boden kniete. Wimmernd und mit zitternden Lippen richtete Aoi seinen Blick auf Mandy.
“Macht Platz da. Der Arzt kommt!”, ertönte es aus der Nähe.
Und Ruki war der Letzte, der am Ort des Geschehens ankam.
Aoi’s blutige Hände berührten vorsichtig das Gesicht von Mandy, die selbst überall mit Blut beschmiert war.
“Ich bin keine gute Schwester.”, wimmerte sie leise, als sie vor ihm kniete.
“Doch.”, sagte Aoi.
“Du musst nur besser auf deine wichtigen Dinge aufpassen.”.
Jasmin wurde daraufhin mit Blaulicht in die Notaufnahme des nächst gelegenen Krankenhauses gebracht, in welchem man sich sofort ihren Kopfverletzungen aufgrund des Sturzes von der Treppe gewidmet hatte, bevor man ihren übrigen Körper untersuchte.

“Ich habe dir deinen Anhänger zurückgebracht.
Ich bringe dir auch deine Schwester zurück.”.


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